Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-07-01 · 11 (7.1930) · p. Seite 435

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
11 (7.1930)
Date
1930-07-01
Page
Seite 435 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3094266-3094348-3094358--2414-3097160
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

beschäftigter Personen sind 36% aller Handwerker Kleinmeister. Diese Zahl, die auf Grund früherer Statistiken und schön jetzt vorliegender neuester -Teilstatistiken (Hamburg, Sachsen usw.) unbedenklich auch auf jüdische Verhältnisse quotenmäßig übertragen werden kann beweist, wie jede Regiearbeit von diesen Betrieben als unbedingte Konkurrenz empfunden wird und unter allen Umständen nur den Erfolg bringt, eine Reihe dieser Existenzen zu untergraben und statt die Fürsorge zu entlasten ihr weitere Lasten aufzubürden. Weiterhin zur These der landwirtschaftlichen Umgebung. Hierzu .schreibt der Enquete-Ausschuss wörtlich: „Durch die industrielle Entwicklung und die in ihrem Gefolge eingetretene Verdichtung der deutschen Bevölkerung ist die frühere Auffassung vom Handwerk als eines besonders in Kleinstädten gesicherten Gewerbes längst überholt. Es ist festgestellt, dass der moderne Städter für seine Ansprüche viel mehr handwerkliche Arbeit braucht als der einfach lebende Landbewohner." Dieser ganze Gedanke der Eigenbetriebe ist eine Nachwirkung der K ri e g s - -und Inflationszeit, die wir je früher desto besser im Interesse der allgemeinen Wirtschaft unterbinden müssen. Nur das Aufblühen der gesamten Wirtschaftslage bietet die Möglichkeit, die Arbeitslosigkeit wirksam zu bekämpfen. Jeder anders geartete Versuch der Eigenbetriebe, sei er auch aus den edelsten sozialen Gründen heraus geleitet, bringt uns nicht vorwärts, sondern hemmt viel mehr auf der anderen Seite die Entwicklung der einzelnen privaten Wirtschaftsbetriebe. Die Durchführung dieser Experimente führt nicht einmal zur Entlastung der Gemeindefürsorge, sondern zu einer erneuten Belastung der Gemeinden durch die sehr erheblichen Kosten für Verwaltung, Maschinen, Handwerksgeräte, Arbeitsräume, Amortisation usw. Wenn Kommunen, die über viel stärkere Mittel verfügen als die in der Regel schwach fundierten jüdischen Religionsgemeinden, diese Versuche teuer bezahlen mussten, so sollte das zu bedenken geben. Als Beispiel weise ich darauf hin, dass die Stadt Berlin nicht weniger als 252 städtische Betriebe aufzuweisen hat. Ausser den Betrieben für Gas, Wasser, Elektrizität, noch Fleisch- und Gefrierfleischverkauf, Brennstoffe, Milch, Holzbearbeitung, Sägewerk, Weinhandel, Besohlungsanstalten, Installationsbetriebe, Gärtnerei, Kleiderbeschaffungsstellen. Die Folgen äussern sich in zunehmenden Finanzschwierigkeiten, die der Stadt noch jahrzehntelang die schwersten Lasten auferlegen. Ich befinde mich in der Gesellschaft des preussischen Ministers für Handel und Gewerbe, Herrn Dr. Schreiber, dessen' Worte zur Kennzeichnung dieser Eigenbetriebe in einer Versammlung vom 14. September 1929 ich mich durchaus ansehliessen kann: „Ich bin vollkommen davon überzeugt, dass der grösste Teil der gemeindlichen Betriebe unrentabel und unwirtschaftlich arbeitet." Es geht nicht an, soziale Fürsorge auf Kosten einzelner Berufszweige auszuüben. Es geht auch nicht an, dass die jüdischen Gemeinden sich durch Einrichtung von Regiebetrieben die Erbitterung grosser ihnen bis jetzt wohlwollend gesinnter Kreise des Mittelstandes ans Handwerk und Gewerbe zuziehen, die in machtvollen Kundgebungen gegen diese Eigenbetriebe Stellung genommen haben und weiter dagegen Stellung nehmen müssen. Es geht nicht an, Steuern, die von Gemeindemitgliedern entrichtet werden, dazu zu verwenden, um diesen selbst Konkurrenz-Unternehmen zu schaffen. Es wird auch nicht gelingen, die Menschen mit Gewalt in landwirtschaftliche Umgebung hineinzupflanzen. Der einzige Weg, um die soziale Fürsorgearbeit der Gemeinden zu entlasten, ist der des strafferen Zusammenhaltens der einzelnen Gemeindemitglieder, wie wir ihn in anderen Religions- und Interessengemeinschaften vor uns sehen. Wir betreiben damit keine Absonderungspolitik. Dazu sind die Fäden des heutigen Geschäftslebens viel zu kompliziert und vielfältig ineinandergreifend, als dass dieses jemals in praxi möglich wäre. Nicht berührt von meinen Ausführungen sind die Bemühungen der „Aktion für Erziehung und Arbeit unter den Juden", deren Bestrebungen auf einem ganz anderen Gebiet liegen. Es kann unter Umständen verlangt werden, dass Betriebe, die Aufträge und Lieferungen für die Gemeinden erhalten, sich verpflichten, die Fürsorge durch Uebernahm e und Beschäftigung brauchbarer arbeitsuchender Personen zu entlasten. Denn die erfolgreichste und produktivste Fürsorge ist und bleibt stets Aufbau und Erhaltung. Wir befinden uns in einer wirtschaftlich stark darniederliegenden Uebergangszeit. Statt den längst abgetretenen und verlassenen Pfaden der Regiebetriebe zu folgen, muss es vornehmste Pflicht"der Gemeinden bleiben, in der Uebergangszeit leistungsfähige Mittelstands betriebe mit erhalten zu helfen und ihren Aufbau zu unterstützen. Dazu gehört in erster Linie die intensive Hilfe durch die schon längst und erfolgreich eingeführten Darlehenskassen, die vielleicht noch beweglicher als seither gestaltet werden mussten. Die den Mittelstandsbetrieben auf diese Weise zulliessende A u f - bauhilf e, die in fast allen Fällen den Gemeinden wieder zurückgebracht wird, wird sich in heute schon absehbarer Zeit als erfolgreicher und entlastender für die gesamte soziale Fürsorge erweisen als die Experimente der Eigenbetriebe, die den Zeitverhältnissen nicht mehr Rechnung tragen und daher von vornherein als verlustbringend und aussichtslos anzusprechen sind. Soweit wir es bei der Darlegung unserer Gedankengänge mit Persönlichkeiten zu tun haben, die sich von aller leeren Phraseologie fernhalten und der Stimme der Tatsachen noch Gehör schenken, zweifle ich nicht daran, dass die Errichtung von Eigenbetrieben von ihnen von vornherein als unbrauchbares Experiment abgelehnt wird. Soweit solche Ideen jedoch von Persönlichkeiten propagiert werden, die sie lediglich aus Wahltaktik auf ihr Panier schreiben, so liegt es an uns, die jüdische Oeffentlichkeit über die geplante sinnlose Verschleuderung von Gemeindegeldern aufzuklären. Der Moritz und Johanna Oppenheimersche Kindergarten Anläßlich seines 40jährigen Besiehens. Von Sanitätsrat Di*. L. Mehler, T. Vorsitzender des Kindergartens Der Moritz und Johanna Oppenheimersche Kindergarten wurde im Jahre 1890 als „K i nd e r g a r te n für Israeliten" gegründet. Die Idee ging von der Frankfurt-Loge aus, welche am 12. Mai 1890 die konstituierende Generalversammlung berief, in der die Gründung beschlossen wurde. Als Leiterin wurde Fräulein Judith El bogen aus Schildberg berufen, die noch heute ihres Amtes mit Sachkenntnis und Hingabe waltet. Mit 15 Kindern wurde im Juni 1890 der Kindergarten im Hause des Kaufmännischen Vereins in der Langestraße eröffnet, 1892 wurde er nach der Hanauer Landstrasse 1? verlegt. Die Kinderzahl war inzwischen auf 30 angewachsen. Bei der ständigen Zunahme der Anmeldungen, bis auf sechzig, reichten diese Räumlichkeiten nicht mehr aus, und man sah sich gezwungen, ein eigenes Haus zu erbauen. Durch ein Geschenk der Familie v. Rothschild in Höhe von 45 000 Mk. wurde der Grundstein zum Bau des Hauses gelegt. Die Familie Oppenheimer stiftete im Jahre 1906 weitere 100 000 Mk. unter der Bedingung, daß der Kindergarten nunmehr den Namen „Moritz und Johanna Oppenheimer'scher Kindergarten" führe, und dass ferner den Mitgliedern der Familie Oppenheimer satzungsgemäss massgebender Einfluss in der Verwaltung zugesichert werde. Das im Hause Baum weg No. 5—7 neu erbaute Haus ist nach den Plänen des verstorbenen Architekten Max Seckbach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.