Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 11 (7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 433 (sequence 5)
- Language
- German
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433 Kalender haben, schickt ihm 150 Taler und klagt darüber, dass seine dringenden Mahnungen um neue Kalendergeschichten erfolglos bleiben. „O wie lange muss man Durst leiden," schreibt er 1862 an Keller, „bis aus dem so weiten Keller der frische Trunk kommt. Ich warte geduldig, aber endlich klopfe ich doch auf den Tisch. Wirtshaus! Einschenken! Der Zug geht bald ab. Geschieht Ihnen ganz recht, wenn man solche Witze auf Ihren Namen macht. Warum lassen Sie so lange warten? Die trockene Zunge wird leicht bitter." Den Namensscherz, den sich Auerbach hier erlaubte, scheint Keller nicht übel vermerkt zu haben, denn er hat sich selber später im Hinblick auf die fördernde Werbearbeit des Schwarzwalddichters als „Auerbachs Keller" bezeichnet. Einen Aufsatz voll Begeisterung und uneingeschränkten Lobes veröffentlichte Auerbach in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung" über die Seidwyler Novellen. Dazu bemerkt Max Nussberger in der Einleitung zu der von ihm herausgegebenen Keller-Ausgabe: „Keller durfte mit dem ergangenen Urteil (Auerbachs) zufrieden sein. Das volle Lob des berühmten Autors hat Kellers literarisches Ansehen begründet." Auerbach ist dem Freund und späteren Duzbruder (im Jahre 1865 schlössen Auerbach und Keller Brüderschaft) stets ein treuer Berater und, wenn nötig, auch ein Wegweiser gewesen. Als er seinen „Volkskalender" gründet, beeilt er sich, Gottfried Keller zur Mitarbeit einzuladen. In Auerbachs Volkskalender ist Kellers später in die Züricher Novellen aufgenommene Erzählung „Das Fähnlein der sieben Aufrechten" erschienen; der Tirel stammt von Auerbach. Unermüdlich spornt er den Freund zu schriftstellerischem Schaffen. Kellersche Manuskripte prüft er mit einer Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, die seine Ehrfurcht vor allem Künstlerischen bezeugen. Er weiss: bei einem genialen Schriftsteller wie Gottfried Keller gilt das Kleine wie das Grosse ebensoviel; selbst auf die Kellersche Interpunktion richtet er sein Augenmerk. Alles ist bei Keller wertvoll genug, dass er sich darein versenkt, alle Schönheiten und Feinheiten auskostet und sie auch andern vermittelt. Wenn Gottfried Keller sich selbst, wie erwähnt, ein wenig scherzend als „Auerbachs Keller" bezeichnet, so liegt gewiss ein Körnchen Wahrheit darin. Auerbach ist Gottfried Keller ein Wegbereiter in deutschen Landen gewesen und hat zur Vergrösserung der Keller-Gemeinde nach Kräften beigetragen. Fanny Lewald Von Ali Galline r. Hineingeboren in einen Kreis achtbarer, gebildeter Menschen, wurde Fanny Lewald — eine unter vielen Kindern — im März 1811 »in Königsberg geboren. In frühester Jugend schon war man auf das kluge, klar denkende Mädchen aufmerksam geworden, ohne sie einem Berufe zuzuführen; jahrelang blieb sie gute Haustochter, betreute die kranke Mutter, erzählte den jüngeren Geschwistern selbsterfundene Märchen und Geschichten. Doch bewegte sie sich in geistig interessierten Kreisen: mit Simson war sie weitläufig verwandt, wurde durch ihn mit. hochstehenden Männern der Stadt bekannt; mit August Lewald unterhielt sie regen brieflichen Austausch und allen, die mit ihr 'zusammenkamen, fiel das scharf beobachtende Wesen der jungen Jüdin, ihre bestimmte Sprache, ihre Wahrheitsliebe auf. Siebzehnjährig lässt sie sich aus Liebe zu einem christlichen Theologen taufen, zu einer Ehe aber kommt es nicht. Schon bei dem Grossvater der Fanny Lewald herrschte in religiösen Dingen grösste Freiheit; der Vater war noch gleichgültiger und erstrebte für seine Kinder die Taufe; er sah in ihr nicht nur Abwerfen aller Uebel, die die Juden erleiden mussten, sondern auch Gleichstellung mit den Mitmenschen, den Christen. Trotz der angesehenen Stellung als Kaufmann und Stadtrat litt er gesellschaftlich und geschäftlich unter all den Vorurteilen, welche die Christen gegen die Juden hegten, und Frau und Kinder litten mit. Fanny erlebte in jungen Jahren die Minderstellung der Juden, ihr abgesondertes Leben, fühlte die Geringschätzung, , mit welcher sie und ihre Glaubensgenossen behandelt wurden. Es kam nicht selten vor, dass man ihr Schimpfworte auf der Strasse zurief, so dass sie tagelang aus Angst und Scham nicht ausgehen mochte; später als junges Mädchen, durch ^eine christliche Bekannte in die vornehme Königsberger Gesellschaft eingeführt, empfand sie auch da häufig den Unterschied der Abstammung. Als sie sich in den jugendlichen, redegewandten christlichen Theologen Bock verliebt, wird die Taufe notwendig und geschieht durch Pfarrer Köhler. Jahre später erklärt sie in ihrer sechsbändigen Autobiographie diese Tat „als ein trauriges Muster von schwungvollem Jesuitismus und ihre einzige Lüge, die sie wissentlich im Leben gesagt habe." Diesen Schritt, in der Unwissenheit der Jugend,/tler Verblendung einer Liebe gemacht, bereute sie tief und bewahrte nicht nur als Christin dem Judentume zeitlebens Anhänglichkeit, sie fühlte sich — obwohl dem jüdischen Glauben abgewendet — doch immer als Jüdin. 184-1 veröffentlichte August Lewald, ihr Vetter, in der Zeitschrift „Europa" eine kleine Novelle „Der Stellvertreter", von einem „unbekannten Verfasser", die vom Lesepublikum mit Wohlgefallen aufgenommen ward. Kurz darauf (1842) erschien ein Roman „Clementine", dessen Verfasser wiederum anonym war. Dieser Roman erregte Aufsehen, da er das | Problem der Elie anders als sonst behandelte, die Pflichttieue der Frau als höchste Aufgabe betrachtete. Eine auf gegenseitige Achtung begründete Ehe darf selbst dem Wiedererwachen einer früheren und berechtigten Liebe nicht geopfert werden. „Clementine" wurde besonders von den Frauen viel und gern gelesen. Das Problem der Ehe in beredten, glühenden, ja leidenschaftlichen Worten geschildert, verriet, dass eine Frau der Verfasser sein könnte, jedoch blieb es unbekannt. Die Verfasserin aber war Fanny Lewald. Kaum sah sie ihren ersten Roman beendet und gedruckt, so begann sie an einem zweiten zu arbeiten, in welchem sie mit aller Deutlichkeit davon reden wollte, wie sehr und wie viele ihrer Brüder und Schwestern unter der Last des Vorurteils litten, unter dem Judenhass der Christen. Dieser Roman, ebenfalls bei Brockhaus anonym erschienen, wurde noch bekannter als „Clementine" und hiess „Jenny". Hier sprach eine Frau aus eigenster Erfahrung, entrollte das Bild des liebenden jüdischen Mädchens zum christlichen Theologen, den sie aber aus religiösen Gründen nicht heiraten kann. Deutlich schildert sie den Unterschied zwischen den beiden Menschen, entwickelt neben dem Bild des gesellschaftlichen Lebens jener Zeit das Bild des innigen Familienlebens der Juden. Der Roman „Jenny" drang in alle Schichten der Frauenwelt ein, und als man später erfuhr, dass sie die Verfasserin sei, hörte sie oft von Christinnen, wie gerade dieser Roman erzieherisch auf sie gewirkt, man war ihr dankbar für den Wegweiser zur Aufklärung und Menschlichkeit. Vor allem aber wurde sie treue Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Ihre ,;Osterbriefe" und die kleine Schrift „Für und wider die Frauen", die dem deutschen Handwerker- und Arbeiterverein gewidmet wurden, gehören in die erste Zeit der Frauenbewegung. Sie erregten nicht nur überall Aufsehen, sie bezweckten, dass mehrere Lehrerinnen öffentliche Anstellungen fanden, was bis dahin kaum möglich war. Immer wieder verlangte sie für die Frauen auch gründliche und wissenschaftliche Bildung, eine Erziehung für einen Beruf; die Geringschätzung der Frau sei ein völliges Verkennen ihrer Stellung und ihrer Aufgabe innerhalb der Gesellschaft, deshalb Emanzipation der Frau zu ernster Verantwortlichkeit und damit zu der Gleichberechtigung, welche ernste Arbeit unter ernsten Arbeitern dem einzelnen erwerben muss. „Die Einwände gegen das freie Selbstbestimraungsrecht der Frau sind so dumm und roh, dass sie unglaublich' gefunden werden in einer späteren Zeit." Der Staat, ruft sie, hat die Pflicht, Wissen und Lehren den Frauen ebenso gut zugänglich zu machen, wie den Männern. Sie wehrt sich /