Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 1-2 (9.1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
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werfen müsse. Denn diese übernatürliche Offenbarung als ein Wunder göttlicher Allmacht, die die natürliche Ordnung des sonstigen Weltgeschehens durchbrach, sei die einzig wirklich feststehende Wahrheit; sie zu leugnen sei menschliche Vermessenheit, sei letzten Endes Abfall von Gott und so die Sünde aller Sünden. An diesem Punkte scheiden sich Orthodoxie und Liberalismus jeder Religion. Alle Orthodoxie beruht auf dem Glauben an einen übernatürlichen Vorgang, der zu einer bestimmten Zeit in der Weltgeschichte einmalig eintrat als ein sich selbst bezeugendes Wunder. Grundlage alles orthodoxen Glaubens ist demnach der zum Rang allein wahrer Frömmigkeit erhobene Glaube an einen in den Offenbarungsurkunden erzählten geschichtlichen Vorgang, auf dem die Ueberlieferung sich aufbaut und die Annahme aller geofferibarten und überlieferten Dogmen und Vorschriften beruht. Diesen Glauben nennt Moses Mendelssohn den Glauben an Geschichtswahrheiten, die auf (Treu und) Glauben angenommen werden müssen. Diesem -Glauben steht der andere gegenüber, der auf tief in der Menschennatur verankerten ewigen Grundlagen beruht. Von diesem Glauben redet der Talmud, wenn er nach dem Ursprung des Glaubens Abrahams fragt und sagt: „Er hatte keinen Vater, der ihn belehrte, er hatte keinen Lehrer: woher schöpfte er seinen Glauben? Aus seinen eingeborenen Gefühlen schuf ihm der Heilige, gelobt sei er, seine Lehrmeister, die ihm Offenbarung und Weisheit zusprudelten und ihn belehrten." (Berach. 61, Synh. 57, Ber. R. 61). Und dn demselben Sinne sagt das fünfte Buch Mose an einer der schönsten Stellen der ganzen Heiligen Schrift: „Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nichts wunderbares für dich und nichts fernliegendes; es ist nicht im Himmel, dass du 'sprechen müsstest: wer steigt für uns in den Himmel und holt es uns, um es uns hören zu lassen, dass wir es tun. Und es ist nicht jenseits des Weltmeers, dass du sprechen müsstest: wer fährt für uns über das Weltmeer und holt es uns, um es uns hören zu lassen, dass wir es tun. Sondern ganz nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, es zu tun." (5. Mos. 50, 11—14). So stellen Bibel und Talmud diesen religiösen Glauben auf eine allen Menschen gemeinsame Grundlage, so dass derselbe ebenso sicher verankert ist in der inneren Gewissheit und ebensowenig in der Luft schwebend wie der geschichtliche Offenbarungsglaube. Jeder Glaube lebt und stirbt mit der religiösen Gewissheit, mit der Wahrheit des Geglaubten. Um diese Wahrheit und Sicherheit des Geglaubten geht es bei jeder Art von wirklicher Frömmigkeit. Wie aber lässt sich diese Wahrheit feststellen? Wie diese Sicherheit gewinnen? Welche Erkenntnis gibt es ausser der Verstandeserkenntnis? Welches Forum der Wahrheit gibt es ausser der Wissenschaft? In einem hinter uns liegenden rationalistischen Zeitalter hat die Wissenschaft in der Tat darauf bestanden, dass es kein Forum der Wahrheit geben dürfe als sie selbst. Nun ist der Wissenschaft zweifellos zuzugestehen, dass nichts Wahrheit sein könne, was ihr widerspricht. Aber kann die Wissenschaft mit Fug behaupten, dass alles, was sidi nicht mit wissenschaftlichen Methoden erweisen lasse, nicht existiere? Wenn alles, was sich nicht auf dem Wege exakter wissenschaftlicher Forschung erweisen lässt, Illusion und schöne Dichtung wäre, dann wären alle sittlichen Ideale und ästhetischen Wertungen, alle Lebensnormen und Postulate, die sich allesamt nicht wissenschaftlich erweisen lassen, nichts weiter aLs schöne Illusionen. Einsichtige wissenschaftliche Forscher erkennen diese Grenzen des Wissens an. Trotz des ungeheuren Aufschwungs der Naturforschung weiss man auch heute noch nicht um einen Deut besser als zu Goethes Zeit »was die Welt im Innersten zusammenhält." Zum letzten Grund der Dinge vermag eben keine Wissenschaft vorzudringen. Wenn trotzdem vor sechzig Jahren der Materialismus, vor dreissig Jahren der Monismus und heute die Psychoanalyse behauptet, den Schleier von den letzten Dingen gehoben zu haben und ein Wissen zu besitzen, das die Religion ausschliesse, ,so ist das keine Wissenschaft mehr, sondern ein Glauben oder ein Führwahrhalten von Unbewiesenem und Unbeweisbarem, wie es nur irgend ein religiöser Glaube sein kann. Schon der Fanatismus, mit welchem diese Art von Wissenschaft für ihren Glauben eintritt, wäre Beweis genug dafür, dass es sich hier nicht mehr um Wissenschaft, sondern — bei aller Bekämpfung des religiösen Glaubens — letzten Endes doch um einen Glaubensstreit handelt. Aber kann es wirklich die Aufgabe der Wissenschaft sein, zu zeigen, dass der Glaube an eine von der sinnlich wahrnehmbaren Welt verschiedene Wirklichkeit, dass der Glaube an Sinn und Wert des Daseins, dass die Antworten der Religion auf die Fragen nach dem Woher und Wohin, und vor allem nach dem Wozu der Menschen und Völker, nadi ihrer Würde und Bestimmung, nach dem letzten Geheimnis des Seins, nach Unendlichkeit und Ewigkeit — Torheit und Illusion sei? Bedeutet es nicht eine ungeheure Verarmung der Menschheit, wenn alles, was nicht dem Bereich des Beweisbaren angehört, in das Fabelreich verwiesen und aus dem Buch der Menschheit getilgt wird? Das eben hat die Wissenschaft bei vielen, die die höchsten Lebenswerte nicht preisgeben und nicht missen wollten, in Verdacht und .Misskredit gebracht, so dass sie lieber auf die Wissenschaft als auf ihre Lebenswerte verzichten wollten. Das hat so viele, aus Angst vor der gähnenden Leere, dem Okkultismus, der Theosophie und jeglicher Art von Mystik und Aberglauben in die Arme getrieben. Das Leben wird auf die Dauer unerträglich ohne die trostreiche und beschwingende Antwort nach Sinn und Zweck. Vor diesem Abgrund hat die Wissenschaft Halt zu machen und sich ihrer natürlichen Grenzen bewusst zu werden. Sie darf nidit den Anspruch erheben, der kompetente Richter in Glaubenssaehen zu sein. Wenn die Wissenschaft sich dennoch über Glaubensdinge, soweit sie jenseits von Raum ujid Zeit liegen, ein Urteil zutraut, so istes eben, wie bereits gesagt, kein wissenschaftliches Urteil mehr, sondern — trotz alles wissensdiaftlichen Anstrichs — ein Glaubensurteil. Glaube oder Unglaube, Frömmigkeit oder Unfrömmigkeit wird nach alledem nicht das Resultat wissenschaftlichen Erkennens sein, sondern religiöse und wissenschaftliche Erkenntnis bezeichnen zwei verschiedene Betrachtungsweisen, die auf verschiedenen Erkenntnisgrundlagen beruhen. Worauf es also ankommt, ist nicht, die Berechtigung des Glaubens aus der Erkenntnis der Natur oder aus der Philosophie zu begründen, wie das die Scholastik bis zu Moses Mendelssohn herab versucht hat, sondern die Eigengesetzlichkeit, die Souveränität und Berechtigung des frommen Glaubens aus einer neuen Quelle der Erkenntnis zu erweisen.