Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-07-01 · 11 (7.1930) · p. Seite 443

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
11 (7.1930)
Date
1930-07-01
Page
Seite 443 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3094266-3094348-3094358--2422-3097168
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

enthalten. Diese Enthaltung richtet sich nicht gegen die Schule, vielmehr wird deren hohe bildende und erzieherische Wirksamkeit durchaus anerkannt. Es wird auch anerkannt, dass in Bezug auf die konservativen Belange manches besser geworden ist, dass aber immer noch Vieles zu geschehen habe, um den religiösen Gefühlen der konservativen Gemeindemitglieder die gebührende Rücksichtnahme zu verschaffen. Es wäre keine Zeit unglücklicher, eine jüdische Schule abzuschaffen, als die gegenwärtige, in welcher es möglich ist, dass ein Minister eines deutschen Bundesstaates ein sogenanntes „Freiheitsgebet" gegen die Juden in den ihm ■unterstellten Schulen einführt und in der auch der Charakter der simultanen Schulen in Preussen eine ausgesprochen christliche Gestaltung anzunehmen im Begriffe ist. Die von der konservativen Fraktion geübte Stimmenthaltung soll als Demonstration gegen die Politik des Schulrats aufgefasst werden, der es bisher abgelehnt hat, einer mindestens erheblichen konservativen Minderheit, wenn nicht der Mehrheit der Eltern der die Schule besuchenden Kinder von sich aus die gebührende Vertretung in seinem Gremium zuzugestehen, und den Zweck haben, den Schulrat eines besseren darüber zu belehren, wo die Freunde der Schule sitzen. Der Steuersatz von 15% stellt ein Maximum dessen dar, was als erträglich bezeichnet werden kann. Eine Erhöhung ist für absehbare Zeit als ausgeschlossen anzusehen. Die von der Kommission beantragte Kündigung an den Landesverband wird von den meisten Konservativen abgelehnt. Wenn auch der Beitrag zum Landesverband als drückende Last von der Gemeinde empfunden wird, so ist diese doch nicht berechtigt, ihm in den Rücken zu fallen. Seine Leistungen sind zweifellos recht beachtlich. Dass infolge der Ueberorganisation ein grosser Teil der dem Verband zufliessenden Mittel auf die Verwaltung verwendet werden muss, ist eine bedauerliche Tatsache. Trotzdem darf eine Gemeinde von der Bedeutung der Frankfurter bei einer für die Gesamtheit so wichtigen Einrichtung nicht fehlen, zumal nicht in dem Augenblick, wo der Reichsverband der deutschen Juden gegründet werden soll. Eine Kündigung wäre der Anfang vom Ende des Landesverbandes. Mit der vom Vorredner beantragten Erhöhung des Beitrags an den Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens erklärt sich Herr Meyer einverstanden. Der Centraiverein verdiene diese Förderung, zumal seine Leistungen hervorragend sind und auch er in finanzieller Hinsicht schwer zu kämpfen hat. Genau das Gleiche gelte aber auch für den Keren Hajesso d, für dessen Subventionierung auch in diesem Jahr die konservative Fraktion geschlossen eintreten werde. Sie stehe dabei auf dem Standpunkt, dass es sich hier um eine Sache des gesamten Judentums handle, nachdem sich auch hervorragende Führer des liberalen Judentums, die in der Jewish Agency vereinigt sind, hierfür eingesetzt haben. Im übrigen behält sich Redner vor, bei der Spezialdebatte die entsprechenden Anträge zu stellen, und schliesst seine Ausführungen mit dem Appell, nicht pessimistisch in die Zukunft zu schauen, sondern gemeinschaftlich daran zu arbeiten, dass die Gemeinde, so gut es eben gehe, die jetzige schwere Zeit übersteht. Der Vorsitzende, welcher die Ausführungen des Herrn Meyer nicht unterbrochen hat, rügt nach deren Schluss den Ausdruck, Dr. Gottschalk habe sich zum Genossen eines Ministers Frick gemacht. Herr Rechtsanwalt Simon als Sprecher der Fraktion der jüdischen Volkspartei hält es für wünschenswert und nützlich, wenigstens einmal im Jahr vom Standpunkt einer höheren Warte zu einzelnen besonders wichtigen Fragen auch allgemeiner Art Stellung zu nehmen. Er dankt zunächst dem Vorstand und den übrigen Beteiligten für die Vorbereitung des Etats und spricht den Wunsch aus, dass der Vorstand mehr von seinen Beschlüssen und dem im Schosse .seines Gremiums geäusserten' Meinungen der Gemeindevertretung bekannt geben möge. Die Uebung der letzten Jahre uihve zu Missverständnissen und könne unter Umständen die Gemeindearbeit ungünstig beeinflussen. Diese Bekanntgabe soll sich auch auf die Mitarbeit des Vorstands in den allgemeinen Organisationen, wie in der Konferenzgemeinschaft der Grossgemeinden, der Ica und anderer erstrecken. Dank gebühre auch dem Vorsitzenden der Finanzkommission, der mit bewährter Objektivität und Gewissenhaftigkeit die Beratungen dieser Kommission geleitet und zu Ende geführt habe. Es müsse allerdings erwogen werden, ob nicht in Zukunft, wie in früheren Jahren, wieder ein Generalbericht über diese Beratungen zu erstatten sei. Dass die Angelegenheit des Steuersatzes von der Kommission nicht im Rahmen der Etatberatung behandelt werden konnte und so die Einnahmen ohne genaue Kenntnis der Ausgaben festgestellt werden mussten, sei bedauerlich, liege aber in diesem Jahr in den Verhältnissen begründet. Eine Aenderung des Zustands müsse im nächsten Jahr herbeigeführt werden. Die von Herrn Dr. Geiger berührte Frage der Verfassungsreform wird von der Fraktion der jüdischen Volkspartei entgegengesetzt beurteilt. Sie kann die Notwendigkeit einer Verfassungsreform nicht einsehen und ist der Ansicht, dass die Gemeindeverfassung sich im allgemeinen durchaus bewährt habe. Hinsichtlich der kleinen oder Verwaltungsreform vertritt Redner den Standpunkt, dass eine gemeinsame Beratung des Etats durch die Finanzkommission der beiden Gemeindekörperschaften, wie sie im Vorjahre stattgefunden hat, eine schnellere und gründlichere Beratung ermöglicht hätte. Der diesjährige Etat sei ein mit äusserster Sparsamkeit aufgestellter N o t e t a t, der Abstriche vorsehe, die vielleicht garnicht erträglich sind. Er spiegelt die schlechte Lage der Wirtschaft im allgemeinen und die gegenwärtige Wirtsdiaftsnot der Juden, vor allem die schlechte Lage des jüdischen Mittelstands wieder. Es werde deshalb notwendig sein, dass sich die Gesamtheit der jüdischen Gemeinden in Deutschland so rasch als möglich mit der Frage befasse, wie die Lage gebessert, wie insbesondere die Not der stellenlosen Arbeiter und die der älteren Angestellten behoben werden kann, sei es durch Berufsberatung oder Berufsumschichtung, vor allem aber durch Beschaffung von Arbeitsmöglichkeiten. Das Material hierfür müsse gesammelt und vorgelegt und es müsse darüber beraten werden, welche Wege zur Abhilfe beschritten werden sollten. Da für die erwähnte notwendig gehaltene Berufsumsdiichtung das Lehrgut Rodges in bestimmter Richtung verdienstlich arbeitet, wird dessen Subventionierung auch in diesem Jahr beantragt werden. Wie im allgemeinen sei auch in dieser Hinsicht die Zusammenarbeit mit den Verbänden, hauptsächlich dem Landesverband dringend notwendig, und es müsse bedauert werden, dass der Staat in Bezug auf die Beitragshöhe an diesen Verband seinen Verpflichtungen nicht^nachkommt, und im Verhältnis zu den Steuerleistungen der jüdisdien Bürger einen lächerlich geringen Betrag aussetzt im Gegensatz zu den evangelischen und katholischen Religionsgemeinschaften, mit denen er Konkordute und Verträge abgeschlossen hat. In dieser geringfügigen Staatsunterstützung des Landesverbandes und der Nichtvorlage des Judengesetzes drücke sich die Missachtung gegenüber der jüdischen Gemeinschaft besonders aus. Die Fraktion der jüdischen Volkspartei ist in Konsequenz ihrer Ansichten absolut gegen die Kündigung beim Landesverband. Der Landesverband leiste Grosses. Er wolle auch manchmal etwas für die Frankfurter Gemeinde tun. aber deren Vorstand weigerte sich, etwas zu nehmen. Es liegt souach nicht immer am Landesverband, wenn' seine Leistungen nach Frankfurt hier nicht befriedigen. Das Bedauern des Herrn Dr. Geiger darüber, dass die jüdische Gemeinde Berlin die Frankfurter Jeschiwa unterstütze, sei nicht zu verstehen. Im Gegenteil müsse diese Tat lebhaft begrüsst werden, die der Leitung der Berliner Gemeinde alle Ehre mache und ein Kennzeichen ihres Gemeinschal'tseinpfindens und ihrer verdienstvollen jüdischen Arbeit sei. Redner hält es nicht für nötig, auf weitere Einzelheiten einzugehen. Vieles von dem. was seine Fraktion als dringende Aufgabe der Gemeinde ansehe, sei nicht erfüllt worden. Nicht in guten Zeiten, wo es möglich gewesen wäre, und nicht in der jetzigen sdtlechten Zeit, wo mit einem Schein von Berechtigung auf die missliche Finanzlage hingewiesen wird. Trotz aller finanziellen Schwierigkeiten müssten alle unbedingt erforderlichen Aufgaben erfüllt werden. Eine wesentliche Aufgabe, deren Erfüllung baldigst angestrebt werden müsse, sei die Fürsorge für die Jugend. Bei den bisherigen Leistungen der Gemeinde für die Jugend sei es kein Zufall, dass die Jugend kein Interesse habe an den Gemeindearbeiten, mit dem Ideal einer blossen Religionsgemeinde könne man sie auch nicht heranziehen. Wenn man aber der Jugend zeige, dass es ausser den religiösen auch noch kulturelle, soziale und nationale Aufgaben gebe, und man ihren Wünschen Verständnis entgegenbringe, so werde man die Mitarbeit der Jugend gewinnen und so die Zukunft der Gemeinde sichern. Tatsächlich und glücklicherweise beschränke sich ja auch die Gemeindearbeit seit langem nicht lediglich auf ihre relgiösen Aufgaben, was schon daraus hervorgehe, dass sie u. a. seit 125 Jahren eine Schule erhalte. Was dieses SchuTwerk für die 900 Kinder, von welchen es in Anspruch genommen wird, bedeutet, ist nicht nur in geschichtlicher Hinsicht aktenmässig belegt, sondern auch durch sein Wachstum und seinen Umfang erwiesen. Es ist unnötig zu sagen, dass man ein in dieser Weise lebendig gewachsenes Schulwerk nicht aufgeben könne. Wir identifizieren nicht die Schule mit dem sie verwaltenden Schulrat, gegen den wir vieles einzuwenden haben. Die Schule ist noch nicht so jüdisch, wie wir es wünschen, aber wir hoffen, dass sie es noch wird, und wir werden alles dazu tun, um diese Entwicklung zu fördern. Trotz zweier Vakanzen im Schulrat nimmt er bei ihrer Besetzung keine Rücksicht auf die religiösen und nationalen Gefühle einer grossen Minorität, wenn nicht einer Majorität der Eltern und der Schüler. Aber er hat doch manches gelernt. Wir freuen uns dessen, dass er bereit ist, auf den Vertrag von 1843 zu verzichten, dass er bereit ist, die Schule auf die Gemeinde übergehen zu lassen und verstehen nicht, dass der Vorstand diese Bereitschaft nicht genutzt und das Angebot der Vergemeindung abgelehnt hat. Für die Entwicklung in der Vergangenheit trifft den Schulrat ein grosses Mass von Schuld, aber auch der Vorstand trägt einen grossen Teil dieser Schuld, wenigstens für die Zuspitzung der Verhältnisse in der letzten Zeit. Was der Vorstand an Argumenten finanzieller Natur vorgebracht hat, kann eine Auflösung des Schulwerks nicht rechtfertigen. Er hat den entgegenstehenden Äusserungen Sachverständiger, den dringenden Interpellationen der Eltern und Schüler zu wenig Bedeutung beigemessen. Wir hoffen, dass der Vorstand nicht etwa aus den von Herrn Dr. Geiger vorgebrachten weltanschaulichen und allgemein politischen Gründen, die sich längst als veraltet und in jüdischer Hinsicht als unzutreffend herausgestellt haben, den Abbau der Schule wünscht. Das wäre umso bedauerlidier. als gerade in Preussen der Kultusminister eine Entwicklung der simultanen Schulen zu Bekenntnissdiulen anstrebt, und essichüberall zeigt, dass es höchstens christlich-simultane Schulen gibt. Die Fraktion der jüdischen Volkspartei bringt deshalb geschlossen zum Ausdruck, dass das Für Körper und Füsse nur DIAISN-PUDER

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.