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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-05-01 · 9 (5.1930) · p. Seite 360

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
9 (5.1930)
Date
1930-05-01
Page
Seite 360 (sequence 4)
Language
German
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punkt der Wissenschaftsbegründung gesehen. Man denke an die sozusagen fast brutale Art, mit der Decartes, der am Anfang der neuen Zeit steht, und demgernäss erfüllt ist von ihrer metaphysischen Problematik und nur aus dieser Art heraus verstanden werden kann, von Ernst Cassirer in seinem „Erkenntnisproblem" behandelt wurde. Es fällt nicht nur jene nieiaphysisdi-theologfsdie Problematik unter den Tisch, sondern wesentliche Bestandteile der Decartes'schen Lehre werden vernachlässigt. Alles, was nicht in die Linie passt, die von den Cohenianern als die Linie der Geschichte der Philosophie konstruiert wurde, wird als Rückfall gedeutet oder als Verirrung und gilt deingemäss als irrelevant. Und von Cohen endlich ist jene Platon-Auffassung inauguriert worden, der schon Piaton als Vertreter eines transzendental-logischen Idealismus galt. Die souveräne Vergewaltigung alles Geschichtlichen hat ihren Grund in einer Gesdiichtsauffassung ganz bestimmter Art. Für diese Auffassung gibt es im Grunde überhaupt keine Geschichte, sondern nur Entwicklung, und das ist etwas total anderes. Sie sieht hin auf den Prozess, in dem sie selber steht und diesen Prozess verabsolutiert sie. Es kommt gar nicht darauf an, die Unter- und Hintergründe in Griff zu bekommen, sondern man geht restlos auf in der Gegenwart. Das, was jetzt geschieht, wovon man getragen und in das man hineingezogen ist, macht man zum Sinn des historischen Geschehens überhaupt: in der doppelten Weise, dass einmal diese Gegenwart Höhepunkt allen Geschehens ist und gleichzeitig überall dort in der Geschichte, wo dieser Prozess nicht mit Deutlichkeit hervortritt, man ihn verhüllt, von anderem überschüttet, nicht in voller Reinheit, aber doch vorhanden wiederlinden zu können glaubt. In dem Moment wo das europäische Bewusstsein geöffnet wurde für die moderne Wissenschaft, ist die Menschheit zu sich selbst gekommen, begann sie das zu werden, was sie im Grunde schon immer war. Zurückblickend auf frühere Epochen, die nicht beherrscht waren von diesem Prozess, sieht man hier und da in auserwählten Geistern ihn aufleuchten, blitzt in diesen Gestalten der menschliche Geist in seinem eigentlichen Sein auf. Die menschliche Geschichte hat ein Ziel; dunkel und trübe kam es früher für Momente nur zum Durchbruch, nun aber steuert sie mit aller Kraft in diese ihr von Ewigkeit her vorbestimmte Bahn. Nur dieses Eine gibt es und nichts weiter. Nicht jene gewesenen Geisteshaltungen, die in Wahrheit so wenig gewesen, d. h. erledigt sind, wie überhaupt kein historisches Sein endgültig verschwindet, sondern immer wirksam ist, nicht, weil es einmal war, vielmehr, weil es fortbesteht. Von der mittelalterlich-aristotelischen Philosophie z. B., die in ihrem Gepräge total anders war als die der Neuzeit und die so wenig mit dem Anbruch der Neuzeit in Nichts versank, dass sie fortbestand und fortbesteht und sich an den entscheidenden Stellen der weiteren europäischen Entwicklung geltend macht (auch schon in der Zeit, in der Hermann Cohen seine Grundideen konzipierte), ist keine Interpretation möglich, die sie als Vorläufer des transzendental-logischen Idealismus ansehen lässt Die Umbildung, die gegenüber Piaton allenfalls noch gelang, war Aristoteles gegenüber nicht möglich, und daher galt all das, was auf ihn sich baute, als „blosse Scholastik". Abgesehen davon, dass man nichts sieht, ausser dem Fluss, in dem man selber steht, weiss man auch nichts von den metaphysisch-theologischen Hintergründen dieses Flusses. Man nimmt ihn hin und lässt sich von ihm tragen, fast naiv. Man fragt nicht nach dem, was seinen Untergrund ausmacht, und was sein Bett gestaltet. Restlos geht man auf in einer Gegenwart, die ihrerseits in einer Zukunft terminiert, nicht in einer konkreten Zukunft, in einem konkreten zukünftigen Moment, sondern in der Zukunft als zeitlicher Bestimmung, in der Zukunft als solcher. Dieses Leben in der Gegenwart ist kein Stehen in ihr und kein Gebundensein; Bindungen gibt es überhaupt nur, wo historisches Dasein vorliegt und anerkannt ist, wo man in einem historisch geformten Kreise steht. Diese Geschichtsauffassung steht überhaupt nicht, sondern sie blickt entgegen, dem entgegen, was kommen wird, dem Neuen, das nicht belastet sein wird von historischen Trübungen und Schlacken, das rein sein wird, während alles historisch Gegebene nicht rein ist, sondern beschwert und belastet, durchsetzt von dem, was dem eigentlichen Sein des Menschen fremd ist. Es ist eine gewisse Bodenlosigkeit in dem, was wir bisher an den Cohenschen Lehren betrachteten. Diese Bodenlosigkeit tritt noch stärker zutage, wenn wir uns einem sachlich-systematischen Motiv zuwenden. Die kardinalste Frage der Philosophie zur Zeit von Hermann Cohen war die nach dem unmittelbar Gegebenen. Was ist das absolut Letzte, das uns gegeben ist, das letzte Urmaterial, der absolut erste Anfang, mit dem wir zu beginnen haben, das. sicher gegebene Fundament, auf das sich alles stützt? Auf diese Frage, der gegenüber die Cohen zeitgenössische Philosophie auf Bewusstseinstatsachen, wie Empfindungen usw. hinwies, antwortete er mit der Ablehnung der Frage. Es gibt nichts unmittelbar Gegebenes, es gibt kein absolutes Urmaterial. Gegebenes gibt es überhaupt nicht, es gibt nur Aufgegebenes. Realität, die man durchaus nicht von vorneherein im Sinne der dinglichen Realität nehmen muss, Realität etwa in dem Sinne, in dem von Husserl das reine Bewusstsein als Feld absoluten Seins gemeint ist. Realität im Sinne des Gegebenen und Vorhandenen gibt es für Cohen überhaupt nicht, sie ist eine unendliche Aufgabe, die niemals vollgelöst sein wird, sondern deren Lösung man in einem unendlichen Prozess sich immer nur nähern kann, ohne sie je voll zu erreichen. Eine ihrem Wesen nach unendliche Aufgabe. Für Cohen ist nichts, sondern alles wird. Daher der in seiner Schule gebräuchliche Ausdruck „Fieri" (d. h. Werden in einem unendlichen Prozess). Gegeben ist das Nichts. „Aui dem Umwege des Nichts stellt das Urteil den Ursprung des Etwas dar." Wirklichkeit ist ein Erzeugnis der Vernunft. Erst wenn diese sich vollendet hat, wird eine Wirklichkeit gegeben sein. In einer anderen Sprache könnte man sagen: erst am Ende der Tage wird ein Sein vorliegen, wird eine Wirklichkeit gegeben sein. Wie bereits ausgeführt, kommt es in diesem Zusammenhang nicht darauf an, die skizzierten Lehren sachlich zu diskutieren. Wir behaupten nur und stellen nur unter Beweis, dass diese Lehren vorzüglich geeignet waren, die Fundierung abzugeben für diejenigen Gedankengänge, mit denen die emanzipierten Juden sich in ihrem Sein zurechtzufinden suchten, d. h. für ihre Ideologie. Der Prozess der Judenemanzipation vollzog sich so, dass eine ökonomisch aufsteigende Schicht von formalen und gesetzlichen -Beschränkungen befreit wurde. Es war eine „Emanzipation aus . . ." und nichts weiter. Diese Menschen,- die im voremanzipatorischen Zustand gewissermassen in den Seitenwinkeln eines Raumes lebten, an dessen Ausgestaltung sie nicht beteiligt waren, bekommen plötzlich-Zugang zu dem vollen-Raum und werden von dem Zwang, nur in den Winkeln zu hausen, befreit. Es geschah etwas mit ihnen, gesetzliche Scheidewände fallen, und nun treten sie in einen Raum, der aber nicht ihr Lebensraum ist, da sie bei der Ausbildung dieses Raumes in keiner Weise als Subjekte beteiligt waren. Sie werden durch einen formal-gesetzlichen Akt in eine neue ihnen bisher fremde Welt gestellt. - Es ging ihnen relativ gut in dies.er neu eröffneten Welt, besser jedenfalls als im Ghetto. Waren sie auch nicht völlig gleichberechtigt und sind sie es, streng genommen, auch heute nicht, so war immerhin die neue Existenz bei weitem der alten vorzuziehen. Daher das Bestreben in dieser Welt zu Hause zu sein, es dazu zu bringen, dass man in absehbarer Zeit völlig in ihr zu Hause ist. Hier wäre der Ansatzpunkt für die Erklärung all der Phänomene des jüdisdien Lebens, die man mit dem Ausdruck „Assimilation" zu benennen pflegt. Aber-nicht davon soll die Rede sein, nicht von der „inneren Knechtschaft bei äusserer Freiheit", vielmehr wollen wir die andere Seite des Prozesses beleuchten: wir wollen die Frage stellen, welches Bild sich die Juden von der Welt machten, zu der sie zugelassen wurden. Die vorhandene Welt konnte von den konkreten Menschen in ihrer gegebenen Lage überhaupt nicht als Wirklichkeit genommen werden (natürlich ist hier die Rede nur von der Stellungnahme der Besten, derer, bei denen es um geistige Dinge ging, nicht von dem oppurtunistischen Tagesgerede). Die Welt, wie sie ist, ist noch gar keine Welt. Die Wirklichkeit muss werden, sie liegt in der Zukunft. Die oft bemerkte Erscheinung, dass während des ganzen 19rund 20. Jahrhunderts die Juden meist auf der Linken zu finden sind, und dass in diese Stellungnahme immer wieder chiliastische Motive hineingehen, entspricht der Lage von Menschen, die keine Wirklichkeit haben. Skepsis und Misstrauen gegen alles Historische, die verwegensten Hoffnungen auf die Zukunft haben nicht etwa die, die nichts zu verlieren und alles zu gewinnen haben, sondern diejenigen, die in eine fremde Welt hineingetreten sind, an nichts gebunden, was dieser Welt immanent ist, von keiner Vergangenheit dieser Welt beschwert, und die auf das tausendjährige Reich hoffen, in dem die Vergangenheit ausgelöscht sein wird, und mit dessen Kommen der erste Tag beginnt. Das ist jene „D e c k u n g", die oben bewiesen werden sollte: auf verschiedenen Ebenen spielt sich das Gleiche ab. Wie für Hermann Cohen die Wirklichkeit eine endlose Aufgabe ist, es kein Sein gibt und nur ein Werden, wie er die verschiedensten Erscheinungen der Philosophie-Geschichte von ihren natürlichen Wurzeln abzureissen versuchte, so gibt es in der Domäne des Politischen keine gegebene Welt, in der man steht, und es gibt keine natürliche . Verwurzelung in dieser Welt. Die Wirklichkeit verliert ihre Erdenschwere, der Kampf mit ihr ist nicht wie das Ringen . des Bauern mit seinem Boden, wobei der Bauer weiss, dass . sein Feld, bestimmte Gesetzlichkeit hat und seinem Wollen Schranken setzt. Dieser Bauer weiss, dass er nur innerhalb

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