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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-08-01 · 12 (8.1930) · p. Seite 468

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
12 (8.1930)
Date
1930-08-01
Page
Seite 468 (sequence 4)
Language
German
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Der Prophet Ezechiel feiert Hiob als Ideal eines gerechten Mannes mit und neben Noah und Daniel. Der Talmud diskutiert die Urheberschaft. Es wird die wohlfundierte Meinung geäussert, Hiob hätte nie existiert, sondern sei eben der Held einer Parabel. Es wird Moses als sagenhafter Autor des unerhörten Werkes erwogen. Diese Meinung rührt von der Tatsache her, dass weder das jüdische Volk, noch die jüdische Religion im- „Hiob" erwähnt werden. Also hätte es audi in so entlegener Zeit, wo eine Confessio judaica noch nidit bestand, entsprossen sein können. Demgemäss macht ein Tannaite Hiob zum Zeitgenossen Abrahams, ein anderer des Isaak, ein dritter Jakobs. Eine weitere interessante Tradition zählt Hiob zu den Propheten anderer Völker der Erde. Noch eine talmudische Theorie versetzt Hiob in die Periode der babylonischen Gefangenschaft. Des ferneren wird auch Hiob für einen aus Babel zurückgekehrten Juden gehalten, der in Tiberias gelebt haben soll. Das Land Uz, Hiobs Heimat, wird in der Bibel sonst als Synonymon lür Edom gebraucht. Freunde Hiobs tragen edomitische Namen. Die nicht zu lösende Schwierigkeit besteht aber darin, dass man sich nicht vorstellen kann, wie ein gottbegeisterter jüdischer Autor aus der Zeit des Zweiten Tempels ein schier dithyrambisch religiöses Werk geschrieben haben könnte, darin er nidits von Moses und den Propheten, nichts vom jüdischen Volk und dem ganz spezifischen Heiligtum zu Jerusalem gesagt, — wohl aber das feindliche, zum mindesten unsympathische Edom artistisdi hineingearbeitet hätte. So viel künstlerisdie Objektivität kann es damals kaum gegeben haben. Die grossen Propheten sind gegen Edom unfreundlich gestimmt, und ein Seher jener Tage, der tolerante Maleachi verkündet im Namen Gottes: „Ist nicht Esaw Jakobs Bruder? — Dennodi habe idi Jakob lieb und hasse Esaw". Von neueren jüdischen Historikern nehmen etliche an, der Verfasser sei ein Jude in babylonisdier Gefangenschaft gewesen, — so Graetz. Andere meinen, dieser übertrieben bescheidene jüdische Autor hätte zur Zeit des Zweiten Tempels in Palästina gelebt: Klausner, Dubnow. Hingegen hält Bernfeld eine unjüdisdie, aber kebräisdi-semitische Verfassersdiaft nicht für ausgeschlossen. Wellhausen und andere christlidie Forsdier versetzen das Budi Hiob gern in die vorbabylonische Zeit und schreiben es einem vitalen Juden oder Israeliten zu. Eine Stütze der Kritik, die eine nach exilische Entstehung annimmt, ist etwa der Satz: „Er mehrt die Völker und verniditet sie, Er breitet die Nationen aus und führt sie hinweg". Was ja ein Hinweis auf assyrische und babylonische Eroberungen und Praktiken sein könnte. Aber auch vor dem damaligen Dschengis-Khan Sanherib hat es elementare und organisierte Umsiedelungen solcher Art gegeben, und die Völkerscharen waren ehemals ganz gewiss nicht an die Sdiolle gekettet. Luther und beispielsweise Franz Delitzsdi vindizierten die Verfassersdiaft einem Israeliten aus der Salomonischen Epoche. Vom ästhetisch-weltpoetisdien und sprachlichen Standpunkt wäre diese Hypothese durchaus annehmbar. Aber es ist nicht allzuwahrsdieinlich, dass sich ein antikes Volk auf dem Gipfel seiner politischen Macht um das Wohlergehen der heillosen Sünder, um die es abnorm dünkenden Leiden der Gerediteii, um individuelle Wirrnisse, Düsternisse und Sorgen kümmerte. Eher konnten schon soldie tiefsinnigen Probleme in einer Zeit politischer und sozialer Zersetzung entstehen, und wir finden dergleichen bei erhabenen Propheten, wie Jeremias, und all erspätesten Psalmisten. Es gäbe nodi die Möglidikeit, sich auf den Standpunkt zu stellen (dessen Grundgedanke schon im Talmud zu finden ist), dass der grandiose Hauptteil des Buches von einem Edomiter zu einer Zeit geschrieben wurde, da Edom Israel, bezw. Juda politisch, also wohl audi kultisch Untertan war, d. h. in der Periode von David bis zum judäischen König Jehoram. Prolog und Epilog stammen — das ist wohl ziemlich sicher — aus nadiexilisdier Zeit und werden gewiss einen jüdischen Poeten und Moraloptimisten zum Verfasser haben. Für diese Hypothese spricht: dass Gott im Hauptteil nicht mit dem unmittelbar nationaljüdisdien Namen JHVH genannt wird. Dass audi die untergründig jüdischen Kennzeidinungen JA, Gott Israels, Zebaoth, der Heilige Israels, fehlen. Gott wird, wie um die Zeit der Patriarchen, wie aus vormosaischem Grundgefühl „Schaddai" genannt, wie vor dem phantastisch fernen Zeitpunkt, da sieb der Urstamm Jakob vom Urstamm Esaw trennte. „Verachte den Edomiter nicht, denn er ist dein Bruder" heisst es dennodi immerhin im Deuteronomium. Und die Propheten haben, bei aller gesammelten Unfreundlichkeit gegen Esaw-Edom-Sei'r die mysteriösen Weisen Edoms vermerken müssen. Unter der Aegide judäischer Statthalterschaft kann einer der besagten Weisen Edoms das himmelgeborene Buch Hiob gedichtet haben. Damals dienten die Edomiter der Kultur, dem Pathos, dem Gott Israels. Später wurden sie wieder dräuende Heiden* und erst Jochanan Hyrkanos zwang sie endgültig zu jüdischer Moral und Religion Nadi Jodianan Hyrkanos verschmolzen übrigens die Edomiter völlig mit dem jüdisdien Volk und gingen ganz und gar in ihm auf. Und wenn der Talmud Edom und Esaw als monströse Feinde Israels trätiert, so versteht man unter solcher Greuelmaske die Römer und andere völlig fremde Rassen. (Auf die späte Entstehung des luziferischen Vorspiels deutet beiläufig das aramäische Verbum „kabel" empfangen). Aber der geniale Dichter des „Hiob" braucht kein Edomiter und Uz muss nicht Edom sein. Sondern die Initiative und Autorsdiaft bleibt ein Mysterium, und das ganze Bucb eines der Weltwunder. Camille Pissarro Zum 100. Geburtstag am 10. Juli 1930. Von Dr. Arthur Gallin er. Es ist ein seltsames Phänomen: In drei alten Kulturländern Westeuropas, in drei Ländern mit grosser künstlerisdier Vergangenheit treten im 19. Jährhundert Juden in die vorderste Reihe schaffender Künstler, ja in jedem dieser Länder ist es ein Jude, der geradezu an die Spitze der künstlerischen Entwicklung tritt, in Holland J o z e f Israel s, in Deutsdiland Max Liebermann und in Frankreidi Camille Pissarro. Aber merkwürdig! Während der Ruhm von Israels und Liebermann weit über die Grenzen ihrer Länder gedrungen ist, während sie internationale Popularität besitzen, ist Pissarros Bedeutung ausserhalb Frankreichs immer noch zu wenig gewürdigt, zumal in Deutsdiland ist er — abgesehen von der geringen Zahl der Kunstliebhaber und Kunsthändler — wenig bekannt geworden. Merkwürdig und doch begreiflich! Während jene beiden andern als Künstler und Menschen scharf umrissene Persönlichkeiten sind, in denen natürliche Veranlagung und das nationale Kulturgut ihrer Umgebung, ihres Volkes zu einer originellen Einheit verschmolz, während sie in ihrem künstlerisdien Schaffen exponiert, ja sogar isoliert ersdieinen mussten, da ein fühlbarer Abstand zwischen ihnen und den andern Malern ihrer Heimat bestand, findet Pissarro früh schon' Anschluss an eine Gruppe Gleichstrebender, Gleichgesinnter, mit denen er gemeinsam nach den neuen Ausdrucksformen ringt, mit denen er gemeinsam den Kampf um Anerkennung führt und mit denen er vereint in zahlreichen Ausstellungen sidi durchsetzt und zu der unumstrittenen Höhe eines Meisters und Führers emporsteigt. Aber er steht nidit allein auf dieser Höhe, neben ihm stehen andere, ihm Ebenbürtige; es ist eine müssige Frage, wer bedeutender, wer grösser gewesen, ob Pissarro oder Claude Monet, ob Sisley oder Renoir; ihre Schöpfungen bedeuten als ein Ganzes einen Höhepunkt in der Entwicklung der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts, einer Entwicklung, zu der sie alle in ihrer besonderen Weise ihr gut Teil beigetragen, einer Entwicklung, die zudem aus der künstlerischen Gesamtkultur der voraufgehenden Epochen französisdier Malerei organisch herausgewachsen war. Denn dies untersdieidet schliesslidi die französische Situation von der deutschen und holländischen: es gab dort keine ununterbrochene alte Tradition, an die eine junge Generation anknüpfen konnte, bei uns aber und in Holland war in jenen Jahrzehnten die Verbindung mit der Vergangenheit längst zerrissen, war überdies das künstlerische Schaffen vom wirklichen Leben gelöst, war im besten Falle die bildende Kunst ei'ne literarische Angelegenheit geworden. Es war mit ein Hauptverdienst von Israels und Liebermann, die Kunst in ihren Ländern wieder zu sich selbst zurückgeführt zu haben, ein Verdienst, dessen sich der französische Impressionismus mit seinem l'art pour l'art ebenfalls rühmen durfte, denn obwohl in Frankreidi das künstlerische Schaffen immer auch von rein-künstlerisdiem Standpunkt gewürdigt worden war, übte doch die traditionelle künstlerische Form eine derartige Macht aus, dass selbst Kunstrecensenten und Kunstbeflissene, um wieviel mehr die Massen der Laien, jeder neuen Ausdrucksform heftigsten Widerstand, wenn nicht gar Spott und Hohn entgegensetzten. So erklärt sich der harte Kampf, den die französischen Impressionisten jahrelang um ihre Anerkennung, ja nur darum zu führen hatten, dass man sie ernst nahm. Von einer ihrer ersten Ausstellungen im Jahre 1876 schrieb der Kunstkritiker des „Figaro":

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