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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-07-01 · 11 (7.1930) · p. Seite 432

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
11 (7.1930)
Date
1930-07-01
Page
Seite 432 (sequence 4)
Language
German
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kennbare Merkmal der Uebertreibung au sich. Es ist technisdi unmöglidi, Tausende von Gefangenen auf einen Felsen zu schleppen und sie von dort hinabzustossen! Eine derartige Uebertreibung konnte erst viel später in Kreisen entstellen, die dem Kriege fernstanden und keine lebendige Anschauung von ihm mehr hatten. Es bleibt also als historischer Kern nur die im Königsbuch überlieferte Nachricht zurück, dass Amazia ein edoniitisches Heer am Fuss des Burgfelsens des edomitischen Reiches geschlagen und diesen Felsen genommen, erobert hat. Ein Kriegsgesang, der auf dieses Ereignis gedichtet wurde, enthielt den Vers: „Gedenke, o Gott, den Söhnen Edoms den Tag Jerusalems"... Der Groll gegen die Edomiter war um so bitterer, als sie ja ein stammverwandtes Volk waren. Dieses Kriegslied singen nun die gefangenen Judäer den Babylo.niern vor. Wieder in die Heimat zurückgekehrt, ohne Furcht vor dem Zwingherrn, streuen sie in das ehemals auf babylonischer Erde gesungene Lied gegen Edom eine neue Strophe gegen Babel ein: „Babel, du Elende! Preis dem, der dir heimzahlt, was du uns angetan!" Dann folgt eine weitere Strophe aus dem historischen Kriegsgesang gegen die Edomiter: „ein Hurra, ein Preis auf den Feldherrn, der den edomitischen Burgfelsen erobert und das feindliche Heer an diesem Felsen zerschmettert hatte." Die Eroberung dieser zweimal in der Bibel (Obadia 5, Jeremia 49, 16) als uneinnehmbar geschilderten Felsenburg muss wohl als besondere militärische Grosstat gegolten haben, etwa wie in unserer Zeit die Eroberung des Lovcen. Es ist also begreiflich, dass das Lied dem Eroberer ein besonders kräftiges Hurra darbringt. " vbüft bi< ybbty na ydji mw® nEw*,, Das Zeitwort „achas" (in „sdiejoches") ist synonym mit dem Zeitwort „thaphas" und bedeutet nicht anfassen, sondern ergreifen, erobern. Auch in der Mesa-Insdirift kommt es im gleichen Sinne vor. Das Hauptwort „olalajich" bedeutet hier nicht Säuglinge, sondern junge Männer, Soldaten. In dieser Bedeutung kommt das Wort in der poetischen, getragenen Sprache mehrmals vor. „Sie lassen ihr Vermögen ihren olalim zurück." (Psalm 17, 14), „Ihre Olalim gingen gefangen vor dem Feind." (Klagelieder, 1, 5) Jeremias 6, 11 wird der „olal" in Parallele gesetzt mit dem „bachur", letzteres Wort bedeutet aber ganz gewiss nicht einen Säugling, sondern den Jüngling. Diese Beispiele lassen es als sicher erscheinen, dass auch im Psalm 137 „Olalajich" (deine Olalim) nicht Säuglinge, sondern junge Männer bezeichnet, die das feindliche - Heer (bildeten. Der ganze Satz ist ein Vers aus einem alten Kriegsgesang gegen Edom und verherrlicht den Heerführer, der das feindliche Heer gegen den Felsen zerschmettert und ihn erobert hat. Es ist also weder von Säuglingen überhaupt, noch von baylonischen im besonderen die Rede. Der Dichter drückt nicht den Wunsch nach einer nachkriegerisdien Radi etat aus, sondern zitiert einen Vers, der eine Heldentat in einem vor Jahrhunderten geführten Kriege verherrlicht. Der Psalm ist nicht nadiexilisch, sondern wurde verfasst, als Jerusalem noch aufrecht stand. Kaminkas Ausführungen sind so überzeugend, erklären so einfach und natürlich alle Schwierig- Tceiten des Psalms, dass man sich förmlich wundert, warum man nicht längst darauf gekommen. Aber das ist ja immer der Fall, wenn eine Wahrheit ans Tageslicht gezogen wird. Gottfried Keller und Berthold Auerbach Zum 40. Todestag Kellers am 15. Juli 1930. Von S. Meiseis. Der Hamburger Professor Wilhelm Stapel wirft in einer seiner Schriften die Frage auf, ob ein Jude Gottfried Keller verstehen könne. Es liegt im Wesen der Heimatkunst, dass sie irgendein Restchen ausschliesslich für die engern Heimatgenossen zurückbehält. Dennoch wird niemand die Behauptung aufstellen wollen, es gebe zum Beispiel keinen Hamburger, der die Züricher Novellen „aus dem Innersten heraus" verstehen könne). Der österreichische Natursdiilderer Adalbert Stifter hat eine Erzählung „Bergkristall" und der Schwarzwalddiditer Bert hold Auerbach eine Dorfgeschichte „Joseph im Schnee" geschrieben. Ohne irgendwie eine künstlerische Gleichwertigkeit dieser beiden Werke zu behaupten, kann man es als unbestritten gelten lassen, dass sie beide echte deutsche Gemälde in Worten sind, und dass jedes in seiner Art ein köstlidies Miniaturstück in der deutschen Literatur darstellt. Beide Werkdien behandeln denselben Gegenstand und sind sich auch sonst in Anlage und Ausführung vielfach ähnlidi. Die unterscheidenden Merkmale ergeben sidi aus der Sdiaffensart der beiden Dichter, aus dem Milieu, aus dem sie kommen, und aus der Landschaft, die sie zum Rahmen ihrer Erzählungen wählten. Käme nun einer und behauptete,-ein Jude könne den „Bergkristall" nicht verstehen, die sinnige Naturmalerei eines Adalbert Stifter nidit nachempfinden,* so müsste man dodi fragen: Warum in aller Welt sollte der Jude eine Erzählung wie „Bergkristall" nicht verstehen können, so er dodi einen „Joseph im Schnee" schreiben kann? Gerade in Beziehung auf Gottfried Keller lässt sich das Verständnis der Juden für den Grossmeister der deutschen Novelle unzweifelhaft nadiweisen, denn Juden waren mit unter den ersten, die Gottfried Keller verstanden und den Meister verehrt und bewundert haben. Zwei Juden, zwei hervorragende deutsdie Schriftsteller jüdischen Glaubens waren es, die zuerst die Meistersdiaft Kellers erkannt und anerkannt und für den Sdiweizer Dichter in deutschen Landen die Werbetrommel (wenn dieser Ausdruck erlaubt ist) gerührt haben: Julius Rodenberg und Berthold Auerbach. Mit Julius Rodenberg verband Gottfried Keller eine langjährige innige Freundschaft; ihm vor allen andern hatte der Diditer seine ersten literarisdien Erfolge in Deutschland zu verdanken. Der dichterisdie Ertrag von Kellers erster Lyrik, die ersten drei Züridier Novellen und andere Erzählungen des Meisters aus Zürich sind zuerst iu Rodenbergs Zeitsdirift „Deutsche Rundschau" ersdiienen; audi die erste eingehende Würdigung des Schweizer Diditers (aus der Feder Wilhelm Scherers) wurde in der „Deutsdien Rundschau" veröffentlidit. Das alles hatte für Kellers angehenden Ruhm nidit wenig zu bedeuten, war dodi die Deutsdie Rundsdiau, damals die führende literarische Zeitsdirift Deutsdilands. Ganz besonders aber darf man Berthold Auerbach als einen Wegbereiter für Gottfried Keller bezeichnen. > Heute ist Kellers Lebenswerk Gemeingut des deutsdien Volkes. Aber in seinen Anfängen und auch in der Zeit seiner Meistersdiaft hatte der Sdiweizer Diditer, der die Heimatkunst zur hödisten Vollendung gebradit hat, in Deutschland nicht sonderlidi viel Verständnis gefunden. Auch bei Gottfried Keller hat es vieler Jahre bedurft, bis er in das Verständnis der deutsdien Leserwelt eindrang und sidi die verdiente Liebe und Bewunderung erwarb. Gottfried Keller hatte bereits die „Züricher Novellen" und „Die Leute von Seldwyla" veröffentlidit, aber nodi immer blieb die Gemeinde klein, die dem Dichter Gefolgsdiaft leistete; allerdings war es eine sehr aditbare Gemeinde, und ihre Gefolgsdiaft war eine aufriditig treue. Zu dieser kleinen Keller-Gemeinde gehörte damals mit an erster Stelle Berthold Auerbadi. Selbst ein bedeutender Heimatkünstler, erkannte Auerbadi — viel früher als andere — in Gottfried Keller den kommenden Meister. Und als ein Mann, der nie dem Genie seine Huldigung versagte, begann er tapfer, für Gottfried Keller zu wirken. Als das köstlidie Budi „Die Leute von Seldwyla" ersdiienen war, sdirieb er die (für das damalige Verhältnis des deutsdien Lesepublikums zum grossen schweizer-deutsdien Diditer bezeidinenden) Worte: „Es ist ein Elend und eine Sdiande, dass ein soldier voller Poet, der mehr ist als wir Mitlebenden alle, nidit mit Begeisterung aufgenommen und hodigehalten ist." Das Budi selbst nennt er „ein helles Sommerbudi, wohl geeignet, in grüner Laube an heiteren Tagen gelesen zu werden." Wie man auch über Auerbadis schriftstellerisdien Ehrgeiz, der gar oft die Grenzen des Zulässigen übersdiritt, denken mag, eines wird man ihm zugestehen müssen: er hat, frei von jeder Missgunst und jedem Kün stlerneid, jedes neu auftauchende Talent freudig begrüsst, es nach Gebühr gewürdigt und „mit heller, nie getäusditer Entdeckerfreude in mandiem namenlosen Werdenden den kommenden Meister" erkannt. In seinem wundervollen, nidit allein mit grosser Sachkenntnis, sondern auch mit Verehrung und Liebe geschriebenen Budie „Berthold Auerbach, der Mann — sein Werk — sein Nadüass" (Stuttgart 1907) veröffentlidit Anton Bettelheim aus dem Brief Wechsel Auerbachs mit Gottfried Keller einige Stellen, die das .Verhältnis des Verfassers der Dorfgesdiiditen zu dem grossen Sdiweizer Diditer sehr gut beleuchten. Am 22. Februar 1860 geht Auerbadi Keller um einen Beitrag für den von ihm herausgegebenen Volkskalender an; er möchte eine Schilderung der Sdiweizer Knabenmanöver oder „Des Sdiweizers Heimkehr" haben. Die Erzählung soll einen Umfang von mindestens zwei. Bogen haben, wofür er dem Diditer ein Honorar von 50 Talern bietet. Am 19. Mai 1860 schreibt Auerbadi aus Sdiandau: „Idi werde leider von Ihrer frühem Erlaubnis Gebrauch inadien müssen, einiges in Ihrer Erzählung zu kürzen. Es wird mir sdiwer, denn mir ist jedes Wort recht und nötig, aber es muss sein." Fortan will er Keller als „Jährling" im

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