Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 10 (6.1930)
- Date
- 1930-06-01
- Page
- Seite 393 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der vorliegenden Stelle können wir ersehen, dass die Kultur des Weinstodes uralt ist. Wir erfahren aber noch mehr. Die Stammpflanze des Kulturweinstocks kommt heute noch wild in den Wäldern Transkaukasiens vor. Der wilde Weinstock (nicht zu verwechseln mit dem sogen, „wilden Wein" unserer Gärten, der mit dem echten Weinstock nichts zu tun hat) ist dort eine Kletterpflanze, ähnlich dem Efeu, die sich an den Bäumen emporrankt. Transkaukasien ist demnach wohl als die Heimat des Weinstocks anzusehen. Hier stand die Wiege der W e i n k u 1 tu r. Wo aber landete die Arche, und wo legte Noach den ersten Weinberg an? Am Berge Ararat! In dieser Gegend ist aber, wie wir eben sahen, gerade die Heimat des Weinstocks zu suchen! So bestätigt also auch die Bibel die Richtigkeit dieser Ansicht. Man kann vielleicht einwenden, dass damit der biblischen Angabe ein zu grosser Wert beigemessen wird. Wer aber einmal bei kulturgeschichtlichen S.udien gesehen hat, wie zuverlässig derartige alte Angaben sind, wird die Wichtigkeit dieser Bibelstelle einsehen. D.ie Bäume und ihr Holz nehmen in der biblischen Flora eine ausgezeichnete Stellung ein. Sie werden verhältnismässig oft erwähnt. Die erste Holzart tritt uns im 1. B. M., Kap. 6, Vers 14 entgegen. Es ist das Holz, aus dem die Arche des Noach gemacht war, das „Gopher"-Holz. Hier gelingt es nicht, Gopher sicher zu identifizieren. Es ist nicht mit Bestimmtheitzu sagen, dass Gopher Zypresse ist. Es lässt sich nur mit Sicherheit behaupten, dass irgend ein Nadelholz gemeint ist. Dem ersten namentlich angeführten Baum begegnen wir in Kap. 21, Vers 33. Es ist von Abrahem die Rede: „Er pflanzte ein Eschel". Raschi gibt nach Raw und Schemuel an, „Eschel" sei ein „Pardess*, ein Obstgarten oder ein „Pundak", eine Herberge, in der für Fremde allerlei Früchte vorrätig waren. Mit „Eschel" ist aber in Wirklichkeit die Tamariske gemeint. Die Tamariske ist auch heute noch in Palästina ein überall vorkommender Baum. Eine der Tamariskenarten ist besonders bemerkenswert, da sie wahrscheinlich das Man geliefert hat. Es ist dies Tamarix nilotica var. mannifera, deren junge Triebe von einem Insekt, dem Coccus manniparus, gestochen werden. An den Stichstellen tritt dann ein honigartiger Saft in Tropfen aus, den man mit dem biblischen Man identifiziert hat. Hier sei auch gleich von einem anderen Baum die Rede. Im 35. Kap., Vers. 4 und 8 wird von einem Baum namens „Ela" und „Alon" gesprochen. Es ist nicht die Eiche, wie viele Uebersetzer geglaubt haben. Es ist die Pistacia Terebinthus, der Terpentinbaum (siehe Zeichnung 3). Ebenso wie die Tamariske kommt die Terebinthe auch heute noch in Palästina im Gebirge vor. Was diese Bibelstelle aber so besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass diese Bäume eine besondere Rolle im Leben der Juden der biblischen Zeit gespielt haben. Man begrub seine Toten gerne unter diesen Bäumen wie 1. Mosj, Kap. 55, Vers 8 geschrieben steht: „Es starb Debora . . . und sie wurde begraben . . . unter der Terebinthe." Auch von der Tamariske wird 1. Sam., Kap. 31, Vers 13 Aehnliches beschrieben. Die Gebeine Sauls und seiner Söhne werden unter der Tamariske begraben. Hier spüren wir etwas von der Ehrfurcht vor den Bäumen, diesen mächtigen ' Geschöpfen Gottes, die Jahrhunderte überdauern und oft älter werden als alle Tiere und der Mensch. Jeder naturnahe Mensch fühlt das, und aus diesem Gefühl heraus dürfte es zu erklären sein, dass man die Toten dem Schutz dieser Bäume anvertraute. Eine der interessantesten Stellen des 1. Buch Mos. ist in Kap. 30, Vers 14 ff. zu finden, wo berichtet wird, dass Rüben auf dem Feld „Dudaim" fand. Diese Pflanze ist nichts anderes als Alraune. Hier stossen wir auf eine der urältesten mystisch-abergläubischen Vorstellungen der Menschheit. Die Alraune sind menschenähnliche Wurzeln, von Mandragora officinalis (Zeichnung 4). Die Mandragorapflanze kommt im ganzen Mittelmeergebiet vor und ist auch in Palästina zu finden. Die Menschenähnlichkeit kommt dadurch zustande, dass die Hauptwurzel sich gabelt und so zwei „Beinchen" bildet. Stärker ausgebildete Nebenwurzeln sind die zwei „Aermchen". Kommt dazu noch eine kleine Anschwellung der Wurzelbasis als „Kopf", so ist das Wurzelmännchen fertig. Die Verwendung dieser Wurzeln war eine zweifache: Der Besitz eines solchen Wurzelmännchen gab dem Besitzer Macht über viele Dinge. Ausserdem aber galt die Wurzel als Aphrodisiacum, womit auch die volksethymologische Deutung des hebräischen Namens zusammenhängt, den man nämlich von „Dod", Geliebter, ableitet. Auch der Talmud zählt die Wurzel zu den Aphrodisiaca. Ausserdem soll sie die Entbindung erleichtern. Der ganzen Alraunensage ist ferner gemeinsam, dass das Herausziehen der Wurzel mit Lebensgefahr verbunden ist, weshalb Josephus schreibt, dass die Wurzel von einem Hunde herausgezogen werden solle, damit dieser statt des Menschen sterbe. Und im palästinensischen Talmud findet sich (nach Low) eine Stelle, in der steht, dass man, um die Gefahr beim Herausziehen zu beschwören, keinen Bibelvers zitieren dürfe. Es soll ferner erwähnt werden, dass Raschi an dieser Stelle anscheinend einem Irrtum zum Opfer gefallen ist. Wie er dazu kommt, „Dodaim" mit Jasmin zu identifizieren ist ganz unklar. Eine Stelle, die ebenfalls an einen uralten Aberglauben (?) erinnert, ist Kap. 30, Vers 37. Es handelt sich wohl darum, dass die Tiere Jakobs sich an der Tränke an den weiss-geringelten Stäben „versehen" sollen, damit sie gefleckte Nachkommen werfen. Denn an den Stäben schälte Jakob die Rinde in Streifen ab, sodass die braune Rinde, die er stehen Hess, mit den weissen rindenfreien Streifen, kontrastierte und die Stäbe so „gefleckt" waren. Und gefleckt sollten ja auch die Nachkommen der Schafe sein. Mehr als das interessiert uns hier, was mit den Stäben von „liwne lach welus wearmon" gemeint ist. „Liwne" ist die Weiss-?appe 1, „Lus" ist der Mandelbäum und „ArmonM die latane. Das sind drei Baumarten, die man auch im heutigen Palästina noch beisammen findet. Die Erwähnung des Mandelbaums an dieser Stelle ist für den Botaniker von besonderer Wichtigkeit. Denn hier ist der wilde Mandelbaum gemeint. Aus 1. Mos., Kap. 43, Vers 11 wissen wir aber, dass zu diesen Zeiten auch der kultivierte Mandelbaum in Palästina schon existiert hat. Denn Jisrael schickt dem Jakob neben anderen Geschenken „Schkedim", d. h. Mandeln, die Früchte des kultivierten Mandelbaums. Wenn wir hierzu noch die Tatsache nehmen, dass auch heute noch in Palästina der wilde Mandelbaum gefunden wird, und dass die Mandelkultur in den anderen Ländern, in denen sie heute geübt wird wie China, Indien u. a. verhältnismässig jungen Datums ist, kann man wohl mit Sicherheit behaupten, dass die Heimat des Mandelbaums in Palästina bezw. DIAISN-Puder bewahrt Ihren Liebling vorWundsein.