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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-07-01 · 11 (7.1930) · p. Seite 438

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
11 (7.1930)
Date
1930-07-01
Page
Seite 438 (sequence 10)
Language
German
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438 Nachrufe. Ludwig Schiff. geb. 14. April 1855. gest. 31. Mai 1950. Von langem Leiden wurde Ludwig Schiff am 51. Mai auf seinem Sommersitz in Königstein erlöst. Die Beerdigung an der Seite seines einzigen, in der Blüte der Jahre verstorbenen Sohnes, hat in aller Stille in Berlin stattgefunden und der Frankfurter Gemeinde war somit die Möglichkeit genommen, bei der Beisetzung den Gefühlen herzlichsten Dankes Ausdruck zu geben, den sie dem Dahingeschiedenen schuldet. Mit Ludwig Schiff ist der Jüngste aus einer Reihe von Geschwistern dahingegangen, die Jahrzehnte lang tiefgehenden Einfluss auf die Geschicke des Frankfurter Judentums ausgeübt, und die ausserhalb unserer Stadt zum Wohle und zum Ruhme unserer Glaubensgenossen beigetragen haben. Mit ihm erlischt in Frankfurt die männliche Nachkommenschaft des frommen Ehepaares Moses und Clara Schiff, die einer alten, weitverzweigten Familie unserer Gemeinde entstammten. Von all seinen Geschwistern war Ludwig Schiff wohl der, dem das weicheste Herz zuteil geworden war. Seinen Regungen folgend, hat er schon von früh auf sich den Traditionen der Familie folgend, in Dingen der Wohltätigkeit hingebungsvoll betätigt. Die Zahl der Stiftungen und Vereine, für die er in den Jahren seiner Kraft unermüdlich gesorgt und die er zum grossen Teil mitgeleitet hat, ist eine fast unübersehbare. Im Jahre 1912 ist er in den Vorstand der Gemeinde eingetreten, dem er bis zur Neuordnung der Gemeindeverfassung im Jahre i920 als eifriges Mitglied angehört hat In dem kleinen Kreis der neun Männer, welche in diesen Jahren, von Parteigegensätzen kaum berührt, einträchtig die Geschicke der Gemeinde leiteten, hat er tatkräftig mitgearbeitet. Seine besondere Sorge galt den Gemeindefinanzen: daneben hat er den Vorstand in den wichtigsten Delegationen, wie insbesondere dm Schulrat, erfolgreich vertreten und als erster Vorsitzender die neugeschaffene liberale Kultuskommission geleitet. Ein besonderes Verdienst war seine Mitwirkung bei der Erwerbung der Bibliothek Hermann Cohens für die Gemeinde. Sein milder Sinn hat sich charakteristisch darin bekundet, dass er den privaten Dispositionsfonds der Vorstandsmitglieder schuf, der dazu bestimmt ist, in aller Stille Beamten der Gemeinde und ihren Familien im Falle der Not beizustehen. Seine umfassende soziale Tätigkeit hat er ausgeübt, bis schwere Erkrankung ihm die Kraft nahm, es gab bis dahin wohl kaum einen Fall in der Gemeinde, in welchem persönliche Hilfe geboten war, in dem er sie nicht in .reichem Masse gewährt hätte. So wird das Andenkendes gütigen, hochverdienten Mannes, dem von allen Seiten in der Gemeinde Vertrauen und Achtung entgegen gebracht wurde, über sein Grab hinaus in Ehren festgehalten werden. Wilhelm Th. Stern. geb. 20. Januar 1872. gest. 15. Juni 1930. Allzu früh, im 58. Lebensjahre ist Wilhelm Theodor Stern nach kurzer Erkrankung den Seineu, dem ausgedehnten beruflichen Wirkungskreis, in den er als ältester Teilhaber des Bankhauses Jacob S. H. Stern gestellt war und unserer Gemeinde entrissen worden. Einer altangesessenen, vornehmen Frankfurter Familie entstammend, die auch über die Grenzen Deutschlands hinaus den besten Klang hat, hat er bewusst an ihren Traditionen festgehalten. Erfüllt von dem Ideenkreis der Aufklärung und der Humanität hat er zu den überzeugten Anhängern der liberalen Richtung innerhalb unserer Gemeinschaft sich bekannt und hat doch in den langen Jahren seiner Zugehörigkeit zu den Gemeindekörperschaften — er war von 1904—1905 und 1907 bis 1920 Mitglied des Gemeindevorstands — verständnisvoll für die Interessen des gesamten Judentums gearbeitet. Dazu befähigte ihn seine gütige wohlwollende Natur und der Gerechtigkeitssinn, der ein besonders charakteristisches Zeichen seines Wesens war. Der sonst so Ruhige und Zurückhaltende konnte in Erregung aufflammen, wenn er von irgend einem Unrecht erfuhr und am stärksten traf es ihn immer wieder, wenn er sehen musste, wie Juden ihres Glaubens wegen, gerade weil sie an den überkommenen Idealen festhielten, verfolgt und zurückgesetzt wurden. So hat er sich als innerlich stolzer, überzeugter Jude bewährt. Wenn er nach aussen hin wenig hervorgetreten ist. so war er mit seinem starken sozialen Empfinden im Stillen ein unermüdlicher Beschützer der Notleidenden und Unterdrückten, und eine Fülle des Guten ist aus seinem reinen Herzen hervorgegangen, auch in der von seiner Familie begründeten Siegmund Stern'schen Waisenstiftung konnte er segensreich wirken. Dem vornehmen und selbstlosen Mann, der ein Vorbild der Rechtlichkeit und Pflichttreue war, ist in der Gemeinde und ihrer Verwaltung ein ehrenvolles Andenken gesichert. An die Leser! In jeder Nummer des Gemeindeblatts sind viele leistungsfähige Firmen mit Anzeigen ihrer Erzeugnisse verzeichnet. Unsere Gemeindemitglieder bitten wir, das Gemeindeblatt dadurch zu fördern, daß sie bei Einkäufen, bei Vergebung von Arbeiten und dergleichen unsere Inserenten berücksichtigen und hierbei auf die Anzeigen in unserem Blatt Bezug nehmen.

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