Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 10 (6.1930)
- Date
- 1930-06-01
- Page
- Seite 396 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Eheschliessungen Geburten Todesfälle reinjüd. Mischehen lebend geboren totgeboren aus Mischehen unehelich im ganzen davon SäugL 1927 163 58 324 13 43 23 392 11 1928 186 76 328 10 34 21 413 18 1929 188 82 282 8 42 14 451 6 Aus dieser Tabelle ergibt sich, ein starkes Ansteigen der Mischehen von 1927 auf 1929 von 58 auf 82, die Geburtenziffer sinkt von 1928 auf 1929 um 47, auch die unehelichen Geburten nehmen ab. Die Todesfälle steigen ständig an, am stärksten ist das Anwachsen von 1928 auf 1929. Diese inneren Verluste der jüdischen Bevölkerung in Frankfurt sind auch durch äussere Zuwanderung nicht ausgeglichen worden, im Gegenteil sind im Jahre 1929 63 Personen mehr weggezogen wie zugezogen. Dazu kommen noch die Verluste durch Austritte aus dem Judentum und aus der Gemeinde. Es ist anzunehmen, dass ein erheblicher, wenn auch zahlenmässig nicht genau anzugebender Teil der 105 Personen, die zunächst aus der Gemeinde ausgetreten sind, früher oder später dem Judentum überhaupt den Rücken kehren werden. Alles in allem gibt das statistische Bild, welches die jüdische Gemeinde für das Jahr 1929 bietet, zu mancherlei Besorgnissen Veranlassung, und es steht zu hoffen, dass die verantwortlichen Instanzen den Fragen der jüdischen Bevölkerungspolitik ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden werden. Die Zersetzungsgefahren bei den deutschen Juden Gedanken eines Statistikers. Von Ernst Kahn. I. Rückblick — Vergangenheit. Das BibelwTort „Seid fruchtbar und mehret Euch" schien für die alten Juden ein selbstverständliches Gesetz. Wir können uns eine Familie zur Grossväterzeit ohne reichen Kindersegen kaum vorstellen. Da nun die Segnungen der modernen Hygiene bei den Juden zusammenwirkten mit den uralten Gesundheitsvorschriften der Religion und der sprichwörtlichen Sorge um die Heranwachsenden, so musste mit Beginn der Emanzipation und dem Aufhören der rohesten. Verfolgungen ein rasches Anwachsen der Juden eintreten. Und so ergab sich etwa seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts allenthalben — namentlich aber auch in Deutschland — eine rasche Vermehrung der Juden und sie war geradezu sprichwörtlich geworden. Da wiesen aufmerksame Beobachter und zwar unseres Wissens zuerst der vorzügliche Kenner der Materie, Dr. Arthur Ruppin, um die Jahrhundertwende auf ein unverkennbares Nachlassen in der Familienstärke hin. Und ein christlicher Statistiker, der Darmstädter Regierungsrat Knoepfel ging später dazu über, die genaueste Beobachtung der jüdischen Bevölkerungsbewegung deshalb zu empfehlen, weil sie wie ein Barometer das Schicksal der deutschen Bevölkerung mit einem Vorsprung von Jahrzehnten vorhersage. Knoepfel hat bis heute rechtbehalten: Es entfielen auf 1000 Einwohner in Preussen: Geburten Slerbefälle Geburtenüberschuß Gesamtbevölkerung Juden Gesamtbevölkerung Juden Gesamlbevölkerung Juden 1876/80 40.0 31.7 26.1 17.6 + 13.9 + 14.1 1881/85 37.9 28.1 25.9 17.2 + 12.0 + 10.9 1886/90 37.7 23.9 24.4 16.1 + 13.3 + 7.7 1891/95 37.2 22.5 23.0 15.9 + 14.2 + 6.6 1896/1900 37.1 20.4 21.2 14.3 + 15.9 + 6.1 1910 30.5 15.7 15.9 13.7 + 14.6 + 2.0 1927 18.4 10.9 11.9 14.2 + 6.5 — 4.2 Wie diese Tabelle zeigt, ist mit unerbittlicher Konsequenz von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Geburtenziffer gefallen: die Sterbeziffer hat aber neuerdings die entgegengesetzte Richtung angenommen — sie beginnt zu steigen. Und dieses Steigen wird aus später zu erklärenden Gründen sich fortsetzen. Jetzt schon ergibt sich ein empfindlicher Sterbeüberschuss; für 1927 betrug er bereits 4,2%o in Preussen, was für das ganze Reidi etwa 2400 Menschen in einem Jahre bedeutet. Man kann fast mit Bestimmtheit annehmen, dass das Jahresdefizit 1928 und 1929 noch weiter gestiegen ist. Ein wahrer Sturz der Geburten spricht aus der Tabelle. Der Rückgang wird besonders plastisch, wenn man die Kinderzahl pro jüdische Ehe berechnet: Während noch in den 80er Jahren auf eine Ehe 4 Kinder entfielen, sind es für 1927 beredinet nurmehr 1,5 und damit ist an Stelle des spridiwörtlichen Kinderxeichtii m s eine in der Geschichte wohl beispiellose Kinderarmut getreten. Das ist das eine. Das andere ist das Steigen der Sterbezif fer. Während im allgemeinen spärliche Geburten von einem Fallen der Todesfälle begleitet werden, so ist das bei den Juden nicht mehr der Fall und zwar deshalb, weil die Juden allmählich überaltern. Bei einer zunehmenden und selbst bei einer stagnierenden Bevölkerung sind nämlich die unteren — also lebensfrischen — Jahrgänge stärker be- ' setzt als die höheren, dem Grabe Näheren. Bei einer rückläufigen Bevölkerung verlassen mehr Menschen jene unteren Altersklassen als in sie hineingeboren werden. Fast muss man sich wundern, dass unter diesen Umständen die Sterbeziffer nicht noch mehr gefallen ist. Und tatsächlich ist jene amtlidie Statistik in diesem Punkte etwas irreführend. Es müssten eigentlich zu den Sterbefällen noch die Austritte gezählt werden, denn die Abtrünnigen qualifizieren sich nicht etwa nur für den Gläubigen wie Verstorbene, sondern auch für den Statistiker. Diese Austretenden sind nämlich als Eingang bei ihrer Geburt in der Bevölkerungsbewegung verzeichnet; der Ausgang fehlt aber und dadurch entsteht ein falsches Bild von der Sterbeziffer der Juden. Da im Durchschnitt der letzten Jahrzehnte in Preussen wohl mindestens 500 Austritte oder l,25%o erfolgten, so wäre die Sterbeziffer oben entsprechend zu erhöhen. Dies würde sie für das zuletzt berücksichtigte Jahr 1927 auf rund 15,5°/oo, den Sterbeübersehuss auf ca. 5,5%o bringen. Hält man diesen Sterbeziffern der Juden diejenige der Gesamtbevölkerung mit ll,90/oo gegenüber, so findet man darin eine Bestätigung für die Annahme, dass der Altersaufbau der Juden ungünstiger ist. Die Wahrscheinlichkeit spricht deshalb dafür, dass diese Sterbeziffer auf lange Zeit hinaus immer weiter und weiter steigen wird, weil sich dieses Missverhältnis zwischen den Jungen und den Alten von Jahr zu Jahr schärfer herausbilden muss. Die Ehehäufigkeit bei den Juden bleibt mit 6,5°/oo etwa im Jahre 1927, auffallend hinter derjenigen der Gesamtbevölkerung (8,6) zurück. Ob es richtig ist, diesen Unterschied ganz oder auch nur teilweise aus der angeblichen Heiratsuniust der Juden zu erklären — wie man so häufig liest, — ist sehr zweifelhaft; ein viel näher liegender Grund ist vielmehr auch hier in dem anderen Altersaufbau der Juden zu suchen; bei der Aligemeinbevölkerung kommen zur Zeit die so kinderreichen Jahrgänge von 1900 bis 1910 zum Heiraten. In dieser Periode hatte aber bei den Juden die Geburtenbeschränkung schön längst begonnen. Also ist die derzeitige niedrige Eheziffer der Juden ebenfalls ein Barometer für die gesamtdeutsche Bevölkerung, der eine niedrige Eheziffer erst bevorsteht; für die Juden aber ist mit weiter scharf rückgängigen Eheschliessungen aus später zu erörternden Gründen auf Jahrzehnte hinaus zu rechnen. Ein besonderer Grund der niedrigen Eheziffer der Juden ist übrigens auf die Mischehen zurückzuführen. In zunehmendem Masse ist nämlich unter den Männern eine solche Neigung dazu zu beobachten, dass immer mehr jüdischen Mädchen der Partner fehlt; der Wille oder die Möglichkeit, dass diese Mädchen ebenfalls Andersgläubige heirateten, ist offensichtlich nicht in dieser Stärke vorhanden. FRANKFURTER BANK Neue Mainzerstr. 69 Qeflr 1854 Telefon-Anschluß: Sammelnummer Hansa 20901. Nachtruf Hansa 24116 Telegramm-Adresse: Frankfurterbank Postsoheok-Konto: 154 Frankfurt a. M. Hinterlegungsstelle für Mündelvermögen Annahme verzinslicher Gelder - Laufzeit naoh Vereinbarung - Günstige Verzinsung. - Errichtung von Hauskonten mit generellen Zahlungsaufträgen. Spareinlagen gegen Sparbuch. Eintrag 6o/0 Reiohssohuldbuchforderungen auf unseren Namen. Beleihung u. Verwaltung derselben. - Verwahren. Verwalten und Beleihen von Wertpapieren. - Vermittlung aller in das Bankfaoh einsohl. Gesohäfte zu günstigen Bedingungen. Wöohentliohe Börsen- und Wirtsohaftsberiohte. 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