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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-05-01 · 9 (5.1930) · p. Seite 363

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
9 (5.1930)
Date
1930-05-01
Page
Seite 363 (sequence 7)
Language
German
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363 ^aren versehen, die sich alle redliche Mühe geben, Schiller zu widerlegen, beinahe möchte man sagen, Schiller selber, so viele Jahrzehnte nach seinem Tode, von der Grundlosigkeit seiner abfälligen Urteile über das jüdische Volk und der Irrigkeit seiner Lehren über die Offenbarung zu überzeugen. Diese ziemlich unbedeutende Abhandlung Schillers, die den Rationalismus seiner Zeit widerspiegelt, aber manchen psydio logischen Tief blick enthält, wurde von den beiden Üebersetzern furchtbar ernst genommen. Hätte irgend ein König, ein Minister oder ein Professor so etwas gesagt, man brauchte sich nicht viel daraus zu machen, aber aus dem Munde des vielgeliebten Schiller, „unseres Schiller" solches zu hören, das tat der Seele weh! Was die Juden des Osten so mächtig zu Schiller lünzog und ihn ihnen so lieb und teuer machte, war, abgesehen von der Zeitstimmung — die Sehnsucht nach Freiheit und Gleichheit — von der sie in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts beherrscht waren, und der Schiller einen so grandiosen Ausdruck verlieh, noch etwas ungleich Tieferes und Dauerhafteres. Es war Schillers warme und edite Religiosität, die, frei von allen beengendeu Schranken, die ganze Menschheit umspannte. Es war ferner die herbe Reinheit und Keuschheit seiner Gesinnung, bei aller Glut der Liebesempfindung, die den Lesern aus seinen -Gedichten und Dramen entgegenweht. Es war sein sonniger Optimismus, der der Zuversicht entquoll, dass der endliche Sieg in der Welt dem Göttlichen und Guten gehört. Es war schliesslich das Zwiefache und scheinbar Gegensätzliche in Schillers Wesen: er, der nationalste unter den grössten deutschen Dichtern, war zugleich universell. Er verstand und liebte die Menschen so vieler Zeiten und Völker, und Gott gab ihm zu sagen, was sie litten. Schiller machte den Juden keine Komplimente, er kannte sie nicht und schilderte sie nicht. Er bestach sie auch nicht etwa durch Anklänge an die Bibel, die man z. B. bei Goethe so häufig antrifft. Gleichwohl fühlten sie, dass in ihm ein Geist lebte, der in seinen tiefsten Tiefen den Geistern aus der Mitte ihres eigenen Volkes verwandt war, die sie von der Urzeit her verehrten. Darum liebten sie so innig und herzlich „das schönste Herz, das in Deutschland gelebt und gelitten". Viel später als Schiller wurde L e s s i n g ins Hebräische übertragen, „D i e Jude n", übersetzt von Z. E. Teller, erschienen in Wien 1881, „M iss Sarah Sampso n'\ von einem Anonymus übersetzt, Warschau 1887, „Der Freigeist" von Dan Kohen, Przemysl 1886, „P h i 1 o t a s" von Isaak Flakowicz, Odessa 1868, „Nathan der Weise" von Simon Bacher, Wien, 1866, und ungleich schöner von Abraham Ber Gottlober, 1874. Eine Studie über die Quellen des Nathan schrieb in hebräisdier Sprache der rühmlichst bekannte Orientalist Prof. Dr. David Heinrich Müller in Wien, 1873. Goethe ist in der hebräischen Literatur bis auf die neueste Zeit viel weniger zu Worte gekommen. Ausser der oben erwähnten Faust-Uebersetzung von Letteris, die viel bewundert und viel getadelt wurde, besitzen wir noch eine wunderschöne Uebersetzung von Hermann und Dorothea, von Mordechaj Rothenberg, Warschau, 1857, Mignon wurde von A. Ehrenthal 1S46 nachgebildet, den Sänger übersetzte Jakob N. Low 1865. Schäfers Klagelied wurde von Chajim Ginzberg 1823 übersetzt. Line sehr schöne Uebersetzung des Prometheus lieferte J. L. Landau, Krakau 1895; der Erlkönig wurde meisterhaft von Lebensohn dem Jüngeren, Wilna, noch in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts übersetzt. (Von der Lebersetzertätigkeit des letzten Vierteljahrhunderts muss hier abgesehen werden, da sie ganz anderen literarischen Motiven entspringt.) Alles in allem sehr wenig. Kein Wunder, „Goethereif" waren ja von jeher nur die wenigsten. Zu diesen wenigsten gehörte der Oberrabbiner von Zoikiew in Galizien, Hirsch C h a j e s, eine der ersten talmudischen Koryphäen des 19. Jahrhunderts, von dein man erzählt, dass er an einem Sabbathmorgen im Jahre 1832 tiefbetrübt in die Synagoge kam und mit dem Anfang des Gottesdienstes ungebührlich zögerte, da man ja nur in fröhlicher und yehobeuer Stimmung beten darf. Als man ihn befragte, was die Ursache seines Kummers wäre, antwortete er seufzend, er habe soeben einen Brief erhalten, der ihm berichte, Goethe sei gestorben. „Ach, Rabbi Goethe ist gestorben!" ging es alsbald von Mund zu Mund in der Versammlung. „Rabbi Goethe ist gestorben!" Und man sprach die beim Vernehmen einer Trauerkunde vorgeschriebene Benediktion. Wenn ihr Oberhaupt um Goethe trauerte, musste es mindestens „Rabbi" Goethe sein. Doch war er, wie gesagt, in Wirklichkeit nur der Rabbi der Allerwenigsten. Schillers dagegen wird noch heute im jüdischen Volk Osteuropas mit dankbarer Verehrung gedacht. ' Kakao Schokolade I Pralinen. Neue Mantel- und Kostümstoffe In modernen Stoffarien wie: Tweed Noppe, Kammgarn fac. Reversible und Woll-Georgette, 130-150 cm breit Meter 12.20 9.40 7.25 CPCPC Cf)iff01l hochaparte buntfarbige bedruckte Dessins, für das moderne Kleid, in den schönsten kunstseidenen Qualitäten, 100 cm breit Meter 6.40 4* 4* Verkauf nur in der I. Etage. Kein Laden Frankfurt a. M. Das grofje Spezialhaus der modernen Seiden« und Kleiderstoffe Steinweg 8, 1. Etage fr Camorei, Casino KAISERSTRASSE 36 Tel. Senckenberg 32885 2 Kapellen Tanzbar KEIN WEINZWANO UHREN, GOLD- und SILBERWAREN TRAURINGE — BESTECKE besonders preiswert bei Hans Pletzsch vorm. H. Rumphorst Fahrgasse, Ecke Töngesg. 1 — 3

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