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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-09-01 · 1-2 (9.1930) · p. Seite 4

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
1-2 (9.1930)
Date
1930-09-01
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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Königinnen, herrschen sie in verschiedenen Reichen. Wir aber können Bürger beider Reiche sein: des Reichs der natürlichen und des Reichs der göttlichen Wirklichkeit, die man auch das Reich der Ewigkeit genannt hat. Unsere Alten haben einst streng unterschieden zwischen Offenbarung und Inspiration. Offenbarung war ihnen die spontane Gottestat, vor allem die geschichtliche Tatsache der dem ganzen Volk Israel wahrnehmbaren Verkündigung Gottes am Berge Sinai. Inspiration war ihnen der göttliche Haudi, das seelische Berührtwerden von Gott bei besonders bevorzugten Menschen, die man Propheten nannte. Für uns haben sidi diese früher so bedeutsamen Unterschiede verwischt, weil uns Offenbarung nicht ein einmaliger, gewesener, sondern ein bleibender, stets gegenwärtiger Vorgang ist, kein sinnlich wahrnehmbarer, sondern ein geistiger Ausdruck des unmittelbaren Verhältnisses zwischen Gott und dem empfänglichen Menschen, ein Reden von Seele zu Seele. Erscheint uns so Offenbarung als die Erkenntnisquelle des subjektiven Glaubens, als die Grundlage dessen, was wir Frömmigkeit nennen, so müssen wir für das, was wir den objektiven Glauben, die positive Religion,, den jüdischen Glauben nennen, um so stärker das objektive Moment betonen. Was wir darum vorher von der selbsterlebten Offenbarung im Gegensatz zu der geschichtlichen Offenbarung hervorgehoben haben, müssen wir hier, wo es sich um die Feststellung des Begriffs „positive Religion" handelt, einschränken und auf das, riditige Mass zurückführen. Glaube kann nicht anders als persönlich, selbsterlebt sein, es sei denn, dass wir Glaube im Sinn von Religion nehmen. Religion hinwiederum kann nidit anders als gesdiiditlidi sein, es sei denn, dass wir Religion subjektiv, im Sinne von Religiosität, Frömmigkeit nehmen. Objektive Religion kann der gesdiiditlidien Grundlage nidit entbehren. Das haben wir seit den Tagen der Aufklärung gelernt, dass es keine Religion an sich, keine Religion der Vernunft, keine geschiditslose Religion je gab, nodi je geben wird. Darum hat das Zeitalter der Aufklärung keinen dauernden Einfluss gewinnen können, weil es verständnislos den tiefen Mäditen der Gesdiidite und des Volksgemüts gegenüberstand. Religion ist kein individualistisches, kein abstraktes, ein. fadies Gebilde, sondern ein soziales, konkretes, differenziertes Erzeugnis der Gesdiidite. Das Historische und die Gemeinsdiaft sind der Mutterboden der positiven Religion. Jede Religion, die sidi von ihrem Mutterboden völlig losgerissen hat, muss unfehlbar zugrunde gehen. Sie hat ihren Lebenszusainnjenhang, mit dem reidien vollen Dasein historischer Gegegebenheit verloren. An Religion hat der einzelnenur teil als Glied eines gesdiiditlidien Lebenskreises. Die bewusstc Bindung an die starken Pietätsmomente der Vergangenheit, der Feierklang festlidier Erinnerungen, in die Generationen ihre ganze Seele hineingelegt haben, die ganze reidie, individuell getönte Färbung des jüdis'di-religiösen Familienlebens erzeugt jene Geniütsstimmung, auf der die wirkende starke Madit der positiven Religion allein beruht. Durdi ihren geheimnisvollen Zauber dem Kinderherzen lieb geworden und unbewusst als Bereidierung des sonst so armen Lebens empfunden, werden die kindlichen Erinnerungen zum klingenden Spiel, das.nodi die Seele des Alters mit leisem Wohlklang durchzieht und das- Alter mit der Kindheit und die fliehenden Gesdilediter miteinander verbindet.; Bei uns Juden aber münden alle Erinnerungen-in den mit der leuchtenden Farbenpracht dichtender Phantasie umwobenen Moment der feierlidien Weihe Israels zum gesdiiditlidien Volk der Offenbarung. Darin liegt auch für uns die überragende Bedeutung der Sinaioffenbarung. Der Nimbus eines einzigartigen gesdiiditlidien Augenblicks — mag die Tatsächlidikeit des Gesdiiditlidien wissensdiaftlidi nodi so umstritten sein — umgibt für alle Zeiten diese Offenbarung. Wo Jahrtausende eine grosse Stunde als Geburtsstunde ihrer gesdiiditlidien Bestimmung angesehen und als ragende Warte der Zeiten hingestellt haben, wo tausend Geschlechter mit dem heissen Pulsschlag ihres Herzens, mit der tiefsten Demut ihrer Seele angebetet haben, da ersdieint die Frage nach der gesdiiditlidien Tatsädilidikeit kleinlich und töricht. Nicht was einmal war, sondern was es für uns geworden ist, das gibt ihm seine Weihe. Und wenn es nidits als Diditung wäre, von seiner Grösse und Bedeutung würde ihm nidits geraubt; denn „was sidi nie und nirgends hat begeben, das allein veraltet nie." Wer aber die ganze Bedeutung der Sinaioffenbarung als der andern grossen Grundlage unsres Glaubens in ihrer tiefsten Wurzel erkennen will, der darf vor allem das Bedürfnis des Mensdien — und darin nähern wir uns der orthodoxen Anschauung — nach einer unantastbaren Autorität nicht untersdiätzen. Diese tiefe Sehnsucht hat die Sinaioffenbarung mit dem Zauber wunderbarer Wahrheit umwoben. Sie wurde ~3as zuverlässig Feste und das ewig Gültige, an welches sidi das irrende Bewusstsein vertrauensvoll lehnte. Sie sollte der Willkür eignen Beliebens eine Sdiranke setzen und aus dem Labyrinth der Zweifel und der schwankenden Meinungen über recht und unrecht, wahr und falsdi, gut und böse, befreien. Denn das verlangt der Mensch von seiner Religion, dass .sie ihm ein verlässlidier Grund im schwankenden Dasein sei. Diese Autorität hätte aber die biblische Offenbarung nidit erlangen können, wenn sie nidit in der Tat überragend und einzigartig in ihrer religiösen und sittlidien Grösse wäre. Die Zeit läutert und siebt ohne UnterlaSiS und gewährt nur dem Dauer und.Bestand, was echt und gross ist. Wäre nidit Wahrheit und Grösse, Lidit und Weisheit, Frömmigkeit und Glaubenstärke in der biblisdien Offenbarung, wJe hätten Millionen sie zu ihrer Richtschnur genommen und ihrer Autorität in Glauben und Leben sich gebeugt? Wie hätte gerade dieses Buch, die Bibel, ein Ansehen und eine Bedeutung erlangt wie kaum etwas sonst auf Erden? Es waren schöpferisdie religiöse Genies, es. waren Pfadt finder der Sittlidikeit, wie die Welt sie seither nimmer gesehen, die durdi den Mund der biblisdien Offenbarung zu uns reden und fortwirken von Gesdiledit zu Geschlecht. Sie haben sdilummernde Kräfte der Mensdienseele geweckt und Millionen zu Gottsuchern und Gottfindern gemacht. Sie haben die ehernen Forderungen der Sittlidikeit und des sozialen Rechts in die Seelen der Mensdien eingegraben. Sie haben das Lied von Mensdienwert und Menschenwürde' in die Ohren der Mensdiheit gesungen. Sie haben die Menschen von fünf Weltteilen zu den ewigen Quellen geführt, aus denen Propheten und Psalmisten lebendige Wasser schöpften. Das Budi der Offenbarung, das sie der Menschheit sdienkten, zeigt heute nodi, welcher Gottesnähe und welchen Gottesfriedens die Menschen fähig sind. Das Buch der Offenbarung, die zweite grosse Erkenntnisquelle und Grundlage des Glaubens, ist das unerreicht klassische religiöse Erziehungsbuch der Mensdiheit geblieben bis zum heutigen Tage. j .

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