Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 11 (7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 434 (sequence 6)
- Language
- German
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energisch gegen die Ausnutzung der arbeitenden Frauen, gegen die geringe Bezahlung, gegen das Wort „Dienstbote", bittet um Abänderung in Hausgehilfin, weil „wir zu der Bezeichnung kommen müssen, um dem Verhältnis den Stempel des Sklaventums abzunehmen"; sie erhofft ein neues Frauengeschlecht, erhofft völlige Umwandlung der alten Traditionen. Ueber vieles spricht und sdireibt sie: über Religion, die jüdische, wie die christliche, -über Politik, Philosophie, Literatur, immer aber bleibt die Frauenfrage ihr Sorgenkind," dessen Zukunft sie ohne Verkleidung klar und beobachtend vorausahnt. Romantik und Mystik, das Abenteuerliche, Phantastische, das Unklare war ihr fremd. Ihr Wesen kehrt sich gegen die romantische Schule: „Der ganze Menschenkreis hat gelebt, als wäre man nur zum Anatomieren und Therorisieren des Empfindens auf der Welt." Nach und nach entstehen weitere Aufzeichnungen, Beiträge für Zeitschriften, Bücher für grosse Verlage. 1848/49 erschien „Prinz Louis Ferdinand", ein. Buch, das die Rahel, die Herz, Dorothea Mendelssohn und die führenden Frauen jener Epoche bespiegelt. Interessant ist ihre Lebensgeschichte, die sie 1861 herausgab und in der sie ihre Erlebnisse und Anschauungen von Kindheit an lebendig wiedergibt. Künstlerisch wohl das reifste Buch ist „Familie Darner", ein Roman, der die Menschen und das Leben in Preussen an der napoleonischen Zeit unter der Herrsdiaft des Korsen sdiildert, und in dem die Gestalt der Königin Luise stark hervorleuchtet. Tagebuchmässige Eintragungen aus Italien ergaben „Das römische Tagebudi". Sie ergreifen umsomehr, als Fanny Lewald dort in Rom die Bekanntschaft Adolf Stahrs gemacht, eine Begegnung, die sich später in Liebe und noch später in Ehe wandelte. Vierdunddreissig Jahre war sie alt geworden; zweimal unglückliche Liebe mit Leopold Bock, dem Theologen, mit Heinrich Simon, dem Verwandten, hatte sie erlebt. Die Mutter, Geschwister waren gestorben, sie wusste um Leid und Liebe, um Glück und Unglück. Durch ihre Romane „Clementine" und „Jenny" war sie bekannt geworden, hatte sidi einen Namen errungen. Ihre Bemühungen für die Frauen in Erziehung, Bildung und Arbeit hatten ihr reiche Gefolgschaft erworben. Durch Therese von Bacheracht lernte sie das Grossherzogspaar von Weimar und dort bei ihnen Liszt kennen, in Baden-Baden war es Börne, dem sie in Gesellschaft der stillen und sanften Frau Wohl öfters begegnete. Hoffmann v. Fallersleben, Gutzkow, Meyerbeer, Johann Jakoby, Herwegh, Holtey, Varnhagen, Berthold Auerbach, Humboldt, Mügge, die Herz, und nodi manche mit Namen waren der mutigen Schriftstellerin freundlich entgegengekommen. In Rom bei Johanna Schopenhauer und Ottilie von Goethe wurde sie mit Stahr bekannt, dem sie bald näher kam. Er hatte schon von der deutschen Landsmännin und ihren Romanen gehört, und da sie beide Mensdien und Dinge mit gleichen Augen sahen, wurde die kleine Wohnung Fanny Lewald in der Via de Due Macelli der Treffpunkt, von weldiem Stahr und sie täglidi Streifzüge in die Sdiätze der Kunstsammlungen Roms und in die Sdiönheiten der Campagna unternahmen. Ein Jahr verbraditen sie beide dort in Italien zusammen, erhofften eine Zukunft, die sie für immer aneinander binden sollte. Jedoch vergingen schwere, sorgenvolle Jahre, in denen Fanny Lewald oft der Verzweiflung nahe War. In diesen Jahren las sie viel Goethe, trieb, der Rahel gleich, einen wahren Kult mit seinen Dichtungen; unter ihren Aufzeichnungen gibt es kaum ein Blatt, das nidit in beredten Worten von Goethe erzählt; er ist es immer wieder, der sie in dieser bangen Zeit durch seine Werke tröstete und es ist erstaunlich, wie viel von seinen Aeusserungen, Meinungen, Gesprächen sie wusste und kannte. Auch sdiriftstellerisch arbeitete sie weiter: Wandlungen, Von Geschlecht zu Geschlecht, Diogena, Sybille, und viel später die „Lebensgeschichte" ersdiienen; nicht alle sind gleichwertig. „Jeder von uns hat im Leben seinen Hemmschuh und muss sehen, wie er mit ihm und trotz ihm vorwärts kommen und ans Ziel gelangen kann." — Erst im Februar 1855 sind die Schwierigkeiten so weit überwunden, dass sie sich mit Adolf Stahl vermählen kann. Uebsr zwei Jahrzehnte lebte sie mit ihm in glücklichster Ehe, der Tod des geliebten Mannes riss eine Wunde in ihr Herz, die sidi. bis zu ihrem 1889 erfolgten Tod, nie ganz geschlossen hat. Sie blieb, trotz Arbeit und Freunde, eine Einsame. Viele von Fanny Lewaids Schriften haben nur für ihre Zeit Bedeutung gewonnen, aber wir nehmen heute noch gerne ihre Romane und Erzählungen auf, erfreuen uns der klaren Sprache, des sicheren Stils. Sie enthalten alle etwas vom Schönen, Reinen, vom Menschlichen und hinterlassen bei uns die Erinnerung an eine unermüdlich strebende, immer auf das Ideal gerichtete Frau, deren ganzes Werk das Werk einer dichterisch schaffenden Kraft war. 434 Eigenbetriebe oder Aufbauhilfe in den Gemeinden. Von Isi Clemens Kahn. Nach einem auf der 9. Verbandstagung des Zeritralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands am26. Mai 1930 in Köln gehaltenen Referat. Der Gegenstand des übertragenen Referates schien mir im ersten Moment nicht besonders aktuell, aber ich war auf das Aeusserste überrascht, als mir auf meine Rückfragen aus den einzelnen Gemeindevorständen und Gemeinde-Vertretungen, wie auch bei den leitenden Persönlichkeiten der in Betracht kommenden Organisationen fast überall bestätigt wurde, dass ernsthaft daran gedacht wird, gemeindliche Eigenbetriebe einzurichten, und dass f ür diesen Gedanken nur deswegen die weitere jüdische Oeff entlichkeit noch nicht in Anspruch genommen wurde, weil zur Zeit sowohl die Mittel als auch wichtige äussere Gründe dies noch nicht als spruchreif erscheinen lassen. Die Auskünfte wurden immer mit der als selbstverständlich hingestellten Erklärung gegeben, dass durchaus kein Grund zu der Annahme vorliege, dass irgendwelchen jüdischen Handwerkern auch nur die kleinste Arbeit deswegen entgehen sollte. Aber doch soll in diesen Betrieben selbstverständlich produktive Arbeit geleistet werden, wie Näherei, Sdiuhreparaturen, Ausbesserung von Gegenständen, Landarbeit usw. Ich muss gestehen, dass mir durchaus unklar ist, wie genäht, Schuhe repariert, gehobelt, Gartenarbeit oder sonstige manuelle Fertigkeiten ausgeübt werden können, ohne dass auf der anderen Seite die sonst dafür in Betracht kommenden Verdienstzweige wie Schneider, Schreiner, Schuster, Gärtner etc. dadurch um einen Teil des Ertrags ihrer dort geleisteten Arbeiten gebracht werden. Denn an eine reine Selb st Versorgung, wie der von den zuständigen Stellen gebrauchte schöne Ausdruck lautet, kann ich persönlich nicht recht glauben; es sei denn, dass es sich dabei um die Selbstversorgung der Gemeinde- Aemter und -Einrichtungen, wie z. B. Krankenhäuser, Altersheime, Wohlfahrtsanstalten, Friedhöfe usw. handle. Und damit sind wir bereits an dem schönen Wort „R e g i ebetriebe" angelangt . Zunächst aber wollen wir die Gründe untersuchen, die von jüdischer Seite für die Einrichtung solcher Betriebe geltend gemacht werden. Es wird für ihre Notwendigkeit angeführt, dass man versuchen müsse, weitmöglichst unproduktive Fürsorge in produktive Fürsorge umzuwandeln. Es wird darauf hingewiesen, dass eine grosse Anzahl von jüdischen Handwerksgesellen bei den Fürsorgestellen ergebnislos nach Arbeit fragen und diese Menschen dann infolge längerer Arbeitslosigkeit einerseits der Fürsorge unproduktiverweise zur Last fallen, und andererseits die Gefahr des Unbrauchbarwerdens in ihrem Berufe durdi die lange Arbeitslosigkeit drohe. Gerade die qualifizierten Handwerker hätten das Bedürfnis zur weiteren Fortbildung, die sie am besten auf der Wanderschaft zu erlangen hofften. Es sei eine selbstverständliche Voraussetzung — so wird weiter gesagt — dass diese jüdischen Arbeiterbetriebe sich darauf beschränken müssten, in rein landwirtschaftlicher Umgebung für den Eigenbedarf, zu arbeiten. Nur so würden sie den jüdischen Handwerkern das Brot nicht wegnehmen. Ich übernehme diese Worte ans den Ausführungen einer führenden Persönlichkeit in der jüdischen Fürsorgearbeit. Persönlich gestatte ich mir zu bemerken, dass ich es für an der Zeit halte, dass sich die jüdische Oeffentliehkeit, soweit deutsche Verhältnisse in Frage kommen, nicht mehr von dem Schlagwort: „Beseitigung aller Uebelstände durch Rückkehr zur Landwirtschaft und landwirtschaftliche Umgebung usw." düpieren lassen sollte. Ferner behaupte ich, dass für qualifizierte Arbeiter im Handwerk noch genügend Platz ist, und dass für die Unterbringung nicht genügend ausgebildeter Arbeiter im Handwerk die Möglichkeiten nicht grösser und nicht kleiner als in jedem anderen Berufe sind. Aus diesen Gründen ergibt sich keine Notwendigkeit zur Gründung von Eigenbetrieben handwerklicher Art, wohl aber würde das Resultat solcher Gründungen eine schwere Schädigung von kleinen und Mittelexistenzen des Handwerks bedeuten. Aus den im Jahre 1929 fertig gestellten Ergebnissen der Untersuchung des Enquete-Ausschusses über das Handwerk entnehmen wir: Von 1.852.737 Betrieben in Handwerk und Industrie sind 1.307.068 Betriebe reine Handwerksbetriebe, also 70K%. Von den 12,7 Millionen in Handwerk und Industrie beschäftigten Personen sind 3,7 Millionen oder 29,3% rein handwerklich beschäftigt. Von 1.517.000 Betriebsleitern in Handwerk und Industrie sind 1.320.505 Betriebsleiter im Handwerk beschäftigt, d. h. 87%, oder umgerechnet auf die 3,7 Millionen rein handwerklich