Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 11 (7.1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 430 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gleicher Weise wie Lewisohn Arnold Zweig in seinem „Caliban"3) verfallen ist. Beide haben für sich die Gruppe mit ihren Affekten und Funktionen „entdeckt". Beide schildern in dichterischer Plastik am Beispiel der Juden, wie der Einzelne von Aktion und Reaktion des Gruppenkampfes (und das ist der Antisemitismus) betroffen wird- Beide aber sehen den judis.ch.en Menschen nur als jüdischen Menschen — und das gibt ein falsches Bild. Damit wird jeder Konflikt des Lebens zu einem jüdischen, jede gegnerische Einstellung zu einem jüdischen Menschen zu einer judengegnerischen. Bei Zweig spielt z. B. der Gegensatz zwischen Sozialismus und Kapitalismus, Pazifismus und Imperialismus eine lebhafte Rolle. Zweig identifiziert dabei Sozialismus und Pazifismus mit der Gruppe der Juden, Kapitalismus und Imperialismus mit ihren Gegnern. Damit wäre jede kapitalistische und imperialistische Gesinnung, wo sie gegen Sozialismus und Pazifismus kämpft, eo ipso antijüdisch. Lewisohn schildert u. a. den Gegensatz zwischen der neuen berufstätigen Frau und der alten Hausfrau als einen amerikanisch-jüdischen. Hausfrau — das ist jüdische, Berufsfrau — das ist amerikanische Art. Auch er verlegt damit den Gruppenkampf zwischen den Anhängern des einen Ideals und denen des anderen auf die Basis jüdisch-antijüdisch. Zweig und Lewisohn, beide übersehen, dass jeder Mensch vielen Gruppen angehört. Sie „übersehen, dass es Juden gibt, die den Kapitalismus bejahen, und solche, die ihn bekämpfen, dass es Juden gibt, die Sozialisten sind, und andere, die den Sozialismus verdammen. Dass es Juden und Nichtjuden gibt, deren Frauenideal die Hausmutter ist, und ebensolche, die die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau schätzen. Sie übersehen damit, dass der gleiche Jude im gleichen Nichtjuden und der gleiche Nichtjude im gleichen Juden etwa in der politischen Gemeinschaft als Pazifisten gegenüber den Imperialisten, in der lokalen Gemeinschaft als Grosstädter und Lebensmittelkonsumenten gegenüber den Landbewohnern und Lebensmittelproduzenten, in der nationalen Gemeinschaft als Deutscher gegenüber dem Polen den Freund sieht, im wirtschaftlichen Gegensatz nicht weniger wie im bekenntnis- und stammesmässigen des Juden und Christen aber den Fremden. Wie alle derartigen Gruppen und Untergruppen nebeneinander her und durcheinander laufen, kann hier nicht dargelegt werden. Eine ausgezeichnete Untersuchung hierüber gerade im Zusammenhang mit dem Problem des Antisemitismus findet sich in einem Buch von F. Bernstein4), der, in seiner innerjüdischen Anschauung ein Gesinnungsgenosse von Arnold Zweig, ihm gerade in diesem entscheidenden Punkt durchaus widerspricht. Wären diese Gruppenbetrachtungen allein ein theoretisches Spiel der Gedanken, so läge keine Veranlassung vor, sie gegenüber zwei sonst so ausgezeichneten Werken hervorzuheben. Tatsächlich sind sie aber von eminent praktischer Bedeutung in dem Kampf, der Lewisohn, der Zweig, der uns allen so sehr am Herzen liegt, dem Kampf gegen die Bedrohung unserer jüdischen Gemeinschaft durch äussere Gegner. Wer dieses „Island within" wie der Originaltitel von Lewisohns autobiographischem Roman lautet, diese Insel unseres Innersten, Heiligsten, aber auch diese Insel inmitten eines brandenden Meeres schützen will, der darf sich bei der Betrachtung des Gruppenkampfes und der Gruppenselbstbehauptung gegenüber dem Antisemitismus keinen folgenschweren Irrtümern hingeben. Ein folgenschwerer Irrtum war es, Gruppenunterscheidungen überhaupt nicht sehen zu wollen. Ein ebenso folgen- 3) Zweig, Arnold: Caliban oder Politik und Leidenschaft. Versuch über die menschlichen Gruppeneigenschaften, dargetan am Antisemitismus, Gustav Kiepenbeuer Verlag. Potsdam, 1927. 4) Bernstein, F.: Der Antisemitismus als Gruppenerscheinung, Versuch einer Soziologie des Judenhasses. Jüd. Verl Bln. 1926. schwerer Irrtum wäre es, in der ganzen Welt nur zwei Gruppen sehen zu wollen, Juden und Nichtjuden, oder deutlicher, in Lewisohns Sprache, Juden und Gojim. Denn zwei Konsequenzen führt er herbei: Jeder Gegensatz von Nichtjuden zu einer Gruppe jüdischer Menschen, ja nur zu einer Gruppe, in der jüdische Menschen in nennenswerter Zahl vorhanden sind, auf einem Gebiet, das die Interessen von Judentum und jüdischer Gesamtheit garnicht berühren mag, etwa wirtschaftlicher, politischer, künstlerischer Art, wird damit als Gegensatz gegen Judentum und Judenheit angesehen, und angesehen heisst anerkannt. Das bedeutet eine Belastung des jüdischen Selbstbehauptungskampfes mit unnötigen Gegnerschaften, seine Erschwerung ins Unerträgliche. Es bedeutet eine Anerkennung der von Zweig so meisterhaft beschriebenen Anschauung und Praxis des Antisemitismus, dem doch gerade eine bessere und zugleich entgiftendere Erkenntnis gegenübergesetzt werden soll, nämlich die, dass in wirtschaftlichen, politischen, deutschkulturellen und vielen anderen Interessen ein Unterschied und damit Gegensatz zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen als solchen nicht besteht, sondern beide in den verschiedensten Gruppierungen zu finden sind. Als zweite: indem nur zwei Gruppen betrachtet werden, die einprozentige der Juden und die neunundneunzigprozentige der Nichtjuden, findet Lewisohn für die neunundneunzig Prozent keine andere Bezeichnung," als Amerikaner, oder auf unser Land übertragen, als Deutsche. Damit hat er die 99% den 100% dem Namen nach gleichgesetzt, das eine Prozent der Juden also ausgeschlossen. In einem der besten Kapitel des „Caliban" schildert Zweig, wie gern sich die Majorität mit der Gesamtheit identifiziert und deren Einrichtungen als ihr Monopol betrachtet, an Hand des Beispiels der Stellung des konservativen evangelischen Offiziers-, Beamten- und Grundbesitzertums im preussischen Staat. In Konsequenz dessen, dass Lewisohn die Minorität aus der Gesamtheit ausschliesst, die Juden also aus dem amerikanischen Volk und aus den europäischen Völkern, sieht er keine andere Lösung unserer Daseinsfrage, als „Reghettoisierung", als Isolation der Juden auf kulturellem wie wirtschaftlichem Gebiete. Es sei ihm-gedankt dafür, dass er die Abwege schildert, auf die eine sich jüdischer Eigenwerte nicht mehr bewusste, hemmungslose Assimilation führt und führen kann. Auf seinem Weg aber, unter Ausserachtlassung aller soziologischen Gegebenheiten in das entgegengesetzte Extrem zu verfallen, können wir ihm nicht folgen. Wir verfallen nicht gleich ihm jeder Aeusserung von Gruppenkampf gegenüber in fassungsloses Erstaunen und in Ueberkompensation jüdischer Minderwertigkeitskomplexe (um in der von ihm beliebten Freudschen. Terminologie zu sprechen), denn wir wissen: Um unser „Erbe im Blut" und unser Erbe im Geist zu wahren, zu erhalten und zu schützen, gibt es keine Flucht auf ein Eiland der Romantik, sondern nur den alltäglichen Kampf im Strome des Lebens. An den Strömen von Babel . . . . Der mit diesem Verse beginnende Psalm 137 gehört zu den schönsten und ergreifendsten im ganzen Psalter. Er ist nicht bloss bei den Juden, sondern auch bei den christlichen Völkern sehr populär, der 5. Vers: „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem!" ist weltberühmt, ebenso der nachfolgende: diese beiden Verse geben dem Heimweh der Kriegsgefangenen den klassischen Ausdruck für alle Zeiten. Beim Klange des ersten Verses taudien vor uns auf die Gestalten der nach Babylon verschleppten gefangenen Judäer,- Lewiten, sie haben ihre Harfen an die Weiden gehängt, die Zwingherren verlangen von ihnen Zionslieder, „etwas Lustiges". Aber die sonst so Sanges frohen sind jetzt sangesmüde: „Wie sollen wir Lieder des Ewigen auf fremder Erde singen?" . . Doch jetzt schlägt die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat in Groll gegen deren Bedränger um: „Gedenke, o Gott, den Tag Jerusalems den Söhnen Edoms die da riefen: reisset