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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-06-01 · 10 (6.1930) · p. Seite 391

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
10 (6.1930)
Date
1930-06-01
Page
Seite 391 (sequence 3)
Language
German
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391 Es wird keinen verantwortungsbewussten Menschen geben, den diese Entwicklung nicht mit ernstester Sorge erfüllt, denn so viel ist nun doch von den Wahrheiten unsrer Bibel zum Gemeingut der gebildeten Menschheit geworden, dass ohne Sittlichkeit die menschliche Gesellschaft an ihrer Wurzel bedroht ist. Wie man diese Gesellschaft über alles Problematische der Gegenwart hinaus — und zur klaren Erkenntnis der ewigen sittlichen Forderungen zurückführen könne, ist eine Frage der Erziehung, ist die Frage der Erziehung. Ob man von der Religion her die Sittlichkeit von neuem begründen und befestigen, oder ob man von der Sittlichkeit her die Religion in den Herzen wieder verankern soll — in jedem Fall muss es eine sittliche Religion und eine religiöse Sittlichkeit sein, sollen sie Bestand haben. Wir möchten meinen, dass man weder vom ersten der zehn Gebote vorwärts, noch vom zehnten rückwärts diese Erziehungsfrage zu lösen vermag, sondern von dem Herzstück des Zehnworts aus, das recht eigentlich in seinem Mittelpunkt steht und gewissermassen die Angel ist, um die Jemenitischer Thorasdireiber sich die beiden Tafeln drehen, oder auch die eiserne Klammer, die sie beide zusammenhält. Es ist das Gebot, das als erstes das Kind üben lernt, zugleich das einzige, auf dessen Befolgung der göttliche Gesetzgeber einen Lohn setzt, besser: die Verheissung der Dauer, nicht des einzelnen Menschenlebens, aber des Lebens der Gemeinschaft: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf dass du lange lebest auf dem Erdreich, das der Ewige dein Gott dir gibt." Diese Ehrfurcht, von der Goethe sagt, sie sei dasjenige, „das niemand auf die Welt mitbringt, .und doch ist es das, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten ein Mensch sei: Ehrfurcht!" sie muss zunächst für die Kinder wieder erobert werden. Und das wird schwerlich geschehen, ohne dass die Eltern ihre Kinder gebührend ehren und selber die Ehrerbietung ihrer Kinder verdienen. Von der Ehrfurcht vor Vater und Mutter, die dem Kinde zugleich Gott und die Menschen sichtbar vertreten, wird nach der einen Seite die Ehrfurcht vor Gott, vor seinem Namen, vor seinem Sabbat, und auf der anderen Seite die Ehrfurcht vor dem Menschen, seinem Leben, seiner Familie, seinem Eigentum, seiner Ehre wiedergewonnen werden. Und am Ende die Ehrfurcht vor der eigenen Persönlichkeit. So wird das Zehnwort wieder hergestellt in seinen beiden Tafeln und in seiner klaren Ordnung: vom Ich der göttlichen Persönlichkeit über das Du des Mitmenschen bis zum Ich der eigenen Persönlichkeit, das von sündigem Begehren befreit, vor das Angesicht des Ewigen treten darf, der als der befreiende Gott ihm seine Gebote offenbart hat. Ueber die Flora der Bibel. Von Dr. Walter Schwarz (Prag). Meinem Vater gewidmet Bei einer Unterhaltung kam die Rede auf das Verhältnis der Juden zur Natur. Einer erzählte eine Anekdote, die sich im Krieg zugetragen hat: Einem jüdischen Kriegsgefangenen, der nicht wusste, was er mit seiner freien Zeit anfangen sollte, wurde von einem Bekannten der Rat gegeben, im Stadtpark spazieren zu gehen, worauf der Jude erwiderte: „Was soll ich dort tun? Soll ich mich etwa vor die Bäume hinstellen und sagen „Scholaum alechem, Baum, scholaum alechem, Baum?" Einer der Anwesenden bemerkte, dass auch hier wieder die so oft im jüdischen Leben zu beobachtende Gegensätzlichkeit in die Erscheinung trete, denn es gebe doch kaum eine Religion, die wie die jüdische in ihren ältesten Schriften, z. B. in den Psalmen, eine so starke und elementare Naturverbundenheit aufweise oder die ihren Gläubigen noch heute gebiete, im Frühjahr beim ersten Anblick eines blühenden Baumes den Segensspruch zu sprechen: „Lob Dir, unser Gott, König der Welt, der in seiner Welt nichts mangeln lässt und in ihr schöne Geschöpfe und schöne Bäume erschaffen hat, um das Herz der Menschen an ihnen zu erfreuen." Dann wiederum heisst es in den Sprüchen der Väter: „Rabbi Jakob sagt: Wer beim Gehen auf dem Weg lernt und sich in seinem Lernen unterbricht, indem er spricht: „Wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieser Acker," dem rechnet es die Schrift an, als habe er sich an seiner Seele vergangen." Auch aus diesem Satz der Mischna spricht noch ein sehr starkes Naturgefühl, dem aber nicht das Recht zugestanden wird, das Studium der heiligen Lehre zu überwältigen. Die Konzentration auf die Lehre duldet keine Rivalen. Von tiefstem Naturgefühl führt also der Weg zu vollkommener Naturfremdheit. Gerade dort, wo Logik und Kritik am schärfsten ausgebildet sind, sehen wir, dass die Beobachtungsgabe in Verlust geraten ist. Der Weg zur wahren Naturliebe, zur Naturverbundenheit aber führt nur über die Beobachtung. Man muss beobachten können, damit das tiefe Wissen um die Natur in uns wach wird, damit wir sehen lernen, dass die Gesetze, die uns beherrschen, auch die Gesetze des gesamten Lebens sind. Hierauf beruht wahre Verbundenheit mit der Natur, mit dem uns umgebenden Leben, mit Erde, Pflanze, Tier. Und was Beobachtung heisst, hat wohl niemand besser als der Franzose ausgedrückt: le veritable observateur est celui qui voit sans regarder, qui entend sans ecouter. Dass die Naturfremdheit nicht etwa spezifisch für den Charakter des jüdischen Volkes ist, zeigt uns die Bibel, die das Leben unserer Väter aufs genaueste aufgezeichnet hat. Hier finden wir eine Fülle ausgezeichneter naturwissenschaftlicher Beobachtungen, die noch heute der biologischen Forschung in manchen Dingen als Grundlage dienen. Hier fühlen wir auf jeder Seite, welch grosse Bedeutung der Natur im täglichen Leben dieser Menschen zukam. Hier fühlen wir, dass der geheimnisvoll verbindende Strom von Baum und Tier zum Mensch noch fliesst. Schon die Reihenfolge der Erschaffung der Lebewesen in der Schöpfungsgeschichte drückt eine Wahrheit aus, die dem Stadtmenschen von heute kaum je zu Bewusstsein kommt. Bevor Tier und Mensch geschaffen wurden. Hess die Erde am dritten Tage der Schöpfung die Gewächse hervorspriessen. Denn wie könnten die Tiere ohne die Pflanzen leben, wie der Mensch? Viele Tiere fressen Fleisch, und auch der Mensch lebt ja grossenteils vom Fleisch. Denken wir aber weiter, so werden wir gewahr, dass letzten Endes Tier und Mensch von der Pflanze leben. Der Mensch isst das Fleisch der Kuh, des Lamms usw. Doch alle diese Tiere sind Pflanzenfresser. Eine Welt ohne Tiere wäre denkbar, eine Welt ohne Pflanzen nicht. Denn die Pflanze ist das einzige Lebewesen, das aus anorganischen Stoffen, aus in der Erde befindlichem Wasser und aus der Kohlensäure der Luft organische Stoffe, Eiweisse, herzustellen vermag, während die Tiere und der Mensch nur organische Nahrung verarbeiten können, die ihnen von anderen Lebewesen geliefert wird. Es ist bezeichnend, dass das erste Pflanzenprodukt, das in der Bibel erwähnt wird, ein Pflanzenharz ist. Von der Rolle, die diese Harze in jenen Zeiten gespielt haben, kann man sich heute kaum eine Vorstellung machen. Alle orientalischen Völker verwendeten sie als gottesdienstliche Räuchermittel. Sie besassen grossen Wert, wie wir aus 1. Mos., Kap. 2, Vers 12 ersehen können, wo von „Bedolach" die Rede ist. Dieses Bedolach ist nichts anderes als das Bdellium der Griechen und Römer.1) Es ist ein Gummiharz, das von einem in Ostafrika vorkommenden Baum (Balsamodendron africanum) ausgeschwitzt wird, erstarrt, von der

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