Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 10 (6.1930)
- Date
- 1930-06-01
- Page
- Seite 401 (sequence 13)
- Language
- German
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401 — alten Bindungen zerreissen, musste von sich aus zu einer künstlerischen Darstellung grossen, erhabenen Stils hindrängen. Ja der Weg zu diesem Ziele war nun erst frei, da Mensch und Tat in ihrer absoluten Grösse offenbar wurden. So löst sich denn auch immer mehr die Einzelgestalt des Führers, des Gesetzgebers, des Propheten aus der Szenerie eines Geschehens, aus der Masse des Volkes. Schon auf Sandro Botticellis grossen Wandgemälden in der Sixtinischen Kapelle erscheint Mose, der Rächer, der Helfer, der zur Rückkehr und zur Befreiungstat Entschlossene, als individueller Typus, im Körperhaften wie im Seelischen, von einer Lauterkeit und Klarheit, wie sie grossen Führern eignet, stärker noch auf dem zweiten Büde, wo er der empörten Rotte entgegentritt — er allein der anstürmenden Masse, eine machtvolle Erscheinung in Haltung und Gebärde, entschlossen, voller Mut und voller Schmerz, strafend wie eine zürnende Gottheit und wie ein liebender Vater — so verdammt, so vernichtet er die Empörer Dathan und Abiram. Moses und die Gesetzestafeln, nach einem Originalgemälde von Lesser Ury (Original im Besitz des Herrn Ludwig Bedthardt) Als Einzelfigur erscheint die Mosesgestalt zuerst in der Plastik an dem berühmten „Mosesbrunnen" von Claus Stüter, der im Hof der Kartause von Dijon aufgestellt ist. Eigentlich als Unterbau einer grossgedachten rundbildnerischen Darstellung des Kalvarienberges geplant, gekrönt von der Gestalt des Gekreuzigten. Um den Unterbau stehen zwischen schlanken Säulen als Verkünder des Todesurteils die sechs „Prophetengestalten": Mose, David, Jesaja, Jeremia, Zacharia und Daniel. Die mächtigste von allen ist die Mosesgestalt, die dem ganzen Werke den Namen gegeben: Aus einem Meer wogender Gewänder erhebt sich mächtig die Gestalt mit dem gehörnten Haupt, das ruhige Antlitz mit dem hpheitsvollen Blick umrahmt von wallendem Haar und dem bis zum Gürtel reichenden Bart. Reichtum und Fülle der Formen müssen helfen, den seelischen Reichtum zu offenbaren — aber sie verhüllen mehr, als dass sie enthüllen, so werden denn die Tafeln in der Rechten und das Schriftband in der Linken noch als notwendige Requisiten zur Charakteristik empfunden. Noch ist diese Mosesgestalt, diese-„Brunnenfigur", obwohl monumental empfunden, nicht völlig frei von den alten Bindungen. Diese Befreiung vollzieht sich erst in Mi c h e 1 a n g e 1 o s Schöpfung. Wohl ist auch sie ursprünglich als Teil eines größeren Ganzen, des Grabmals für Julius IL, konzipiert, und in der Tat bildet die sitzende Mosesstatue die Mitte des Grabmonuments, das nach jahrelangem Ringen stark verkümmert in Sa. Maria in Vincoli in Rom aufgestellt worden ist. Aber die Hauptgestalt ist doch so isoliert, ist so souverän, ist so überwältigend, dass sie — losgelöst aus dem Zusammenhang — als grosse Monumental- *£?f Das einzige Brot aus gewaschenem und enthülstem Getreide. Daher seine überaus große Bekömmlichkeit! plastik für sich begriffen, erfasst werden kann, werden muss. Eine überlebensgrosse Figur, eine Hünengestalt, die Jiesenslieder von übermenschlicher physischer Kraft geschwellt, mehr noch geladen von geistigen Energien, die den mächtigen Körper zu zersprengen drohen. So sitzt er äusserlich ruhig, innerlich aber voll gespannter Erregung, bereit — das zurückgestellte Bein verrät es — jeden Augenblick in Aktion zu treten. Die gewaltige Linke ruht untätig im Schosse, die Rechte, auf die Gesetzestafeln gestützt, greift in die welligen Locken des riesigen Bartes. Alle Linien führen zum Kopf; der hat sich eben mit heftigem Ruck zur Seite gewendet, als wär' er aus tiefem Sinnen aufgeschreckt: geistige Spannung verrät das Antlitz: finster dräuend der Blick, aufsteigender Zorn im Ausdruck des Mundes, die Hörner des Haiiptes2) wie zum Angriff vorstossend, das ganze Wesen „wie das dumpfe Grollen des Donners der blitzeschwangeren Gewitterwolke, deren elementare Macht hier menschliche Gestalt angenommen zu haben scheint" (Thode). Michelangelo schuf in seinem Mose das Bild eines gewaltigen, leidenschaftlichen Führers der Menschheit, der sich seiner göttlichen Aufgabe bewusst ist und der Welt seinen Willen aufzwingt. Es ist kein Historienbild, sondern das Urbild unüberwindlicher Energie, welche auch eine widerstrebende Welt zu bändigen weiss. Züge, die in der Bibel gegeben, sind vereinigt mit Eindrücken von der Persönlichkeit Julius TT. und mit des Künstlers eigenen Erlebnissen, mit seinen Leidenschaften und seinen weltbewegenden Energien. Es ist der Mose, der mit Gott Zwiespraeh hält und seinem Volke die Gesetze kündet. Es ist ein Mose, aber nicht der Mose. Es überwiegt die Erhabenheit göttlicher Vision und göttlichen Auftrags. Die menschlichen Züge treten zurück. Anders in R e in b r a n d t s Bild ..Mose zerschmettert^ die Gesetzestafeln". Hier enthüllt sich die leidende menschliche Seele. Nicht Zorneswut im Antlitz, sondern Schmerz und Wehmut über den Abfall des Volkes; wie ein Vater, der tiefes Leid träfft um ungeratene Kinder, erhebt er die Hände mit den Tafeln, ein Ausdruck, der in seiner Schlichtheit und elementaren Wucht zu Herzen geht. Es ist der mitfühlende, mitleidende Mensch, es ist der homo religiosus, der nicht über dem Volke, sondern mit ihm existiert, mit ihm vereint ist auf Leben und Tod. Unsagbares ist hier dargestellt. Worte versagen; hier gilt mir Mitfühlen und Schweigen. Diese reine Menschlichkeit der Mosesgestalt hat auch Lesser TT r y tiefstens empfunden. Wohl hat axich er in zwei Bildern den leidenschaftlichen Befreier und den empörten Führer geschildert, wie er einmal mit mächtigen Armen die Finsternis beschwört und ein andermal weitausschreitend dem abtrünnigen Volke die Tafeln entgegenschleudert aber in einem andern Bilde zeigt er die von T.eben und Schaffen Abschied nehmende Gestalt: An die dunkle Felswand gelehnt schaut Mose mit Bewunderung und ■-tiller Wehmut das Land der Verheissung im Sonnenglanz. <'ns er wohl von ferne sehen, aber nicht betreten durfte. Tiefe Resignation liest über dem Ganzen. Kein Mensch erreicht sein Ziel vollkommen, auch ein Mose nicht. Auch ihm *■••'*n-d Grenzen gesetzt, und demütig1 ergibt er sich darein. Merkwürdig, auch ein anderer Jude hat diese ergreifende Abschiedsszene des grossen Gesetzgebers gestaltet: Jozef Israels. Tn einer bisher unveröffentlichten Zeichnung — sie ist im Besitze seiner Tochter — hat er mit wenigen zarten Strichen und einigen hebräischen Worten diese letzte Stunde Moses festgehalten, wie eine Vision, wie ein Bekenntnis: Das Ziel unserer Arbeit unseres Frdenwallens — wir schauen es ewig nur von ferne. Der Künstler gestaltet nicht die historische Wahrheit im wissenschaftlichen Sinne, er fragt nicht darnach; er srestaltet in einem tieferen Sinne ein geschichtliches Sein: Was die Welt von dem Wert grossen Geschehens in ihr Bewusstsein aufgenommen und dauernd im Gedächtnis bewahrt, das existiert für den Künstler, es ist da; es erfüllt seine Seele, und seine Kunst ist ihm die Sprache, in der das Erlebnis der Seele sich offenbart. So sind auch die Mosesgestalten der bildenden Kunst nur Darstellungen des Moses-Erlebnisses, sind darum zu werten als Dokumente, die das Verhältnis des menschlichen Geistes zu einem der Grössten der Menschheitsgeschichte enthüllen, das Verhältnis zu Mose, dem Propheten. 3} Wohl aus dem missverstandenen hebräischen Wort ,.karan' (verwandt mit Kereu Horn) zu erklären. strahlen