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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-07-01 · 11 (7.1930) · p. Seite 449

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
11 (7.1930)
Date
1930-07-01
Page
Seite 449 (sequence 21)
Language
German
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ferenzierung zwischen religiösen und Zweckmässigkeitsge- Sichtspunkten. Für einen wahrhaft religiösen Menschen sei die Religion die Grundlage, auf der er seine Entscheidungen im Einzelfalle trifft. Besonders treffe dies auch für die Wirtschaftsnöte unserer Zeit zu, bei deren Behandlung allzuoft das materielle Moment die nicht zu unterschätzenden seelischen Begleitumstände in den Hintergrund dränge. Trotzdem könne z. *B. das Arbeitslosenproblem nicht gelöst werden, ohne dass man die seelischen Nöte der Betroffenen berücksichtige. Dies könne dadurch geschehen, dass man in solchen Notzeiten durch eine Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung der Konsumkraft Arbeitsgelegenheiten schaffe, statt ein ganzes Heer von Menschen in die bedrückende Situation dauernder Almosenempfänger zu bringen. Auch hier lasse sich Religion in Lebensnähe bringen. Nur dürfe man die Religion dann nicht als Opium für das Volk mißbrauchen, sondern sie muss die Arznei des Lebens werden. Stürmischer Beifall dankte dem Redner für seine Ausführungen. Nach einigen ergänzenden Bemerkungen von Heinz-Kellermann-Berlin wurde beschlossen, von einer Diskussion abzusehen. Die Ausführungen Bruno Woydas sollen vielmehr die Grundlage einer eingehenden Aussprache in den einzelnen Iii-Gruppen und gegebenen Falles zu einer spateren abschliessenden Stellungnahme sein. — Der Vorsitzende, Herr Dr. Hugo Hoffmann-Frankfurt a. M., schloss die Tagung mit dem Appell zu weiterer Intensivierung der Arbeit, damit aus der jungen Generation neue Führer dem liberalen Gedanken und damit dem Gesamtjudentum entstünden. Die Tagung war aus allen Teilen des Reiches stark besucht. Die verschiedensten jüdischen Korporationen hatten Vertreter entsandt, oder der versammelten Jugend telegraphisch und schriftliche Grüsse gesandt. Besonders begrüsst wurde ein junger Freund aus London, der die Grüsse des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum überbrachte. Aus den Gemeinden Deutschland. Berlin. x\us dem 47. Bericht der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" geht hervor, dass im Sommersemester 1929 79 ordentliche und 21 ausserordentliche und im Wintersemester 1929/30 97 ordentliche und 16 ausserordentliche Hörer die Vorlesungen besuchten. — Bei der Eröffnung der jüdisch-sozialen Lehrgänge, welche die „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden" gemeinsam mit der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" veranstaltete, sprach Rabbiner Dr. Leo Baeck über das Thema „Wohlfahrtspflege und religiöse Lehre". — Nach den neuesten Veröffentlichungen der Zentralverwaltung der „Gesellschaft zur Förderung des Hanchverks und der Landwirtschaft unter den Juden (ORT)" hat diese Gesellschaft im Jahre L929 92 Gewerbelehranstalten mit 7757 Schülern unterhalten. — Zur Erinnerung an seine verstorbene Gattin Olga Stern stiftete Direktor Stern-Wannsee dem Verband Berlin des „Jüdischen Frauenbundes'"' die Summe von 100 000 Mark für die Errichtung eines jüdischen Altersheims, für das bereits über 200 Anmeldungen vorliegen. — Auch in Berlin veranstaltete der „Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" mehrere Massenversammlungen, um gegen die antisemitischen Verordnungen des Ministers Dr. F r i c k Protest zu erheben. In diesen Kundgebungen traten aLs Redner auf: Justizrat Dr. Julius Brodnitz, Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, Rabbiner J)r. Meier Hildesheimer und Syndikus Dr. Alfred Wiener. In der Resolution, welche der Reichs regier ung überreicht wurde, kam die innige Verbundenheit der jüdischen Deutschen mit ihrem deutschen Vaterland zum Ausdruck. An dem gleichen Tage entspann sich im Reichstag eine lebhafte Debatte über die judenfeindlichen Vorgänge in Thüringen, in der sich der Führer der Deutschen Volkspartei von Kardorff entschieden auf die Seite des Reichsministers Dr. Wirth in der Verurteilung der sogenannten „Schulgebete" des Ministers Dr. Frick stellte. — In einer Audienz, welche die Führer des „Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" von dem Reichsminister Dr. Wirth erbeten hatten, erhoben diese Beschwerde gegen die vom thüringischen Staatsministerium, insbesondere von dem Minister Dr. Frick ausgehenden judenfeinlichen Verordnungen. In einer Versammlung des „Kartells jüdischer Verbindungen" sprachen Dr. Gustav Krojanker über das Thema „Der jüdische liberale Gedanke" und Dr. Nachum Goldmann über „Der jüdische Akademiker in Deutschland." — Die nationalsozialistischen Schänder der Synagoge am Kottbuser Ufer wurden zu je 5 Monaten Gefängnis verurteilt. — Ein von den Nationalsozialisten in der Sitzung des Haushaltsausschusses der Stadt Berlin vom 3. VI. gestellter Antrag auf Einführung eines Schachtverb o t e s für Berlin verfiel der Ablehnung. — Nach einer Verfügung des Polizeipräsidenten wurde den Angehörigen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei das Tragen des Hakenkreuzes untersagt. — Die am 23 V. eröffnete Ausstellung „Altes Berlin-Fundamente der Weltstadt" enthält auch eine aus der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zusammengestellte jüdische Abteilung. — Die „Jüdische Volks parte i" feierte am 27. V. ihr lOjähriges Bestehen. In einer unter dem Vorsitz von Alfred Berger tagenden Massenversammlung gab der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Direktor Georg Kareski, einen Rückblick auf die geleistete Arbeit, während der Vorsitzende der Partei, Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee, die Zukunftsaufgaben der „Jüdischen Volkspartei" aufzeigte. — Am 29. V. waren 10 Jahre verflossen, seit Justizrat Dr. Julius Brodnitz sein Amt als Vorsitzender des „Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" als Nachfolger von Eugen Fuchs und Maximilian Horwitz übernahm. — Am 20. VI. vollendete Frau Martha Cohen, die Witwe Hermann Cohens und Tochter Lewandowskis, ihr 70. Lebensjahr. — Im Alter von 79 Jahren verstarb der hervorragende protestantische Theologe und Präsident der „Kaiser Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften", Adolf von Harnack, Seine Anschauung, die er hauptsächlich in seiner Schrift „Das Wesen des Christentums" vertrat, dass das biblische Judentum eine Vorstufe des Christentums sei, wurde von Rabbiner Dr. Leo Baeck in seiner Schrift „Harnacks Vorlesungen über das Wesen des Christentums" und in dem grösseren Werke von Rabbiner Dr. Joseph Eschelbacher „Das Judentum und das Wesen des Christentums" scharf angefochten. — Professor Dr. Max Liebermann wurde, auch das Geschäftsjahr 1930—51 zum Präsidenten der Akademie der Künste gewählt. — Im Alter von 72 Jahren verstarb einer der führenden Bankiers, Dr. Arthur Salomonsohn, Vorsitzender des Aufsichtsrates der D. D. Bank. — Der leitende Arzt des Krankenhauses der Jüdischen Gemeinde, Geheimrat Professor Dr. Hermann Strauss, wurde zum Ehrenmitglied der „Inter-State Post Graduate Medical Association of North America" gewählt. — Bremen. Der nationalsozialistische Gruppenführer Nofhdurft wurde wegen Beleidigung, Hausfriedensbruchs, Sachbeschädigung und gefährlicher Körperverletzung zu einer Gefängnisstrafe von 5 Monaten verurteilt. — Breslau. Nachdem die jüdische Religion als Prüfungsfach für Kandidaten des höheren Schulamts nunmehr offiziell zugelassen ist, wurden zu Mitgliedern der wissenschaftlichen Prüfungskommission für das Fach der jüdischen Religionslehre in Breslau die Seminardozenten Professor Dr. Isak Heinemann und Dr. Israel Rabin ernannt. — Dresden. Infolge von Zwistigkeiten innerhalb der Verwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde legten die der Jüdischen Volkspartei angehörenden Vorsteher und Gemeindevertreter in der Sitzung des Gemeinderats vom 11. VI. ihre Mandate nieder. — Bei den am 21. VI. stattgehabten Landtagswahlen für den Freistaat Sachsen errangen die Nationalsozialisten 14 Mandate statt der bisherigen 5. — Eisenadu Unter dem. Vorsitz von Fabrikbesitzer Heinemann.-Meiningen veranstaltete der Landesverband Thüringen des „Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" am 15. VI. eine Protestversammlung gegen die Beschimpfungen der deutschen Juden durch den thüringischen Staatsminister Dr. Frick. Nach Referaten des stellvertretenden Vorsitzenden des C.-V., Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil-Berlin, des Syndikus Dr. Hans Reichmann-Berlin, des Vorsitzenden des Landesverbandes Thüringen des C. V.. Rechtsanwalt Dr. I,v.dv'■• "reudenthal-Erfurt, und des Vorsitzenden der Ortsgruppe Eisenach, Rechtsanwalt Dr. Ludwig Blüth, wurde in einer Resolution betont, dass „die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden, welche das Ergebnis eines mehr als 100jährigen Emanzipationskampfes sei, in keiner Weise durch selbstherrliche Willkür der Minister oder der Regierung eines Landes gemindert oder vernichtet werden könne und dürfe." — Elberfeld. Am 17. VI. feierte Rabbiner Dr. Joseph Norden, einer der Führer des religiösen Liberalismus in Deutschland, seinen 60. Geburtstag. — Krefeld. Am 1. VI. verschied im Alter von 65 Jahren Oberrabbiner Dr. Josef Levi, das frühere geistliche Oberhaupt der Jüdischen Gemeinde. — Mainz. Zum Vorsitzenden des neugegrün-

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