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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-06-01 · 10 (6.1930) · p. Seite 400

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
10 (6.1930)
Date
1930-06-01
Page
Seite 400 (sequence 12)
Language
German
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400 erst nach langen Jahrzehnten reifen können. Die Wiederaufforstung eines Waldes, in dem Raubbau getrieben worden ist und der vorwiegend von alten, um nicht zu sagen morschen Bäumen belegt ist, stellt den Forstmann vor eine Arbeit von langer, langer Sicht. IV. Nicht verzweifeln! Bittere Dinge enthalten unsere Darlegungen. Bedeuten sie ein unabänderliches- Aussterben der Juden zunächst in Deutschland, später im Ausland? Das möchten wir keineswegs prophezeien. Wohl kann mit und ohne Einwanderung die Judenheit bei uns dezimiert werden, wohl werden gar manche alten und uralten Familien aussterben und damit das Schicksal von bereits verschwundenen teilen. Indessen: die Kurve kann die Richtung auch wieder einmal wechseln. So wenig es ein Zufall war, dass die Juden vor 50 Jahren den Auftakt für die Periode des Geburtenrückganges gaben, so möglich scheint es, dass sie auch das Signal für die Umkehr geben könnten. Warum haben sie zuerst die Kin- - derzahl beschränkt? — weil sie früher als andere von jenem Zeitgeist infiziert wurden, früher die Zielstrebigkeit, die Grosstadt, den Kapitalismus, den Rationalismus, die Irreligiosität verkörperten. Warum sollten sie als letzte dieser Periode — oder welthistorisch gesehen — dieser Episode den Laufpass geben? Sind die Juden — wie manche z glauben — denn zwangsmässig und ewig mit diesen Dingen verknüpft oder sind in ihrer Geschichte nicht gerade die entgegengesetzten Zeiten die ruhmreichsten gewesen und hat nicht das Schicksal sie aus ihrer ursprünglichen Bahn geworfen? Wenn aber das der Fall ist, so müsste eine Abkehr von dem „Modernen" die Voraussetzung schaffen für die Rückkehr zu einer völlig anderen Auffassung auch in der Kinderfrage. Die Mosesgestall in der bildenden Kunst. Von Dr. A. G a 11 i n e r. Von allen Gestalten unserer Bibel, die in der bildenden Kunst verherrlicht werden, ist die Gestalt Moses die grossartigste, zugleich auch die seltsamste und reichste. Menschliche und historische Grösse ist hier vereinigt, ein Leben, überreich an bedeutungsvollen Szenen, erscheint auf der Weltenbühne. Und alle Phasen dieses Lebens, Geburt und Aussetzung, Jugend und Verfolgung, Flucht und Aufenthalt im fremden Lande, Berufung und Rückkehr, das Ringen mit allen Gewalten, die Plagen und die Rettung, der Auszug und der Durchzug durchs Meer, die lange Wanderung durch die Wüste mit all den Schwierigkeiten und Entbehrungen, mit all den dramatischen Ereignissen bis zum Höhepunkt, der Offenbarung am Sinai, mit all den wundersamen Begebenheiten, dem ersehnten Wassertrunk und der labenden Mannaspeise, mit den Kämpfen gegen innere Gegner und äussere Feinde, das Vordringen bis an die Grenze des verheissenen Landes — all das ist bildhaft gestaltet, ist in kleinen und grossen Bildern, in Miniaturen und Mosaiken, in Glasfenstern und Wandgemälden immer wieder eindrucksstark erzählt worden. Auch die tragischen Konflikte — ja, sie besonders! Abfall und Empörung des Volkes stürmen an gegen Treue und Vertrauen des Führers, Selbstsucht von Priestern gegen die Selbstlosigkeit des Gesetzgebers. Und wie menschlich ist er in allem! Das ist auch für die künstlerische Gestaltung entscheidend — wie für die biblische Darstellung. Immer bleibt „dieser Mann Mose" ganz und gar Mensch, wie hoch er sich auch in die Sphäre göttlichen Wesens erheben mag, immer ist er der „sehr demütige" Mensch, „mehr als irgend einer auf Erden". Nur um Gottes willen lebt und .wirkt und leidet er, und um seines Volkes willen! Er ist bereit, sich zu opfern, wenn es gerettet werden kann: NEU-ERÖFFNET! PENSION STAUDT Frankfurt a. M. Wiesenau 30 Telefon Maingau 79379 Feinbürgerliches Haus in ruhiger vornehmer Lage. Neuzeitlich eingerichtet. Garten Vorzügliche Küche Empfehlenswert für Dauergaste „Lösche mich aus Deinem Buche!" Es geht nicht ium seine Person, nie um seine Autorität: „Eiferst Du für mich? Wäre doch das ganze Volk Gottes Propheten!" Menschlich ist er jedoch auch in seiner Leidenschaft, in seinem flammenden ZornK da er den Aegypter erschlägt, da er die Tafeln zerschmettert, da er gegen den Kälberdienst wütet wie ein verheerender Sturm. Es ist heiliger Zorn, denn seine Quelle ist Menschlichkeit, ist Mitleiden mit den körperlich und seelisch Gequälten. Mit- Erleiden! die gewaltige Triebkraft zu seinen heroischen Taten. Moses zerschmettert die fafeln (Rembrandt) Kein Wunder, dass auch die Legende sich solcher menschlichen, gotterfüllten Gestalt bemächtigt. Kein Wunder, dass die literarische, wie die bildende künstlerische Phantasie zu jeder Zeit solche Persönlichkeit neu zu gestalten versuchte. Sie maisste lebendig bleiben, nun schon seit Jahrtausenden. So ward Mose zum Symbol der Tatsache von Israels Volkswerdung, der Tatsache reiner Gotteserkenntnis, des religiösethischen Monotheismus — ja mehr, er ward zum Symbol des wahrhaft Heroischen in der Menschheit. Vermag Literatur oder bildende Kunst solch heroische Grösse neu zu gestalten? Ist es dem Dichter, dem Künstler möglich, diese menschlich-übermenschliche Gestalt nachzuschaffen? Ist es nicht, als müssten jedem, der solches unternimmt, die vernichtenden Worte des Erdgeistes entgegendröhnen: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!" Und dennoch haben Künstler aller Zeiten, Maler und Bildhauer, berufene und unberufene, Mosesgeschichten erzählt und Mosesgestalten gebildet, von den ungenannten, unbekannten Malern in den frühchristlichen Kultstätten der Katakomben bis auf einen Meister wie Lesser Ury in unseren Tagen. Freilich sind es zu Anfang meist christologische Beziehungen, ist es die Bezugnahme auf die christliche Heilslehre, die an den Wänden der Katakomben, in Mosaiken früher Kirchen, in Miniaturen alter Handschriften, in Glasgemälden hoher Chorfenster zur Darstellung von Mosesgeschichten führte. So sind es vorerst die Szenen des Quellwunders, des brennenden Dornbusches, der ehernen Schlange, der Gesetzgebung, die immer wiederkehren, Szenen, die aus inneren oder aus äusseren Gründen zu Vorgängen und Lehren des Neuen Testaments in Beziehung gesetzt werden, wie ja das ganze Alte Testament als Vorstufe zum Neuen aufgefasst ward, als „Vorbedeutung" gegenüber der „Erfüllung' Doch bald verlor sich dieser Zusammenhang. Die Ueberfülle des Geschehens und die suggestive Macht der heroischen Persönlichkeit musste die alten Vorstellungen verdrängen, die!) Hierüber weiteres in des Verfassers Buch: Bilder zur Bibel. Verlag J. Kauffmann, Frankfurt a. M.

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