Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 9 (5.1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 361 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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361 dieser Gesetze und Schranken etwas tun und erreichen kann. In dieser Lage befinden sich die verwurzelten revolutionären Politiker. Der Jude aber, der auf der Linken steht, hat keine Gebundenheit an das Gegebene. Sein Tempo wird nicht bestimmt von den Notwendigkeiten der Gegebenheiten, sondern allein von der Intensität seiner Hoffnungen und seines Leidens. Durchgehend lässt sich, an sämtlichen „Linksbewegungen" der letzten 100 Jahre zeigen, dass einerseits bestimmte Schichten für ihre Interessen kämpften, und dass die Juden, die mit diesen Schichten gingen, ihre Juclenfrage in die Bewegung der anderen hineintrugen, ihre Unerlöstheiten und ihre Hoffnungen. Dann aber geschah, was geschehen musste: sie, die immer an führender Stelle standen, verloren die Fühlung mit denen, die sie führten. Ihr Rhythmus war nicht der Rhythmus der Masse. Das Ende haben wir erst jüngst im Schicksal Trotzkis gesehen. In der Tat, was hat der Muschik mit der Judenfrage zu tun? Auf der ganzen Linie linden wir diese Ungebundenheit. Die Dinge sind ja, so meint man, nichts Gegebenes. Man glaubt mit ihnen machen zu können, was man will. Diese absolute Souveränität der Phantasie aber ist gefährlich. Wo der Widerstand des Gegebenen aufhört, beginnen die Energien ins Leere zu verpuffen, werden die Programme bedeutungslos; denn sie sind nicht mehr zugeschnitten auf die Wirklichkeit. Dann muss jener Zustand eintreten, wo man die höchsten Ideale zu realisieren vorhat und immer höher steigt mit seinen Wünschen, ohne auch nur das Geringste zu tun. Was kümmert sich die Wirklichkeit um die besten Wünsche, die in der Luft hängen? Das war unser Schicksal vor 150 Jahren: dass wir nur emanzipiert w urde n, emanzipiert aus etwas, und nicht in etwas hinein. Dieses Schicksal des Zugelassenwerdens hat in den folgenden Jahrzehnten unser Leben wie unser Denken auf der ganzen Linie beherrscht. Schiller im hebräischen Gewände. Zum 125. Todestag am 9. Mai. Von Binjamin Segel. Das hätte er sich wohl kaum je träumen lassen, dass seine Lieder in der uralten Sprache des Judenvolkes erschallen würden. Wenn König David käme und die Sänger der Psalmen, wenn die Propheten Israels kämen, sie brauchten nicht erst Deutsch zu lernen, um den Dichter des Liedes an die Freude zu verstehen, denn das Herrlichste von dem, was er geschaffen, es würde ihnen in hebräischen Klängen entgegentönen. Wer einmal die Geschichte der modernen hebräischen Literatur, etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, schreiben wird, die in Deutschland ihren Anfang nimmt und sich in Polen fortsetzt, der wird den Uebersetzungen, besonders denen aus dem Deutschen, ein besonderes Kapitel widmen müssen, — freilich weniger aus literarhistorischen, als aus volkspsychologischen Gründen. Die Uebersetzungen entsprangen nämlich nicht dem Bedürfnis, die Leser mit diesen Werken bekannt zu machen, denn das literarisch interessierte jüdische Publikum in ganz Osteuropa verstand fast durchwegs Deutsch, las eifrig deutsche Bücher und brauchte nicht erst die guten Dienste der Lebersetzer abzuwarten, um sich die hervorragendsten Schöpfungen der deutschen Dichter anzueignen. Die Uebersetzer hätten sich also die Mühe sparen können. Wenn sie dennoch soviel Geist, Formkunst und Fleiss auf diese immerhin wenig dankbare Arbeit verwandten, so geschah dies lediglich aus dem seelischen Drange heraus, das was man vom Werk eines deutschen Dichters besonders liebte und bewunderte, in den Lauten der eigenen geliebten Sprache nochmals erklingen zu hören. Es war etwas ganz anderes, wenn man ein Gedicht in deutscher, und wenn man es in hebräischer Sprache hörte. Im ersten Falle mochte man es noch so herrlich, wundervoll, ideal, unerreicht, ja „heilig" finden — es war doch immer etwas Fremdes. Richtiges geistiges Eigentum, ein Stück des eigenen Ich wurde es erst, wenn man es in hebräischer Sprache besass. Uebersetzte man also ein Gedicht ins Hebräische, so nahm man davon recht eigentlich Besitz, man bemächtigte sich seiner, es wurde dadurch sozusagen geweiht, es wurde „unser". Die Uebersetzer waren hier also keineswegs Vermittler fremder Gedanken, sie entsprachen vielmehr einem Bedürfnis nach geistigem Luxus, freilich einem Luxus von jener Art, auf die Voltaires Worte „Le superflu — chose la plus necessaire" vorzüglich passt. Wenige Wochen vor Schillers Tod verstarb in Hamburg der um 39 Jahre ältere Naphtali Hirz Wessely, der Erneuerer derhebräischen Poesie. Es darf als sicher angenommen werden, dass Schiller von diesem seinem Zeitgenossen, obgleich er ein intimer Freund und Mitarbeiter Mendelssohns war, nie etwas gehört hat, wie ihm, wohl überhaupt die geistigen Strömungen und Kämpfe unter den Juden gänzlich unbekannt blieben. Mit geistig bedeutenden Juden ist er nur wenig und oberflächlich in Berührung gekommen, und diese wenigen haben wohl kaum je das Bedürfnis verspürt, ihm von ihrem Judentum zu sprechen. In seiner Jünglingszeit kannte er einen jüdischen Geldmann» mit dem er anscheinend keine allzu schlechten Erfolge machte, nachher trat er in geschäftlichen Verkehr mit einem jüdischen Verlagsbuchhändler, über dessen Mangel an Geschäftskenntnis und Gewandtheit er sich in seinen Briefen mehr teilnahmsvoll bedauernd als entrüstet ausspricht. In Weimar kannte er einen jüdischen Hausierer und einen Bankier. Auch an einen jüdischen Medailleur in Berlin hat er einmal einen Brief gerichtet. Es war also der Jude in der landläufigen Gestalt, der ihm entgegengetreten war, und von dem er nach keiner Richtung irgend einen tieferen Eindruck empfangen konnte. Aus den abfälligen Urteilen über die Juden als Volk, die wir in seiner „Sendung Moses" lesen, spricht nicht etwa seine persönliche Ueberzeugung, sondern die durchschnittliche Meinung jener Zeit über die Juden, wie sie sich damals jedem äusserlichen und oberflächlichen * jiöjjsn w (£>«8 Stet) oon ber ©lotfe.) fJtSl " 1TK KT .rwin ewtJosn (•fc'O T3 'bD») 7*79* 'V*?D? ptn ■ -löhtt nppp ainn paa!Hf"pa? ity payan tfm naie wa prr ney ian$ . er sa jrr a^y; na -ffßx njn bin; ntoty [ök™ $?n? n&Bja? .sntfofl Sya nnan aSw 1 *T" TT:- T . ayan - may naaSa Sit " T T T r'X; d« antra rteh» miu T *T : - T V ■-■ 1 TT •aya a^aa dtdj ansn tij* nx ♦ffas btrn nnayn Spri tk 'nanai Safrna so na^a: p*? T i : - : r T - » T -;'waann?yna/^im,7 nan na •na^it na <nyna -lya; fa*6 . tirVrya yaty ny. pa; sfr •nanan ja "irto -Tart-^nj - rüiarn rwi: h r\y&rb näÄ •naa-ja ityv .iaSa yr |ya^ .r&m n ™ 'Sna* letorlsrrwi t v: TT: r : v -i t Beobachter darstellen mussten. Die Behauptung einiger Schillerphilologen, Spiegelberg und Schufterle aus den Räubern seien als Juden gedacht, ist zu albern, als dass man näher auf sie einzugehen brauchte. Was damals schon unter der hässlichen und verkümmerten Oberfläche gärte und der Teilnahme der Edelsten wohl wert war, hätte nur der wissen können, der sich, wie Lessing etwa, mit den Juden tiefer beschäftigt hatte. Dazu wurde aber Schiller nicht veranlasst. Mendelssohn rechnet er einmal, obwohl er gegen ihn nicht ohne Ironie polemisiert, zu den „grossen Denkern", aber auch eine Schrift von S a 1 o m o n M a i m o n erwähnt er lobend. Doch war es wohl in beiden Fällen nicht ein Hauch spezifisch-jüdischen Geistes, den er verspürte. Von dem Sehnen und Sinnen der Juden wusste er so gut wie nichts. Wie hätte er also ahnen können, dass ihm weit ausserhalb der Grenzen Deutschlands unter den polnischen und litauischen Juden eine zahlreiche Gemeinde glühender Verehrer erstehen und ihm mit unverbrüchlicher Treue anhängen würde, auch später noch, als in seinem Vaterlande ein Nietzsche ihn höhnend den ..Moraltrompeter von Säckingen" nannte. Schon im Jahre 1836 schrieb der nachher so berühmt gewordene Leipziger Professor Franz Delitzsch in seinem noch heute lesenswerten Buche: „Geschichte der jüdischen Poesie vom Abschluss der heiligen Schriften bis auf die neueste Zeit" folgende merkwürdigen Worte: „Schiller wurde ihr (der heiligen Sprache nämlich) Ideal, Schiller, der noch heute der Lieblingsschriftsteller der jüdischen Laden-