Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 1-2 (9.1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Glaube entspringt einer neuen, neben der wissenschaftlichen vorhandenen Erkenntnis quelle, beruht auf einer anderen, neuen Grundlage, die es neben der wissenschaftlichen Erkenntnis gibt. Es gibt einen Gemütszustand, den man Enthusiasmus genannt hat. Auf deutsch etwa Begeisterung, aber nicht Begeisterung im Sinne des flammenden Hingerissenseins, sondern ganz wörtlich: vom Geist besessen sein, vom Geist geruf en sein, eine .stille Innerlichkeit im Gegensatz zu allem Ungeistigen, Aeusseren, Profanen, ein unbegreifliches Uebersichhinausgehobensein, das sich von einem Allgeist getragen und berufen weiss. So etwa, wie der deutsche Dichter vom Sänger kündet: „er steht in des grösseren Herren Pflicht, er gehorcht der gebietenden Stunde. Wie in den Lüften der Sturmwind saust, man weiss nicht von wannen er kommt und braust, wie der Quell aus verborgenen Tiefen". Oder wie ein anderer Dichter es ausdrückt: „sie singen von allem Süssen, was Menschenbrust durchbebt, sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt." Woher wissen wir von diesem Süssen und Hohen? Was ist das für ein Quell aus verborgenen Tiefen? Die Wissenschaft weiss.uns nichts davon zu künden. Was ist das für ein Geheimnis, das im Enthusiasmus «ich uns enthüllt? Welche andere Grundlage der Erkenntnis gibt es als die verstandesmässige? Hier stehen wir vor dem Geheimnis der Offenbarung, Oder vielmehr des Organs für Offenbarung. Es ist das eine neue seelische Kraft, ein neuer Sinn, der über die anderen Sinne und ihre Wahrnehmung hinausragt. Wie wir leibliche Sinne haben, um die materielle Welt zu erfahren, so ruht in uns eine Fähigkeit, Gott zu erfahren. Wie es Fenster in der Seele gibt, die der äusseren Wirklichkeit zugewandt sind, so gibt es Fenster in unsrer Seele, die Gott zugewandt sind. Es gibt eine innere Erfahrung, durch die wir zu einer jenseits der Sinnenwelt gelegenen Wirklichkeit in Beziehung treten, eine unmittelbare, innere Erfahrung, welche die Wahrheit des Glaubens ohne logische Vermittlung ebenso bezeugt, wie die Wirklichkeit der äusseren Erscheinungswelt durch Sinnenwahrnehnxung bezeugt wird. Erkenntnistheoretisch ist die reale Wirklichkeit der sichtbaren Welt durchaus nicht absolut gewiss, da sie primär lediglich ein Bewusstseinsvorgang ist. Erkenntnistheoretisch könnte man mit Kant und Schopenhauer sagen, dass die objektive Wirklichkeit, die wir Welt nennen eine Illusion sei. Wir glauben das aber nicht, weil wir von unserm Denken auf das Vorhandensein des Gedachten schliessen. Genau so haben wir als religiöse Menschen die unmittelbare Gewissheit, dass unserm Glauben an eine göttliche Wirklichkeit eine 'tatsächliche, objektive, daseiende göttliche Wirklichkeit entspricht. Unmittelbarer steht das gefühlsmässig wertende Subjekt dem göttlichen Sein gegenüber, als der die Welt mittelbar durch die äusseren Sinne begreifende Intellekt. Darum ist der Glaube auch persönlicher, leidenschaftlicher, voll Ethos und Enthusiasmus, während grade das ein Zeichen des durch Intellekt vermittelten Wissens ist, dass es unpersönlich, uninteressiert und objektiv an die Dinge herantritt. Der Gotterfüllte ist immer ein Gottbegeisterter. Man hat diese neue seelische Erkenntnisquelle auch Intuition genannt, und der Amerikaner James und der Franzose Bergson haben die schöpferische Kraft dieser Intuition, die aus verborgenen Quellen der Menschenseele entspringt, psychologisch ergründet. Nicht der Mensch ist der Schöpfer seines Glaubens. Nicht der Prophet redet, sondern e s redet in ihm. „Er steht in des höheren Herrn Pflicht, er gehorcht der gebietenden Stunde." Die Seele des Alls rauscht in seinem Innern, das Feuer Gottes brennt in seiner Seele. „Es war in meiner Seele wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen, ich hatte nicht die Kraft, es zurückzuhalten", ruft der Prophet Jeremia. Alle wirkliche Religion ist ein Empfangenes, keine einseitige menschliche Funktion. Wäre Religion nicht geoffenbart, so wäre sie nicht vorhanden. Zu dem Glauben an Gott gehört der Glaube an seine Offenbarung; denn ohne sie könnten wir nichts von ihm wissen. Der Gedanke „Gott" setzt die Tatsache seines Empfängnisses voraus. Das Vorhandensein von Religion ist schon Offenbarung. Die Offenbarung ist aber auch keine einseitige göttliche Funktion. Sie ist ein inneres Schauen des Menschen und ein Hineinstrahlen Gottes in die Seele. „Wär' nicht das Auge sonnenhaft, wir könnten nicht zur Sonne blicken, lag' nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt' uns Göttliches entzücken?" Offenbarung ist ein Hineinragen des Göttlichen in das Irdische und des Irdischen in das Göttliche. Eine Enthüllung letzter Verborgenheiten, revelatio, wie es die Lateiner nennen, eine Entschleierung des Angesichts der Wirklichkeit. Gott wartet gleichsam darauf, dass die Menschen ihr inneres Auge öffnen, um ihn zu schauen. Ununterbrochen rauschen die göttlichen Wasser. Aber der Lärm des Weltgetriebes und das Dunkel, das uns umgibt, lässt uns seine Nähe nicht erkennen. In diesem Sinne ist auch die Sehnsucht Gottes nach Erlösung durch die Menschen zu verstehen, von der die Kabbala redet. In jeden von uns will er eingehen, von jedem aufgenommen werden. Will man dies alles unbegreiflich nennen, so ist es freilich mit den fünf Sinnen nicht zu erkennen, mit dem nüchternen Verstände nicht zu begreifen. Will man es ein Wunder nennen, sei's darum. Warum sollen wir das Wort scheuen? Auf dieses Wunder kann der Offenbarungsglaube nicht verzichten. Aber es ist ein Wunder, das noch heute, das zu allen Zeiten und von allen Menschen erlebt werden kann. Das eben ist ja das Grosse an dieser neuen Auffassung der Offenbarung, dass wir sie selbst erleben und unmittelbar erfahren können. Und es ist keine neue Auffassung der Offenbarung, sondern nur die Wiederentdeckung ihres ursprünglichen Sinns als eines selbsterlebten psychischen Faktums. Die Offenbarung, die anderen zuteil geworden, und wenn sie millionenmal reicher war als unsre selbsterlebte, macht uns nicht so reich wie ein leises eignes Berührtwerden von Gott. Der Reichtum anderer, wenn er nicht unser Besitz wird, hat uns noch nie reich gemacht. Almosen vom Tisch des Reichen sind eine dürftige Linderung unsrer Not. Was nützt der dürstenden Seele das Wasser, mit dem andere ihren Durst gestillt haben? Uns selber gelüstet nach den heiligen Wassern, die uns lebendige göttliche Kräfte zuströmen, Kräfte, die uns erlösen aus dem Grausen des kalten, blinden Mechanismus der bloss kausalen Wirklichkeit, Kräfte, die eine göttliche Freiheit in uns entbinden, dass wir uns nicht knechten lassen von der brutalen Notwendigkeit, sondern gestärkt von der erlösenden Gottesmacht stolz und tapfer unser Geschick in unsere Hände nehmen. Das ist eine Religion, die nicht so sehr eine Weltanschauung als eine Welterlösung und Weltüberwindung bedeutet. Diesen Glauben kann keine Wissenschaft erschüttern. Glauben und Wissen haben nebeneinander Raum. Zwei