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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-09-01 · 1-2 (9.1930) · p. Seite 10

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
1-2 (9.1930)
Date
1930-09-01
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
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Zerstörungswerk fort. Da nun zu diesen Zeiten keine Aufforstungsarbeit geleistet, sondern immer nur geschlagen wurde, ist das beinahe völlige Verschwinden der Ceder im Laufe der Jahrhunderte verständlich. Libanon-Zeder Bei den Geboten über das Laubhüttenfest, begegnen uns gleich vier neue Bäume. (3. B. M. 25, 40.) Beginnen wir mit „anaf ez-awot", den „Zweigen des dichtbelaubten Baumes". Nach der jüdischen Tradition ist das ein Myrtenzweig (Myrtus communis). Diese Erklärung stösst auf eine grosse Schwierigkeit. Das richtige Wort für Myrte („hadass") kommt Neh. S, 15 neben dem Worte „ez awot" vor, um etwas anderes als dies letztere zu bezeichnen. Die jüdische Tradition hat sich liier so zu helfen gesucht, dass sie sagt, mit „hadass" sei die wilde (?) Myrte gemeint, mit „ez awot" die „edle" Myrte für den Feststrauss. Die Myrte ist eine für das Mittelmeergebiet typische Pflanze, die auch in Palästina vorkommt. Jeder kennt sie mit ihren wohlriechenden, dunkelgrünen Blättern. Was die Myrte so besonders interessant macht, das ist die Tatsache, dass sie bei allen Mittelmeervölkern im Kult und im Volksgebrauch eine so grosse Rolle gespielt hat. Sie ist eine der „Kulturpflanzen", von denen wir auch noch später zu sprechen haben werden. Die ägyptischen Frauen trugen bei Feierlichkeiten blühende Myrten im Haar und Gewand. Den alten Persern war die Myrte heilig, die Opferfeuer Avurden bei ihnen mit Myrtenlaub geschürt. Bei den Griechen war die Myrte der Aphrodite geweiht (Venus Murtea). Ihre Zweige und Blüten waren das Symbol der Jungfräulichkeit. Bei den Römern spielte die Myrte bei Vermählungen eine Rolle. Aber auch die Totenkränze bestanden aus Myrten zweigen. Ebenso verwendeten die alten Juden die Myrte bei Hochzeiten und Totenfeierlichkeiten. So schreibt Low: „Wer die Gäste zur Hochzeit lud, trug Myrtenzweige in der Hand." Und aus dem Talmud erfahren wir. dass die Leute vor dem Brautzuge mit Myrtenzweigen in der Hand tanzten. Die Särge wurden mit Myrtenreisern bestreut. Es gehört zu den merkwürdigsten Dingen, dass solche Bräuche sich unverändert durch Jahrtausende erhalten. Denn seihst heute noch werden in Mitteleuropa die jungfräulichen Bräute mit einem Myrtenkranz geschmückt und Kränze aus Myrtenzweigen für die Toten ffefloditen. Was überrascht, ist die grosse Aehnlichkeit und Gemeinsamkeit der Verwendung der Myrte bei den eben aufgezählten Völkern. Drei Dinge lassen sich dabei auseinander halten: die Myrte als Symbol der Jungfräulichkeit, als Totenkranz und im engeren Kultgebrauch. Ein weiterer Bestandteil des Feststrausses ist „arwenachal". Hiermit ist die Eup h ra.t-Pappel gemeint (Populus Euphraticus). Die Euphratpappel ist eine Pflanze der Flusstäler Syriens, Bubyloniens, Palästinas und Aegytens. Nebenbei dürfte damit auch die Weide bezeichnet worden sein (nach Low). Den Botanikern ist nun mit diesen „arwenachal ein drolliger Irrtum unterlaufen. In dem berühmten Psalm 157, Vers 2 (An den Wassern Babylons), ist von ..arawim" die Rede. („An den arawim, darin hingen wir unsere Harfen auf".) Man glaubte, dass hier die Trauerweide gemeint siü und nannte deshalb diese Pflanze Salix babylonica, die babylonische Weide. Und so heisst die Trauerweide noch heute mit ihrem wissenschaftlichen Namen. Dabei aber hatte man nicht bedachi, dass die Salix babylonica in Babylonien gar nicht vorkommt, sodass der Artname babylonica ganz irreführend ist. Bisher war nur von Bäumen die Rede, die keine essbaren Früchte tragen. Die Besprechung der Obstbäume soll mit den wunderbaren Worten des 5. B. M. 20, 19 eingeleitet werden: „Wenn du eine Stadt viele Tage einschliessest, sie zu bekriegen . . . verdirb nicht ihren Baumstand, eine Axt gegen ihn zu zücken, denn von ihm sollst du geniessen, du sollst ihn nicht roden: denn ist der Baum des Feldes ein Mensch, dass er vor dir in die Einsdiliessung käme?" Diese Worte bedürfen keiner Erläuterung, sie sprechen für sich selbst. Im 3. B. M. 25, 40 wird bei den Geboten für das Laubhüttenfest von „pri ez hadar" gesprochen. Wörtlich übersetzt heisst das: Früchte des Pracht-Baums. Die jüdische Tradition hat geglaubt, dass der Etrog die Frucht des Prachtbaumes sei. So übersetzt Onkelos diese Stelle (..pere ilana etrogin"), und auch die Erklärung Raschis geht auf den Etrog; er schreibt: „Die Frucht des Hadarbaumes, eines Baumes dessen Holz und Frucht den gleichen Geschmack haben. Hadar, die von Jahr zu Jahr am Baume bleibt, und das ist der Etrog." Was Raschi schreibt — er selbst fusst auf alter jüdischer Ueberlieferung — ist botanisch durchaus richtig, wenn es sich auf den Etrog bezieht. Denn in der Rinde des Etrogbaumes (Citrus medica subsp. genuina var. lageniformis) sind ebenso wie in der Fruchtschale Sekretbehälter, die ein wohlriechendes aetherisches Oel enthalten, weshalb denn auch die Rinde ebenso duftet wie die Frucht. Ferner: Wenn der reife Etrog nicht abgepflückt wird, kann er ebenso wie die Früchte der übrigen Citrusarten bis zum nächsten Sommer am Baume hängen, ohne abzufallen. Aber es ist nicht zu beweisen, dass mit pri ez hadar der Etrog gemeint ist. Der Etrogbaum stammt neben der Apfelsine (Citrus aurantium subsp. Sinensis), der Citrone (Citrus medica subsp. Limonum) und der Mandarine (Citrus nobilis) aus Indien bezw. Südchina. Hier in Südasien ist er beheimatet. Während nun die Apfelsine erst um 1500 n. Chr. von den Portugiesen nach Europa gebracht wurde (bei den Arabern heisst sie deshalb noch heute Bordekai) und die Zitrone audi erst in einem nachchristlichen Jahrhundert über Persien zu den Arabern gelangte, war der Etrog schon im 3. Jahrhundert v. Chr. den Griechen bekannt. Er ist wohl von Indien über Persien und Medien gewandert. Wann die Juden mit ihm Bekanntschaft j machten, ist leider nicht genau zu sagen. Auf jeden Fall j wurde er in Palästina schon sehr früh angebaut und gelangte j von hier aus nach Italien. Hochbedeutsam ist die Tatsache, | dass den Früchten der Citrusarten bei manchen Völkern eine! apotropäische (Dämonen abwehrende) Wirkung zugesprochen I wird, und dass die Citrusarten bei manchen eigenartigen Ccre- I monien eine Rolle soielen. Das wirft vielleicht ein Licht auf l den Gebrauch, den Etrog beim Gebet mit dem Feststrauss in j der linken Hand zu halten. So trug in Indien die Frau, die j sidi nadi dem Tod des Gatten verbrennen liess, eine Zitrone i in der Hand, wenn sie zum Sdieiterhaufen ging. (Hegri: „Als j Symbol der Zusammengehörigkeit mit dem Verstorbenen." i Der Etrog vielleidit ein Symbol der Zusammengehörigkeit mit i Gott?) In manchen Gegenden werden heute noch Zitronen bei j Begräbnissen getragen. Low besdireibt den palästinensisdien j Gebraudi, den Etrog an die Haustür oder an die Wiege zu! hängen, um die „Karine", den weiblichen Dämon, den jeder | Mensch besitzt, zu bannen. „Um wirksam zu sein, muss die : Snitze der Frucht wie ein Vogelschnabel gestaltet sein." | (Weit verbreitet ist die Verwendung des Etrog durch Wöch- | -nerinnen. Audi spielen bei der Auswahl für den Feststrauss im Volksglauben gewisse Eigenheiten eine Rolle: dass Keldi! und Stiel zu einander geneigt seien, dass die Frucht einen „Eva-Biss" aufweise u. dgl. — Sdiriftl.) | Es sei noch erwähnt, dass die Sdiale des Etrog oft so zuj bereitet wird, wie die Sdiale der echten Zedrate (Citrus me- I dica subsp. genuina var. macrocarpa), die so nah mit dem j Etrog verwandt ist, dass man beide nicht immer ganz leicht I untersdieiden kann. Aus der Sdiale der Zedrate stellt man j das Zitronat her, das ja jede gute Hausfrau beim Kucheni backen verwendet. Am Sdiluss der Besorechung des Etrog soll | noch eine niedliche Episode, die die Zedrate betrifft, erzählt I werden, die Eckermann uns von Goethe berichtet. Eckermann

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