Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 11 (7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 431 (sequence 3)
- Language
- German
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nieder, reisset nieder ihre Mauern bis auf den Grund! . . . Babel, du Elende! Lobenswert (aschre) der dir heimzahlt dein Verhalten an uns; lobenswert, der da erfasst und zerschmettert deine Säuglinge gegen den Felsen!" . . . Der letzte Vers spricht einen so grausamen, geradezu unmenschlichen Rachewunsch aus, dass er nicht nur wie ein schriller Misston das stimmungsvolle Lied abschliesst, sondern ein unmögliches Bild zeichnet. Nach der Eroberung einer Stadt kann eine entmenschte Soldateska Säuglinge gegen das Pflaster, oder die Wände der Häuser zerschmettern, wie es auch die russischen Huligans bei Pogromen regelmässig taten; Felsen finden sich jedoch in den Städten, auch in Jerusalem, nicht. Dieser grausame Rachewunsch fiel schon den alten Kommentatoren auf. So bemerkt David Kimchi (1160—1235) in seinem Kommentar zu dieser Stelle; „Diese Grausamkeit ist als Vergeltung dessen zu begreifen, was die Babylonier an den Juden nach der Eroberung der Stadt verübt haben." Nun ist eine gesungene Grausamkeit viel milder zu beurteilen, als eine verübte, aber sie stört nichtsdestoweniger die Harmonie des schönen Gesanges. Das reiche Gewoge der wehmütigen und sehnsüchtigen Stimmungen darf schon nach allmählichem Uebergang, in langsamer Steigerung in einen wilden Schrei nach Vergeltung ausklingen, aber nie wird es ein so begabter Dichter, wie der Sänger dieses Psalms, durch ein grauenhaft hässliches Bild den Gesamteindruck eines Werkes am Schluss entstellen. Es entspricht überdies nicht den Tatachen, dass die Babylonier judäische Säuglinge gegen die Felsen zerschmettert hätten. Wir haben dafür das indirekte Zeugnis des Propheten Jeremias, der mit eigenen Augen die tragischen Ereignisse jener Zeit geschaut hat. Im 51. Kapitel seines Buches, A'ers 20, spricht er im Namen Gottes Babel folgendermassen an: „Ein Hammer bist du in meiner Hand, ein Werkzeug des Krieges, ich zerschmettere mit dir Völker und richte mit dir Königreiche zugrunde; ich zerschmettere mit dir Ross und Reiter, ich zerschmettere mit dir Wagen und Lenker. Ich zerschmettere mit dir Mann und Weib, ich zerschmettere mit dir Alt und Jung, ich zerschmettere mit dir Jüngling und Jungfrau ... ich zerschmettere mit dir Herren und Würdenträger. Aber am Ende zahle ich Babel und allen diasdäischen Bewohnern all das Böse heim, das sie in Ziou angerichtet haben vor euren Augen. So spricht Gott." Hier zählt der Prophet alle Verheerungen auf, die Babel, ein Werkzeug in der Hand Gottes, gestiftet hat, und kündigt dem Werkzeug die Vergeltung an. Es ist bezeichnend, dass Jeremias dasselbe Wort (nappez) für zerschmettern gebraucht, welches im Psalm 137 von den angeblichen Säuglingen steht. Hätten nun. die Babylonier die Kindlein der Judäer gegen die Felsen zerschmettert, so würde Jeremias auf keinen Fall das in seiner Anrede zu erwähnen unterlassen haben. Allein der Psalm bietet auch noch andere Schwierigkeiten. Zunächst ist die plötzlich auftauchende Erinnerung an Edom unbegreiflich, umso unbegreiflicher, wenn man den Psalm als nachexilisch betrachtet, wie es die Bibelkritik tut, die ihn nach der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar von einem heimgekehrten Exulanten verfasst sein lässt. Da musste doch diese wenig bekannte Episode mit Edom in einer gar zu fernen Zeit zurückliegen, die Wunde, der Zerstörung Jerusalems war frischer. Im Vergleiche mit dem Groll gegen Babel musste jener gegen Edom stark verblasst und abgekühlt sein. Die Erinnerung scheint also an dieser Stelle deplaciert. In dem Ruf nach Vergeltung an Babylon hätte ferner die Zerstörung der Stadt, die Verwüstung des Landes und Wegführung der Bevölkerung eher erwähnt zu werden verdient, als die freilich grausame, aber immerhin untergeordnete Einzelheit der Zerschmetterung der Säuglinge, für die der Psalmist eine Vergeltung mit Gleichem herbeisehnt. Diese Sehnsucht hat den christlichen Kommentatoren Anlass zu allerlei Betrachtungen gegeben über den niederen ethischen Zustand des Alten Testamentes, der erst im Neuen die Stufe der Vollkommenheit erreicht habe, auf der kein Raum für Rachsucht mehr ist. Aufrichtigen Bewunderern der Bibel verursachte unser Schlussvers wahre Seelenqualen. Cornill z. B. sagt in seinen schönen und tiefen Vorlesungen über die Propheten Israels, er wäre gerne bereit, sich eine Hand abhauen zu lassen, wenn nur dieser eine Vers in den Psalmen nicht stünde. Arnold B. Ehrlich weist entschuldigend darauf hin, dass, als Israel diese Vorstellungen hatte, Plato zum Wohl des Staates die Aussetzung schwächlicher Kinder empfahl. „Man muss eben an diese alten Schriften nicht den Masstab unserer Ethik anlegen, welche das Resultat des Fortschrittes vieler Jahrhunderte ist. Zu seiner Zeit stand das Alte Testament auf der höchsten Stufe menschlicher Entwicklung und mehr kann man von ihm vernünftigerweise nicht erwarten." Nun findet sich in dem zu Tel-Awiw herausgegebenen „Sepher Sikkaron" zu Ehren des siebzigjährigen Alexander Süsskind Rabbinowitz eine bemerkenswerte Studie von Dr. A. Kaminka über diesen Psalm, die ihn in einem ganz ungeahnten Lichte zeigt. Kaminka geht von der Frage aus, was die Erwähnung Edoms hier zu bedeuten habe. Zwischen Judäa und Edom bestand allerdings Feindschaft. König David bekriegt die Idumäer erfolgreich; später, in der zweiten Hälfte des 9. vorchristlichen Jahrhunderts, kam es unter König Amazja zu einem grossen Krieg gegen sie, über den sich nur zwei Notizen erhalten haben, im Königsbuch und in der Chronik. Allein bei der Bedrängung von Judäa durch Nebukadnezar, der mit der Zerstörung des Reiches, der Verwüstung der Stadt Jerusalem und der Verbrennung des Tempels endete, wirkten die Ammoniter, Moabiter und Aramäer auf der Seite des Stärkeren mit, aber von den Edomiten (oder Idumäern) erzählt uns die Quelle nichts. Diese plötzliche Erwähnung der Edomiter im Psalm ist also doppelt auffällig. Ferner ist es unverständlich, dass die Sänger zwar versichern, sie könnten und wollten nicht singen, aber am Ende singen sie eines der schönsten und ergeifendsten Lieder, welches nur durch den schrillen Ausklang so unharmonisch schliesst. Indessen bestehen diese Schwierigkeiten mir, wenn man den Psalm für nachexilisch hält und ihn nach der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar entstanden sein lässt. Dann wäre es aber unverständlich, warum der Sänger, indem er der Heimat gedenkt, nicht erwähnt, dass sie jetzt verwüstet und verlassen daliegt, wie es in den Klageliedern geschieht, nicht den grossen Jammer der überlangen Belagerung, der Eroberung und Zerstörung von Stadt und Heiligtum. Der Psalm ist offenbar viel älter, es müssen ihn Gefangene gesungen .haben, die in den Eroberungszügen der Assyrer nach Babylonien verschleppt wurden; auch unter Jojakim und Jojachin, den beiden vorletzten Königen von Judäa, führten die Babylonier häufig Gefangene in ihr Land, lang bevor sie der Selbständigkeit des jüdischen Reiches ein Ende gemacht hatten. Einer dieser Gefangenen, dem es gelungen war, noch vor der Zerstörung Jerusalems in die Heimat zurückzukehren, schildert in dem Psalm die Stimmungen und Erlebnisse in der Gefangenschaft. Die Sieger forderten ihn und seine Schicksalsgenossen auf, zu ihrem Ergötzen Zionslieder anzustimmen. Zionslieder, d. h. hebräische Lieder, die das Volk daheim singt, gibt es mancherlei Art. Es gibt Lieder zu Ehren Gottes, so z. B. das unserem Psalm vorangehende Lied „Preiset Gott, denn er ist gut, denn ewig währet seine Gnade", das sogar „Schir Adonai" par excellence genannt wird. Es gibt auch Kriegslieder, von denen im Psalmbuch aber nur versprengte Bruchstücke enthalten sind. Beide Arten von Liedern sind natürlich heiter und lustig, wie die Babylonier sie verlangen. Aber: Wie sollen wir ein Lied singen vor diesem sensationslüsternen Feind? Das wäre ja Entweihung. Da stimmen sie dafür ein weltliches Lied an, welches zugleich ihren momentan gedemütigten Nationalstolz zu heben imstande ist, nämlich einen Kriegsgesang, der auf den Sieg des judäischen Heeres unter König Amazia gedichtet wurde. In zwei Versionen wird uns die Geschichte dieses Sieges übermittelt: im Buch der Könige (II. 14, 7), welches die Aussagen unmittelbarer Augenzeugen enthält, und im Buch der Chronik (II, 15, 11, 12), welches mehrere Generationen später verfasst wurde, die Ereignisse schildert, wie sie sich die Nachkommen durch den Nebel der Zeit vorstellen. Das Königsbuch erzählt knapp und klar: Er — König Amazia — schlug Edom im Salztal zehntausend Mann und in der Schlacht eroberte er (taphas) den Felsen. Der Fels, von dem hier die Rede ist, ist der Burgfelsen, auf dem die Residenz der Könige der Edomiter sich erhob. Man hat sich den Vorgang so vorzustellen, dass Amazia das feindliche Heer der Edomiter, das in Judäa eingedrungen war, zurücktrieb, bis an den Fuss des edomitischen Burgfelsen; hier brachte er dem feindlichen Heere eine entscheidende Niederlage bei, brachte zehntausend Mann davon zur Strecke, wodurch das Heer zerschmettert wurde und eroberte den Felsen. Damit war wohl der ganze Krieg beendet. Wir haben da einen Kriegsbericht vor uns, wie er auf dem Schlachtfelde vom Sieger nach getaner Arbeit verfasst zu werden pflegt. Viel wortreicher, aber weniger plastisch, mit weniger Einzelheiten ausgestattet, lautet der Bericht in dem Buche der Chronik. Hier nimmt sich König Amazia mächtig zusammen, führt sein Volk nach dem Salztal und schlägt zehntausend von den Edomiten. Von der Eroberung des Felsens mit der edomitischen Königsburg wird nichts erwähnt. Dagegen wird erzählt, dass die Judäer weitere zehntausend edomitische Krieger ^gefangen nahmen, sie an die Spitze eines Felsens (ohne nähere Ortsbezeichnung) hinaufbrachten und von dort in die Tiefe hinabstürzten. Sind die Zahlenangaben in diesen antiken Kriegsberichten überhaupt nicht wörtlich zu nehmen, so trägt diese, offenbar-Jahrhunderte nach dem Ereignis niedergeschriebene Nachricht das unver-