Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 11 (7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 441 (sequence 13)
- Language
- German
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441 angelegentliche Sorge der Gemeindebehörden sein. In Verbindung damit deutet Redner an, dass er darüber hinaus Reformen in dem liberalen Gottesdienst, der in den letzten Jahren statt eines Fortschrittes deutliche Zeichen des Rückschrittes habe erkennen lassen, für unabwendbar hält. Ein zweiter Aufgabenkomplex betrifft die Schule. Die Frage des Fortbestehens des Philanthropins hat die Gemeindevertretung in einer besonderen Sitzung und in langer Aussprache bereits beschäftigt. Auch bei der Etatberatung ist sie Gegenstand ernstester Erwägungen in der Finanzkommission gewesen. Die Kommission hat, wie schon erwähnt, den Antrag gestellt, den Zuschussbedarf um Mk. 12:000.— auf Mk. 312.000.— mit der Massgabe zu erhöhen, dass hiervon in diesem Jahr auch die Obersekunda und die Frauenschule, nicht aber der Kindergarten, der am 30. Juni d. J. geschlossen werden soll, bedacht werde, im Gegensatz zu den Beschlüssen des Vorstands, der nur eine Summe von Mk. 300.000.— zur Verwendung für den Kreis der ehemaligen Realschule, also nicht für die nach der Absicht des Vorstands zu schliessenden Obersekunda und nicht für Frauenschule und Kindergarten vorsehe. Die Kommission war sich darüber einig, dass sie auf Grund der vorgebrachten organisatorischen, pädagogischen und auch finanziellen Gesichtspunkte dem Vorstandsbeschluss nicht beitreten könne und, wie erwähnt, abweichend beantragen müsse. Auch in der liberalen Fraktion ist man einhellig der Auffassung, dass ein Abbau der Schule in der Weise,. dass man ihr den Oberbau allmählich wegnimmt, nicht in Betracht kommen könne, vor allen Dingen deshalb, weil alsdann lediglich eine Rumpfschule übrig bliebe, die weder Daseinsmöglichkeit noch Daseinsberechtigung habe. Ein Teil der Fraktion steht auch auf dem Standpunkt, dass die Schule als Teil und notwendiges Glied der Gemeinde erhalten werden müsse, weil ihre historische Entwicklung und ihr eigenartiges Gefüge dessen Erhaltung verlange. Die von vielen Kindern bezw. deren Eltern gewünschte Synthese zwischen Deutschtum und Judentum sei auch nach dieser Ansicht gewährleistet, und aus diesem Grunde konnte sich die Fraktion den Gründen nicht anschliessen, die der Vorstand für seine Beschlussfassung geltend gemacht hat. Es sei auch noch nicht klar, ob nicht doch noch eine andere Lösung möglich wäre, und in dieser Beziehung müsse immer noch versucht werden, einen Weg zur Schlichtung des Konflikts zwischen Vorstand einerseits und Schulrat und Gemeindevertretung andererseits zu finden. Persönlich steht Redner mit einem anderen Teil seiner Fraktion aus weltanschaulichen und politischen Gründen, sowie aus finanziellen Erwägungen auf dem Standpunkt, dass die Schule von unten her aufzurollen sei, und er hat deshalb in der Kommission an den Antrag des Berichterstatters auf Erhöhung des Zuschusses die Bedingung des vollkommenen Abbaus von unten her (d. h. ab Sexta bezw. ab Grundschule) geknüpft. Mit Rücksicht auf den Umstand, dass sein Antrag zweifellos eine Mehrheit in der Gemeindevertretung nicht finden werde, also nicht etwa deshalb, weil er seinen grundsätzlichen Standpunkt aufgebe, stellt Redner den erwähnten Antrag heute nicht von neuem. Insoweit die Gemeindevertretung also der Ansicht sei, dass die Schule erhalten werden müsse, müsse man sich aber darüber im Klaren sein, dass mit ihrer Erhaltung dauernde und ungeheure Aufwendungen verbunden seien, die nicht zurückgehen können und auch nicht zurückgehen dürfen, da, wenn die Schule nicht aufgelöst werden sollte, man sie konkurrenzfähig erhalten müsse. Dass unter diesen Umständen die hierdurch weiter übernommene Belastung in weitesten Kreisen, unter denen natürlich auch Anhänger der Schule zu finden seien, eine erhebliche Misstiinmung hervorgerufen würde, liege gleichfalls zutage. Es könnten. in diesen Kreisen Folgerungen gezogen werden, welche der Gemeinde in höchstem Masse unerwünscht wären, nicht nur wegen eines drohenden Austritts, sondern vielmehr wegen der Gefahr, dass die homogene Masse der an der Schule nicht Interessierten eines Tages als „Wähler" auftreten könnte. Die liberale Fraktion ist sich ebenso wie die Finanzkommission über alle diese Bedenken im Klaren gewesen. Trotzdem ist die Fraktion in ihrer grossen Mehrheit der Ansicht, aus den eingangs erwähnten Gründen die Schule wenigstens in diesem Jahr noch intakt zu lassen, um zu beobachten, wie sich die Dinge entwickeln. Man hat dabei auch bevölkerungspolitische Erwägungen beachtet, die die Möglichkeit einer so starken Verkleinerung des Kreises der die Schule besuchenden Kinder in Betracht gezogen haben, dass schon aus diesem Grunde die Schliessung der Schule, bezw. ihr radikaler Abbau von den Sexten ab in absehbarer Zeit notwendig werden könne. Dem Redner ist die Propagierung einer „jüdischen" Schule auch deshalb unsympathisch, weil sie in besonders starkem Masse von der Jüdischen Volkspartei ausgeht. Line in deren binn geiüurte jüdische Schule müsste ja naturgemäss diejenigen Tendenzen verfolgen, die Redner an anderer Stelle gekennzeichnet habe und die infolgedessen von ihm bekämpft werde. Es sei kein Zufall, dass die jüdische Volkspartei sich so für das Philantbropin einsetze. Man wittere auf dieser Seite überall in" Deutschland »Morgenluft, und die Dinge entwickelten sich zweii'ellos nicht ohne tieferen Sinn und Zusammenhänge. Wenn die jüdische Schule in national-jüdischem Sinn aufgezogen werd<r, so sei das gerade im Interesse des religiösen Judentums sehr zu bedauern. Der dritte Kreis von Fragen, über welchen Herr Dr. Geiger zu sprechen wünscht, umfasst im wesentlichen die Posten des Kapitels IX, Subventionen. Was den Landesverband betreffe, so habe dieser sich nicht in der Weise entwickelt, wie erwartet worden ist. Die Mitgliedschaft der Gemeinde verursachte ihr eine steigende und empfindliche Belastung, und es sei zu bezweifeln, ob diese in einem angemessenen Verhältnis zu dem stehe, was mit dem Beitrag der Gemeinde geleistet werden könne. Die zweifellos vorhandene Ueberorganisation und eine „Parlamentspielerei" verschlinge ausserordentlich: hohe Beträge. Wenn auch die bisherigen Erfolge des Landesverbandes rückhaltlose Anerkennung verdienen, so bestehe kein Zweifel, dass die Verwaltung anders aufgezogen werden könne. Redner begrüsst unter diesen Umständen den in der Kommission bekundeten Willen, die Mitgliedschaft der Gemeinde zu kündigen. Wenn eine solche Kündigung auch nur ein Rechtsgeschäft auf lange Sicht sei, so werde sie zweifellos in Berlin dahin verstanden werden, dass auf die Dauer Beiträge nicht geleistet werden können, wenn die Balancierung des eigenen Etats der Mitgliedsgemeinden gefährdet ist. Als Beispiel für die geringfügige Bedenkung Frankfurter Anstalten führt Redner die Jeschiwa an, welche bei einem Zuschuss der Gemeinde von Mk. 12.000.— vom Landesverband eine Subvention von Mk. 4.000.— erhalte, sodass es eigentümlich anmute, dass die Berliner Gemeinde von der Jeschiwa angegangen werden muss und sich auch zu einer Unterstützung bereit erklärt hat, ein Verfahren, welches angesichts der immer betonten Bedeutung dieser Jeschiwa für ganz Deutschland der Verpflichtung des Landesverbandes keineswegs entspricht. Eine unglückliche Idee sei im Begriffe, sich einzuschleichen. Man erwäge die Uebertrugung des A b w e h.r kampfes auf die Gemeinden. Diese seien hierfür garnicht eingerichtet, weil ihr die Art der Abwehrarbeit unbekannt und nicht geläufig sei und sie weder die Organisation noch die Persönlichkeiten für diesen ausserordentlich schwierigen und verantwortungsvollen Dienst besitzen. Andererseits sei es erforderlich, den Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der diese Arbeit in hervorragender Weise leiste, in etwas grösserem Umfang als bisher zu unterstützen, weshalb die liberale Fraktion den Wunsch ausspreche, dass die Gemeindevertretung dem dahingehenden Antrag der Kommission zustimme. Der Keren Hajessod fördere im Endresultat den Aufbau Palästinas zu einer nationalen Heimstätte. Dieses jüdisch-nationale Ziel lehnt die liberale Fraktion — von einer kleinen dissentierenden Minderheit abgesehen — ab, nicht nur aus religiös-politischen, sondern auch aus finanziellen Gründen. Die jüdischen Organisationen in Deutschland und speziell in Frankfurt a. M. leiden in einem bisher nicht gekannten Umfang Not, sie können mangels ausreichender Mittel nicht wirken. Es wäre eine Verantwortungslosigkeit, wenn angesichts der Tatsache, dass die heimischen Einrichtungen nicht unterstützt werden können, Gelder ins Ausland gehen: Wenn es von mancher Seite als eine religiöse Pflicht für den Einzelnen angesehen werde, sich am Aufbau Palästinas zu beteiligen, für eine Gemeinde existiere eine solche Pflicht nicht, zumal es, wie Redner aus eigener Erfahrung wisse, vorgekommen sei, dass Einzelne die Unterstützung hiesiger Einrichtungen mit der Begründung abgelehnt hätten, dass sie für den Keren Hajessod geben. Redner erörtert sodann noch das Thema ,,E inheitsgemeind e", als deren Anhänger er sich bekennt, jedoch nur dann, wenn diese in der Tat eine Einheitsgemeinde ist. Das sei sie nicht, wenn man regelmässig nur die konservativen Wünsche erfüllt, die liberalen Wünsche jedoch ausser Acht lässt, besonders dann, wenn es sich um Gemeindeeinrichtungen handle, die gemeinsamen Zwecken zu dienen haben. Er führt als Beispiel hierfür mit Zustimmung seiner Fraktion die Einrichtungen des neuen Friedhofs, soweit sie den Kohanim zugute kommen, im liegensatz zu dem JUDISCHE^wohlFAhrtspr tac ALLGEMEINE Fürsorge JUGENDFÜRSORGE WANDERFÜRSORGE ERHOLUNGSTORS lUBERKULOSE- RSORGE KRANKENHAUS- FÜRS0RGE STUD ENTEN - FORSORGE GEFANGENEN" _ "FÜRSORGE jj-ffSfcgt TEL. HANSA 26631 POSTSCHECK 54893: /ite* # 4f-#<? <?- # ^4* ^-S^V cS? ^«Vv ä> A