Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-08-01 · 12 (8.1930) · p. Seite 469

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
12 (8.1930)
Date
1930-08-01
Page
Seite 469 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3094266-3094348-3094359--2449-3097196
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

469 „Die rue le Peletier ist eine Unglücksstrasse. Auf die Feuersbrunst in der Oper ist ein neues Unglück gefolgt. Soeben ist bei Durand-Ruel eine Ausstellung eröffnet worden, die angeblich Bilder enthalten soll. Ich trete ein, und meinen entsetzten Augen zeigt sich etwas Fürchterliches. Fünf oder sechs Verrückte, darunter eine Frau, haben sich hier zusammengetan und ihre Werke ausgestellt. Ich sehe Leute vor diesen Bildern sich vor Lachen wälzen, mir blutete das Herz bei dem Anblick. Die sogenannten Künstler nennen sich „Aufrührer", Impressionisten. Sie nehmen ein Stück Leinwand, Farbe und Pinsel, werfen auf gut Glück einige Farbenkleckse hin und setzen ihren Namen darunter. Dies ist eine ähnliche Verblendung, als wenn die Irren von Ville Evrard (einer grossen Irrenanstalt )Kieselsteine vom Wege sammeln und sich einbilden, sie hätten Diamanten gefunden." und Anfang der 6()er Jahre waren dort Bilder von ihm zu sehen — in den gedämpften, gedeckten Farben von ernstem Grün und düsterem Grau, wie man sie von Corot und Courbet her kannte. Da tritt Man et in seinen Gesichtskreis. Er lernt ihn 1866 kennen und bald durch ihn auch die andern „Aufrührer", die sich ständig im Cafe Guerbois treffen, die Helden des l m p r e s s i o n i s m u s, und schnell wird er mit Claude Monet einer der stärksten Verkünder des Plein-air und damit Führer der neuen Malerei. Anfangs hatten sich seine Bilder wenig aus der grossen Masse herausgehoben — sie waren mit denen der andern Weggenossen mehrmals in den 6()er Jahren im Salon zu sehen — nur einmal stellte er damals im „Salon des Refuses" aus, aber Ende dieses Jahrzehnts werden seine Bilder immer heller und heller, die Gegenstände der Darstellung immer alltäglicher, beinahe Pont neu/ in Paris. An der Spitze dieser „Verrückten" stand Pissarro; er war der älteste von ihnen, damals schon Mitte der Vierzig, hatte j bereits eine bewegte künstlerische Laufbahn hinter sich und j genoss darum besonderes Ansehen, er wurde mit Claude j Monet, dem 10 Jahre jüngeren, tatsächlich der Führer der! vielgeschmähten Malergruppe. Camille Pissarro wurde am 10. Juli 1830 in Saint Thomas auf den Antillen als Sohn eines portugiesisch-französischen Juden geboren, seine Mutter war Kreolin, eine in den Kolonien geborene französische Jüdin. Schon in Jungen Jahren kam er in eine Pension nach Frankreich (nach Passy) .und erhielt hier auch seinen ersten Zeichenunterricht. Sein Vater, selber Kaufmann, hatte den Wunsch, dass der Sohn ihn in seinem Geschäft unterstütze, damit er es später selbst übernehmen könne. Aber als er ihn, den Siebzehnjährigen, nach St. Thomas zurückrief, hatten sich dessen künstlerische Neigungen und Fertigkeiten bereits so stark entwickelt, dass der Konflikt nicht ausbleiben konnte. Zwar fügte er sich zunächst dem Wunsche des Vaters, aber er fand doch Zeit, viel nach der Natur zu zeichnen, wie sein Lehrer in Frankreich ihm geraten hatte. Der Trieb zum künstlerischen Beruf war so mächtig, dass er mit dem Augenblick, da er grossjährig wurde, sich nach Frankreich zurückbegab und Anschluss an einen der besten Modernen jener Jahre fand, an Corot, der ihn in seiner Liebe zur Landschaft bestärkte. In der Umgegend von Paris, in Montmorency, in La Varenne-St. Hilaire, in der Hermitage von Pontoise, fand er seine Motive, und er wagte es bald, sich im „Salon" zu zeigen. Ende der 50er gesucht alltäglich. Er wohnte an der Landstrasse zwischen Versailles und St. Germain in Lonveciennes, und dort malte er, was ihm nahe war, was ihm immer vor die Augen kam. Und er malte unermüdlich, rastlos, mit einer selbstverständlichen, völligen Hingabe. Er malte immer um des Malens willen, er lebte in diesem Schaffen, durch dieses Schaffen, aber es ernährte ihn nicht — für seinen Unterhalt sorgte seine Mutter; nur gelegentlich verkaufte er eines von seinen Bildern für etwa 40 Francs. Alles andere füllte sein Atelier, 200—300 Bilder, in wenigen Jahren gemalt. So ging es, bis der Krieg kam; da verliess er schleunigst sein Haus — es lag in der Bannmeile von Paris — um nie mehr dorthin zurückzukehren. Die Bilder sind ein Opfer des Krieges geworden, ein unersetzlicher Verlust! Denn gerade sie hätten Aufschluss geben können über seine Entwicklung in der ersten Periode seines künstlerischen Schaffens. Während des . Krieges lebte und malte er in England. Bilder eines Constable, eines Turner bestärkten ihn dort in der Freiheit der Malweise, in der Freude am Licht, an dem strahlenden Farbenglanze der Natur — und als er nach Frankreich wiederkehrt, sucht er nicht mehr sein einstiges Arbeitsfeld bei Paris auf, sondern geht nach dem Süden, nach Pontoise. Dort knüpft er mit dem in der Nähe, in Auvers weilenden Cezanne neue künstlerische Beziehungen. Es ist ein Geben und Empfangen, wie immer bei den französischen Impressionisten. Ihre Theorie und ihre praktischen Erfahrungen teilten sie einander mit, täglich machten sie neue Entdeckungen, der eine im Reiche des Lichts, der andere

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.