Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 1-2 (9.1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Srotttfuctcr 3fradWftf)es &tmtiubtbtüii QimtliUbtz ibvgan öcr Ztfiatüilfäcn <&tmtinbt Die Gemeindemitglieder erhalten das Blatt unentgeltlich. Preis der Einzelnummer 50 Pfg. v Zustellung durch die Post. Fernsprecher: Hansa 27544. Postschecks.: Frankfurt a. M. 33521 Schriftleitung und Verwaltung: Fahrgasse 146 Anzeigenpreis für die 6-gespaltene Nonpareillezeile 40 Pfg. im Text und auf den Umschlagseiten 60 Pfg. / Bei Wiederholungen Rabatt. / Anzeigenverwaltung: Gemeindehaus Fahrgasse 146 Erdgeschoß. 9. Jahrgang Frankfort a. M., September/Oktober 1930 Nr. 1/2 Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblatts nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis gestattet. Aus dem Inhalt Grundlagen des Glaubens (C. Seligmann) .... 1 Die Sdilussfeste (B. Segel)........ 5 Ueber die Opfergebete......... 7 Ueber die Flora der Bibel (W. Schwarz) .... 9 Der Gestaltwandel des modernen Judentums (H. Kohn) 14 Itzig Strul der Deserteur (L. Rebreanu) .... 16 Aus der Geschichte der Gemeinde .... 22 Amtliche Anzeigen des Gemeindevorstands ... 23 Aus den Gemeinden.......... 25 Aussprache: Jüdisches Wohnheim in Frankfurt a. M. . Anstalten und Vereine, Versammlungskalender . Bücherschau............ Veränderungen im Personenstand...... Persönliche Nachrichten......... Gottesdienstlicher Anzeiger........ Statistische Uebersicht......... Katalog der Gemeindebibliothek...... 28 29 33 36 35 37 43 45 Grundlagen des Glaubens Von Gemeinderabbiner Dr. C. Seligmann Eines der dunkelsten, geheimnisvollsten Worte des deutschen Sprachschatzes, vieldeutig, missverständlich, schillernd wie nur wenige, ist das Wort: Glaube. Darum erscheint es vor allem notwendig, sich zunächst einmal darüber zu verständigen, was denn unter diesem Rätselwort zu verstehen sei. Denn das ist gewiss: der meiste gelehrte Streit und die meisten Missverständnisse rühren daher, dass die Streitenden unter ein und demselben Wort Verschiedenes, oft geradezu Gegensätzliches verstehen. Wie viel Streit und Nichtverstehen könnte beseitigt werden, oder käme von vornherein nicht auf, wenn sich, die Menschen zunächst über die Bedeutung der von ihnen gewählten Worte verständigt hätten! So kann man unter „Glaube" zweierlei, und zwar recht Verschiedenes verstehen. Nicht in jeder Hinsicht verschieden; das ist' darum nicht möglich, weil sonst nicht Jas gemeinsame Wort dafür gebraucht werden könnte. Wo immer das gleiche Wort für zwei oder mehr verschiedene Dinge angewendet wird, muss selbstverständlich immer ein Gemeinsames da sein. Das Gemeinsame der verschiedenen Bedeutungen des Wortes Glaube ist sein Gegensatz zum Wissen. Jeder Glaube bedeutet ein Für wahrhalten, das nicht auf nachweisbarer oder sinnlich anschaulicher Erkenntnis beruht. Oder, positiv ausgedrückt, Glaube ist eine auf innere, seelische Nötigungen gegründete Annahme oder Gewissheit, die über das erfahrungsgemäss Gegebene hinaus, durch einen geheimnisvollen Akt inneren Erlebnisses gewonnen wird. Dies ist das Gemeinsame alles Glaubens. Aber die Verschiedenheit tritt sofort zutage, wenn wir uns klar machen, dass Glaube das eine Mal soviel bedeutet wie Gläubigkeit, Religiosität, Frömmigkeit, also eine seelische Haltung äc\ Menschen: subjektiver Glaube; und dass Glaube das andere Mal soviel bedeutet wie das Geglaubte, der Inhalt des Glaubens, der Inbegriff der einer Religionsgemeinschaft eigentümlichen Lehren und Gebote, das positive in den historischen Religionen angesammelte Glaubensgut. In diesem Sinne sprechen wir von dem jüdischen oder dem christlichen Glauben und meinen damit durchaus nicht die subjektive Frömmigkeit, sondern die Konfession, das Glaubensbekenntnis, die Kirche, die statutarische Religion, also: objektiver Glaube. Zwischen diesen beiden Arten von Glauben herrscht, wie das ja unter Geschwistern bisweilen der Fall ist, nicht immer eitel Friede und Freundschaft, sondern jede sucht der andern die Legitimität und damit die Existenzberechtigung mitunter zu bestreiten. Je stärker und echter die persönliche Frömmigkeit ist, um so weniger will sie sich von der herkömmlichen, vorgeschriebenen gängeln und sie oft nicht gelten lassen. Sie weist hin auf Sokrates, den die offizielle Kirche Athens den Schierlingsbecher trinken ließ, obwohl oder weil er tausendmal frömmer war als sie. Sie weist hin auf alle, „die thöricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten, dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten", und die „man von je gekreuzigt und verbrannt". Wer zählt die Opfer an Blut, die Scharen, die den Holzstoß bestiegen, die Ausgestoßenen und Verfolgten, die von den Hütern der offiziellen Religion zu Märtyrern gemacht wurden! Demgegenüber beruft sich die objektive, das heißt die geoffenbarte und überlieferte Religion eben auf diese Offenbarung, auf ihre Beglaubigung durch göttliche Autorität, auf ihre aus göttlicher Inspiration geflossene Wahrheit, der jede Menschen Weisheit sich demütig und gläubig unter-