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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-06-01 · 10 (6.1930) · p. Seite 398

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
10 (6.1930)
Date
1930-06-01
Page
Seite 398 (sequence 10)
Language
German
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rapid abnehmen muss, und da von diesen wenigen offensichtlich annähernd ein Drittel — höchstwahrscheinlich aber viel mehr — durch Mischehen und erzwungene Ehelosigkeit für die Fortpflanzung wegfällt und da die unaufhaltsam wadisende - Ueberalterung den Sterbekoeffizienten hinauftreibt, so muss die Bevölkerungsbilanz immer passiver werden, selbst wenn die Kinderzahl pro Jahr auch weiter fällt. Ein leiser Vorgeschmack — aber nur ein leiser — .sind die letztbekanntgewordenen Ausweise der beiden Grossgemeinden Berlin und Frankfurt. Namentlich Be r 1 i n, die geburtenärmste Stadt der Welt, ist deshalb so ungewöhnlich wichtig, weil sie immer mehr Juden anzieht und heute schon ein rundes Drittel der deutschen Juden umfasst, während andere Landesteile — Osten und Süden — scharf zurückgehen. Für Berlin liegen uns erst Ziffern für 1927 vor. Sie sind geradezu er sehr ekkend, denn in dieser grössten Gemeinde Deutschlands standen den 1624 Geburten nicht weniger als 2246 Sterbefälle gegenüber. Auf zwei Geburten fielen drei Beerdigungen! Wie mögen die Dinge erst 1928 und 1929 gewesen sein! Alles deutet auf eine weitere Zuspitzung. So namentlich die durch Eifer des .,Gemeindeblattes" und von Professor Dr. Hanauer bereits vorliegenden neuesten Zahlen für Frankf urt: In Frankfurt betrugen: Geburten- (+) bezw. S t e r b e- (—) Geburten Sterbefälle überschuss 1924 461 411 + 50 1925 444 401 + 43 1926 577 598 — 21 1927 562 592 — 50 1928 566 415 — 47 1929 517 451 " —154 Damit wäre das Schicksal der deutschen Juden in wenigen Jahrzehnten besiegelt: eine Korrektur wäre nur möglich durch ein grundlegendes Abgehen vom Hypermaltusianismus und durch eine Einwanderung. Scharfer Rückgang der Geburten — scharfes Ansteigen der Sterbefälle! Dass eine plötzlich wiedererwachende Lust zum Kinde das Problem kaum lösen kann, mag folgende Ueberlegung erweisen: Zur Arte r h a 11 u n g müssen bei heutigen Verhältnissen im allgemeinen drei Kinder pro Ehe geboren werden. Bei den Tuden müssten es darum mehr sein, weil über ein Drittel aller Juden freiwillig und unfreiwillig durch die Mischehen und deren Folgen von der Fortpflanzung ausgeschlossen ist. Dort, wo sonst auf 500 erwachsene Menschen 150 Ehen entfallen und diese nach dem oben gesagten 450 Kinder bekommen müssten, entfallen bei den heutigen deutschen Juden — unter sonst gleichen Verhältnissen — auf 500 Erwachsene nur 100 in Betracht kommende Ehen. Diese Ehen müssten also so viel Kinder bekommen wie jene 150 — d. s. 450 Kinder — und somit pro Ehe 4J4 Kinder. Nicht genug damit, müsste ja Ersatz eeschaffen werden für die vielen Austretenden und schliesslich wird bei der starken Ueberalteruna: der deutschen Juden und dem geringen Nachwuchs die Zahl der Ehen bald empfindlich fallen: das wird zum ersten Male scharf hervortreten, wenn die Generation von 1914/18 heiratsfähig wird . Die hohe Wahrscheinlichkeit einer sehr scharfen von Jahr zu Jahr steigenden Abnahme der heutigen deutschen Juden auf Dezennien hinaus kann man sich auch auf folgende Weise klarmachen: Die natürliche BevÖlkerunffsbewesrune: ergibt sich aus der Differenz von Geburt und Tod. Die Zahl der Geburten aber ist in ausschlaggebender Weise abhängig von der Zahl der Ehen. Die Eheschliessungen bei den deutschen Juden müssen nun zwangsweise zum mindesten für die nächsten 25—50 Jahre noch ganz erheblich unter ihr heutiges, bereits so niedriges Mass sinken, denn in den nächsten 25—50 Jahren heiraten die Männer, die 1900—1929 geboren worden sind. Das mögen pro Jahr im Durchschnitt in ganz Deutschland höchstens 5500 gewesen sein (in den letzten Jahren waren es 2500—2800). Nun weiss man, dass naturgemäss ein gewisser Prozentsatz aller Geborenen nicht heiratet: (bei der gesamten deutschen Bevölkerung etwa ein .Drittel). Nimmt man nun an. dass selbst 80% aller geborenen Männer heiraten und dass diese alle Jüdinnen heiraten, was ^»«ides in hohem Grade, unwahrscheinlich ist, so ergäbe das :m Durchschnitt der nächsten 25—50 Jahre alljährlich 2800 Jüdische Ehen in Deutschland gegen 5500 in den letzten Jahren» Wenn aber die Mischehen in der erwähnten Zeit auch nur so hoch bleiben wie bisher — offensichtlich steigt aber ihr Anteil — und wenn statt 20 etwa 50% ehelos bleiben — was ebenfalls anzunehmen ist —, so wird im kommenden Viertel jahrhun der t die Zahl der jüdischen Ehen auf etwa 1800 sinken; bei der derzeitigen Kinderzahl pro Ehe {\%) würden wir in Deutschland alljährlich 2400 jüdische Geburten zu erwarten haben (gegen etwa 5600 in den letzten Jahren) oder eine Geburtenziffer' von rund 4,5°/oo gegen 10°/on in 1927 und 52°/0o in den 70er Jahren!! Wie wird sich demgegenüber voraussichtlich die Sterbeziffer entwickeln? Die Beantwortung ist deshalb sehr erschwert, weil wir leider keine exakten Angaben über den Altersaufbau der deutschen Juden besitzen. Besässen wir diese, so könnte man auf Grund der Sterbetafeln mit leidlicher Brauchbarkeit eine Kurve für die Sterbeziffer vorausberechnen. Aber auch ohne dies weiss man, dass die deutschen Juden überaltert sind: Es sind in den letzten 50 Jahren wohl rund 100 000 Juden in Deutschland geboren worden gegen etwa 218 000 in den vorangegangenen 50 Jahren (1871—1900). Wenn nun auch von diesen 218 000 in der Zwischenzeit bisher mehr gestorben sind als von jenen 100 000, so ist doch die Zahl der 51—60jährigen fraglos grösser als die der 0—50jährigen, von denen ja auch zwischenzeitlich ein Teil gestorben ist. Aber auch andere Teilbetrachtungen zeugen für den anormalen Aufbau. So ist das Verhältnis der schulpflichtigen jüdischen Kinder zu der jüdischen Bevölkerung in Frankfurt a. M. von 1895 bis 1925 von 15 auf 5,95% gefallen (bei der Gesamtbevölkerung von 12 auf 9.59) und die Anzahl der unter 20jährigen in der Israelitischen Gemeinde wird laut Wahlkartei mit 25% angegeben gegen 54,8% für die gesamtdeutsche Bevölkerung. Mit anderen Worten: Der Altersaufbau der deutschen Juden gleicht bereits hetite einer umgekehrten Pyramide! Es ergibt sich aus obigem, dass im Verhältnis zum ganzen ein immer grösserer Prozentsatz in die vom Tode am meisten bedrohten Jahre treten wird. Nach Analogieschlüssen müsste schon in wenigen Jahrzehnten eine Sterbeziffer von 20%0, später 25°/00 (z. Z. ca. 14 bis 15°/oo) erreicht sein. Somit haben wir recht bald mit einem Ueberschuss der Sterbeziffer über die Geburtenziffer von etwa l6°/oo gleich jährlich 9000 zu rechnen, wobei die Austritte ganz ausser Ansatz geblieben sind. Wollte die heutige jüdische Bevölkerung Deutschlands dieses Defizit ausgleichen, so müsste die Kind er zahl je Ehe statt 1,5 nicht weniger als sieben betragen! Die Aussichten hierauf scheinen nicht sehr gross. Ein quantitativer Ausgleich wäre daher einstweilen nur in einem W a n d e r g e w i n n zu erwarten. Dass dieser schon in der Vergangenheit eine ausserordentliche Rolle gespielt haben muss, zeigt zunächst die Statistik; zwar hat die Zahl der Juden in Deutschland seit Gründung des Reiches relativ abgenommen, und zwar von 12,5°/on der Gesamtbevölkerung auf ntir 9°/0n bei der Volkszählung 1925, aber absolut ist sie immerhin gestiegen, denn sie betrug: Deutsches Reich: davon P r e u s s e n: 1871 512 000 ' 526 000 1880 562 000 564 000 1890 568 000 572 000 1900 587 000 592 000 1910 615 000 416 000 1925 564 000 404 000 Der Umstand, dass die Zahl der Juden von 1910 bis 1925 im Deutschen Reich zum ersten Male zurückging, widerspricht nur scheinbar unserer obigen Behauptung von ihrem ständigen absoluten Steigen: denn zwischen 1910 und 1925 liest der Verlust von Elsass-Lothringen und Posen mit einer jüdischen Bevölkerung von rund 60 000 (1910). Somit ist also auf dem gegenwärtigen Reichsgebiet die Zahl der Juden auch während der beiden letzten Volkszählungen gestiegen, und zwar betrug der Ueberschuss der Wanderbewegung über den natürlichen Bevölkerungszuwachs und die Austritte von 1910—1925 etwa 20 000, von 1900 bis 1910 zwischen 10 bis 15 000. Dies ist deshalb recht beträchtlich, weil abgesehen von den Austritten, doch offensichtlich ständig eine garnicht zu unterschätzende Auswanderung von Juden aus Deutschland stattfand und auch heute noch vor sich geht: Bis 1880 beispielsweise stellte Deutschland den Löwenanteil für die amerikanischen Juden und auchheute nochhat fast jede jüdische Familie nähere und fernere Angehörige, die nicht in der jüngsten Vergangenheit nach dem europäischen oder . aussereuropäischen Ausland ausgewandert sind. All diese . Elemente sind mehr als ausgeglichen worden durch den Zustrom aus dem Osten und zwar nicht nur aus Polen und Russland, sondern recht stark aus Wien und Budapest — heute noch zwei der^ grössten jüdischen Zentren, die ganz unverkennbar an Bedeutung sichtlich abnehmen, weil bei ihnen neben dem auch dort ganz scharf feststellbaren Ge- - burtenstreik die Abwanderung eingesetzt hat. ,

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