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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-09-01 · 1-2 (9.1930) · p. Seite 6

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
1-2 (9.1930)
Date
1930-09-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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den letzten drei Versen setzen die getragenen Töne wieder ein, und zum Sdiluss stimmt die ganze Gemeinde in einen brausenden Jubelruf ein: „Chasak, chasak, weniss- . chasak!" Schon zu Zeiten der letzten.Geonim dürfte der Brauch eingeführt worden sein — der Stil der begleitenden Gesänge und Liturgien deutet wenigstens auf diese Zeit hin — die beiden an diesem Tage stattfindenden Vorlesungen aus dem Schluss und dem Anfang der Thora als symbolische Vermählungen darzustellen. Die beiden zur Thora Aufgerufenen werden als „Chatan Thora" und „Chatan Bereschit" (Bräutigam des Thora-Schlusses, resp. Thora-Anfanges) bezeichnet, über dem Vorlesepult (Almemor) wird während der Vorlesung der Baldachin (Chuppa) gehalten, wie bei einer Trauung. Auch das erste Kapitel der Genesis wird jetzt mit einem festtäglichen „Trop" vorgetragen, der sechsmal wiederkehrende Vers: „Und Gott sah, dass sein Werk gut war" wird gesungen und von der Gemeinde laut wiederholt. Den Aufrufungen, die als besondere Auszeichnungen gelten, gehen längere Einlagen voran. Die ganze Zeremonie in ihrer volkstümlichen und prächtigen Poesie hinterlässt immer von neuem einen starken Eindruck. Schon am Schemini Azeret-Abend ist es üblich, sieben Umzüge (Hakaphot) mit den Thorarollen in der Synagoge abzuhalten. Die Prozessionen, deren Anfänge bis auf die Zeit der letzten Geonim zurückgeführt werden dürfen, werden am Morgen des . folgenden Tages Simchas-Thora wiederholt. In manchen Synagogen der Sephardim, die unter kabbalistischem Einfluss standen und in unseren Zeiten bei den Chassidim war es üblich, auch an dem Abend, der den Schemini Azeret einleitete, aus der Thora vorzulesen, und zwar das Kapitel 33 von „Wesot ha-beracha" bis Ende. Es machte einen eigenartigen Eindruck, in den Abendstunden die Thora ausheben zu sehen. Das Besondere dabei war, dass der zur „Hagbaha" Aufgerufene die Arme übereinander kreuzte und die Thorarolle vom Altar so aufhob, dass die Schrift dem Publikum zugewendet war. Am Schemini Azeret-Abend und am Simchas-Thora morgens wird die Aushebung der Thora durch einen, vielerorts von einem Laien im Wechselgesang mit der Gemeinde vor geöffneter Lade vorgetragenen Hymnus eröffnet, der aus ausgewählten Bibelversen besteht und mit „Atho horei'sso" (Ex. 4, 55) beginnt. Dann werden am Abend wie am Morgen sämtliche vorhandenen Thorarollen in ihren gestickten Mäntelchen und den Kronen ausgehoben. In die Heilige Lade wird, damit sie nicht leer bleibe, ein brennendes Licht gestellt, dann kommen die Prozessionen unter Gesang und bisweilen auch Tanz (den besonders die Chassidim lieben), worauf erst die oben beschriebenen Thoravorlesungen erfolgen. An diesem Tage werden alle männlichen Gemeindemitglieder, sogar die kleinen Knaben, zur Thora aufgerufen, wobei oft mehrere kleine Knaben zusammen die Köpfe in einen Tallit stecken. In den grossen, festungsartig gebauten Synagogen Polens gruppiert sich um den Hauptraum herum eine Anzahl kleiner Kapellen, die den verschiedenen Vereinen gehören. An diesem Tage wird in allen diesen Räumen gleichzeitig eine Thora-Vorlesung abgehalten. Es war natürlich, dass dieser ganz um den Beginn und Ausgang der Thora und um die Freude über sie kreisende Tag die besondere Bezeichnung „Simchas Thora" erhielt. Doch finden wir diese Bezeichnung erst in den Schriften des Isaak ben Jehuda ibn Giat (oder Gajjat), der, ein trefflicher liturgischer Dichter und ausgezeichneter Halachist, 1089 hochbetagt als Rabbiner der angesehenen Gemeinde Lucena (Spanien) und Vorgänger des Alfasi verstarb. Aber noch im 12. Jahrhundert finden wir dafür die Bezeichnung „Wesot ha-beracha". Dass der Sohar schon die Bezeichnung Simchas Thora kennt (Wochenabschnitt „Pinchas" und Thikkunim. Nr. 21), diente manchen Kritikern als Beweis, dass er nicht von Rabbi Simon ben Jochai verfasst worden sein konnte. Spätere Autoritäten erwähnen das Fest im Namen des R. Amram Gaon und des R. Haj Gaon. Tur. Beth Josef und R. Moses Isseries bezeichnen wiederholt das Fest als „Brauch des A s chkenas im". Es war seit altersher üblich, dass die beiden „Bräutigame" anlässlich ihrer „Vermählung" mit der Thora der Gemeinde ein Festmahl gaben. Daraus entwickelte sich mit der Zeit der Brauch, an diesem Tage gesellige Schmausereien und Festgelage abzuhalten. Schon am Vorabend nehmen die Kinder an den Umzügen teil, mit Fähnchen aus geschnitztem bunten Papier, an deren Stangen. ein roter Apfel befestigt ist, in dem ein brennendes Kerzchen steckt. Die Volksfestlichkeiten am Simchas Thora halten sich in einem viel bescheideneren Rahmen als z. B. am Purim, obwohl in manchen Gemeinden an diesem Tage sogar aus Pistolen Freudenschüsse abgefeuert zu werden pflegten. (Da es ein zweiter Feiertag war, nahm man es nicht so genau). Die Chebra Kaddischa hatte ihr traditionelles Festmahl an diesem Tage. Die Festlichkeiten zogen sich gewöhnlich noch ein oder zwei Tage hin. Wenn Simchas Thora auf einen Freitag fiel wurden sie durch den Eintritt des Sabbat unterbrochen und an dessen Ausgang wieder aufgenommen. Viel urwüchsiges, un- * gezwungenes Volksleben entfaltete sich in diesen Tagen. Zur Zeit des Tempels in Jerusalem spielten sich ferner am Ausgang des ersten Laubhüttenfestes zwei hochbedeutsame prachtvolle Zeremonien ab, die verdienen, näher beschrieben zu werden. - Der König als Thoravo rieser. Einmal in sieben Jahren, nämlich am Ausgang des Schmitta-Jahres erschien der König von Israel in eigener Person am Vorlesepult der Thora im Tempel und trug vor versammeltem Volk einige Partien aus dem Deuteronomium vor, namentlich die Königs-Parascha, die von der Einsetzung, den Rechten und den Pflichten des Königs handelt (Deut. 17, 14—20). Das hatte schon Moses angeordnet (Deut. 31, 10—15). Im Frauenhof des Tempels wurde eine Bima (Podium) aus Holz errichtet, auf dem der König Platz nahm. Der Küster reichte die Rolle dem Oberhaupt der Tempelgemeinde, dieser dem Vize-Hohepriester, dieser dem Hohepriester und dieser dem König, der König nahm die Rolle stehend in Empfang und las sitzend vom Anfang des fünften Buches beginnend einige ausgewählte Kapitel. Er sprach acht Segenssprüche, wie der Hohepriester am Versöhnungstage, nur setzte er die Beracha für die Feiertage an Stelle jener für die Sündenvergebung. Von König Agrippa II., der väterlicherseits von Herodes stammte, wird berichtet, dass er bei dem Verse „Aus der Mitte deiner Brüder sollst du dir einen König setzen, du darfst keinen fremden Mann, der nicht dein Bruder ist, zum König über dich setzen", traurig wurde und Tränen vergoss. Das Volk jedoch tröstete ihn, indem es rief: „Sei getrost, Agrippa, du bist unser Bruder, jdu bist unser Bruder." Seine Mutter war nämlich eine Makkabäerin. (Mischna Sota 7, 7.) Das' Freudenfest, des Wasserschöpfens. Laut Vorschrift der Bibel wurde manches Tieropfer von einem Gussopfer (Nesech) begleitet, das aus Wein und zuweilen aus Oel bestand. In das Mehlopfer wurde Oel getan. In vorbiblischer Zeit finden wir aber auch Wasser als Gussopfer. Die Bibel kennt die Wasserlibation nicht. Dagegen erhielt sich dieser Brauch im Volke, und während des zweiten Tempels wurde es sehr beliebt, wahrscheinlich weil es ein demokratisches Opfer war, auch den völlig Unbemittelten erschwinglich. Dem Priesteradel der Sadduzäer war es, wohl eben aus diesem Grunde, ganz zuwider, auch weil die Opferpriester davon keinen Nutzen hatten. Die Pharisäer dagegen hatten das Prinzip, jede im Volke lebende mündliche Tradition, die nur der Thora nicht widersprach, zu respektieren und ihr in der Thora eine Stütze zu suchen. Das taten sie auch bei der Wasserlibation (z. B. Thaanit 2a,.f.). Es ist heute nicht ganz klar, warum das Wasseropfer gerade am Laubhüttenfest bevorzugt wurde und zwar bei Darbringens des täglichen Morgenopfers (Thamid). Vielleicht weil die Vorstellung herrschte, dass am Herbstfest im Himmel das Schicksal der Niederschläge für die kommende Jahreszeit entschieden wird. Möglich auch, dass die Erneuerung dieses uralten Brauches während des babylonischen Exils unter dem Einfluss der dortigen Umgebung stattgefunden hat. Von den Libationen wurde nur das Oel auf das Feuer gegossen.derWein dagegen wur de in einen silbernen Trichter geträufelt, der am Rande des Altars angebracht war und in dessen Untergrund führte. Das Volk erzählte sich, dass von diesem Trichter eine in der Urzeit eigens zu diesem Zwecke erschaffene Rinne bis in die tiefsten Tiefen der Unterwelt führe, wohin die Libation abfloss. Daneben befand sich ein zweiter solcher Trichter mit einer etwas engern wOeffnung für das Wasser. Beide leerten sich zur gleichen Zeit. Die beiden Abflüsse hiessen in der Volkssprache „Schittin". Wie bereits gesagt, waren die Sadduzäer gegen v das Wasseropfer. König Alexander Jannai, der zugleich als Hohepriester fungierte und ein Anhänger der Sadduzäer war, schüttete nun (etwa um das Jahr 100 vor der üblichen /Zeitrechnung) beim Opfern das Wasser nicht in den Trichter, sondern auf seine Füsse. Das Volk bemerkte das, und :die Leute warfen ihm ihre Etrogim an den Kopf. Ein Aufruhr entstand, der dem König das Leben gekostet hätte, wenn nicht die cilicischen und pisidischen Truppen gewesen wären, die in der Stadt garnisonierten und den Aufstand rasch unterdrückten. Seitdem rief man jedem bei dieser Gelegenheit amtierenden Hohepriester zu „Hände hoch!", damit man sah, dass er das Libationswasser nicht wegschüttete. Man richtete es aber auch ein, dass fortab das Wasser für die Libation alle Tage, besonders am Abend des ersten Festtages aus dem benachbarten Quellenbächlein Siloa mit grosser Feierlichkeit und lautem Jubel geholt wurde. Das war das volkstümliche Fest des Wasserschöpfens, das ganz Sukkot gefeiert wurde (Simchat bet ha-schoeba). Die angesehensten und gelehrtesten Männer, insofern sie nicht Sadduzäer waren, beteiligten sich aktiv daran. Am Rüsttage des Laubhüttenfestes machte man im Tempelhof zwei Tribünen zurecht, eine höher gelegene für die Männer, eine tiefere für die Frauen. Fünfzehn Stufen führten von der einen zur anderen. Das Volkfüllte tagsüber die Hallen. Am ersten Festtag, nachdem das tag-

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