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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-05-01 · 9 (5.1930) · p. Seite 358

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
9 (5.1930)
Date
1930-05-01
Page
Seite 358 (sequence 2)
Language
German
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aus den Quellen des Judentums". Mit diesem Werk sind schon dem Titel nach drei für Cohen hohe Begriffe genannt. Denn während seines ganzen Lebens bleibt ihm die biographische Mitgift, Jude zu sein, mehr als bloss dieses, bedeutet ihm vielmehr eine Aufgabe, verleiht der zunächst bloss zufälligen Existenz des einzelnen Menschen in ihm eine missionare Weihe. Und die Allgemeinverbindlichkeit, das moralische Verpflichtetsein der Menschen, mit dem ja der blosse Positivismus überwunden werden soll, die Aufgabe der Ethik, die er kühn einmal als die „Wissenschaft vom Menschen" definiert hat, findet zum mindesten ihr Problem in dem Anspruch auf Verbindlichkeit, mit dem alle Religion auftritt. Beide Begriffe aber werden überwölbt von dem der Wahrheit, die nicht anders sich kundtun kann als in dem Erkenntnisprozess der Menschheit, der sich Vernunft nennt. Mit der Vernunft also beginnt die jüdische Religionsphilosophie. Die Inhalte der Religion sind begrifflich gefasst, die Instrumente, mit denen sie operiert, von der Vernunft erzeugt. Damit wird die Religion zu einem Problem der Philosophie und die Religionsgeschichte ein Prüfstein mehr dafür, wie weit die Vernünftigkeit der Menschen sich in der Geschichte bislang verwirklicht hat. Dieser Prüfstein ist allen Religionen gemeinsam, darum haben sie auch alle Anteil an der Religion der Vernunft. Die Vernunft ist kein nationales Geistesmonopol. Damit knüpft die Cohensche Religionsphilosophie an die des Maimonides an, für den die Gesetze der Vernunft von allen Völkern der Erde gemeinsam gefunden werden. Die Vernunft als erster Begriff der Religionsphilosophie soll unlauteren Quellen der Religion die Tür versperren. Der blosse Instinkt bleibt dem Tier überlassen. Lust und Unlust sind Zufälligkeiten des einzelnen, aber auch die geschichtliche Natürlichkeit ist keine Quelle für eine Religion, die Bestand hat. Verbindliche Gesetzlichkeit vermag sie nur durch die Vernunft zu erfahren. „Die Vernunft erschöpft sich nicht in Wissenschaft und Philosophie". Als zweiter Grundbegriff tritt eben die Religion selber auf. Sie muss es sich gefallen lassen, dass sie zunächst gereinigt wird von allen möglichen historisch aufgetretenen Gebrechen. Sie ist nicht ein Mythos, für den der Mensch, als Erbe seiner Ahnen oder eines übermächtigen Schicksals in schuldlose Schuld verstrickt, ewiger Unerlöstheit tragisch anheimfällt. Sie ist nicht Pantheismus, der in seiner unterschiedslosen Verklärung alles Bestehende rechtfertigt und damit die Pflicht zu ändern tilgt. Sie ist nicht Polytheismus, der in der bunten Vielheit seiner Gestalten und Zeichen niemals eine Entscheidung zulässt und die gesetzlose Willkür krönt. Aber sie ist auch nicht Ethik. In ihr wird der Mensch nur abstrakt als ein Teil der Menschheit gereditfertigt; sie ist lediglich eine Methode, die das Wertvolle des Menschen und am Menschen zu bestimmen ermöglicht, aber von ihm selber in seiner bestimmten Wirklichkeit, vom Ich und Du handelt sie nicht. Von ihm vielmehr handelt die Religion. Die Religion entdeckt den wirklichen Menschen an einem Kennzeichen, das alle verknüpft, an der Sünde. Die Religion wird begründet in der Selbsterkenntnis des Menschen von seiner Sünde. Diese religions- Philosophische Erkenntnis glaubt Cohen sowohl bei dem ropheten Hesekiel wie bei Sokrates vorgeformt. Die Religion also entdeckt die Spannung zwischen Sünde und Tugend. Zwischen beiden ist der Weg weit; auf ihm wird der Begriff Gottes als Führer entdeckt. „Daher soll die Liebe zu Gott alle Erkenntnis übertreffen, sie soll mit seinem Begriffe alle Dinge und alle Probleme der Welt verknüpfen". Damit werden der Religion ihre wesentlichen Themen gestellt: Gott, Gott und Mensch, Sünde und Leid, Volk, Menschheit,Erlösung. Jetzt erst ist der Weg offen, um den dritten Begriff des Titels zu erörtern, das Judentum. Mit Hinblick auf die skizzierte philosophische Grundlegung wird das Bild einer möglichen Religion der Vernunft aus jüdischen Quellen gegeben. Diese Quelle ist die Literatur, deren klassisches Thema im Grunde immer die Idee des einzigen Gottes ist. „Die religiöse Literatur ist die bedeutsamste Quelle des jüdischen Volksgeistes." Die Probe darauf macht Cohen, indem die genannten entscheidenden Begriffe der Religion in dieser Literatur, d. h. aber für Cohen in der Bibel, dem Talmud und bei Maimonides verifiziert werden. Der Begriff Gottes steht an erster Stelle. „Meinetwegen mag Gott sein, was er will, aber Einer muss er sein." In dieser Einzigkeit ist die höhere Realität Gottes, das Sein schlechthin beschlossen. ,£)er Monotheismus ist ein psychologisches Mysterium. Wer das nicht anerkennt, versteht ihn nicht in seiner Tiefe." Und doch findet dieses Geheimnis seine Lösung, nicht freilich so, dass Cohen eine positive Theologie aufbaute, sondern vielmehr in der unmittelbaren Beziehung auf den Menschen, denn in der Einzigkeit Gottes liegt im Verhältnis zum Geschlecht der Menschen in ihrer Vielheit und Vielartigkeit eine Grundspannung. Sein Wesen erschliesst sich nur als Handelnder. Gott ist das Urbild der Handlung für den Menschen. Wird Gott so völlig der Sphäre des einzelnen Bestimmbaren entzogen, wird so an Stelle einer übergeordneten überweltlichen Ordnung ein übergeordnetes Leben, Handeln gesetzt, so ist religionsphilosophisch mit Notwendigkeit damit die Möglichkeit des Abbildes Gottes ausgeschlossen. Aber es findet sich noch ein anderer Grund dafür. Abgebildet werden kann ja immer nur ein Jeweiliges. Der Polytheist bleibt beim einzelnen, seine Götter sind Gestalten. „Es ist die Probe des wahren Gottes, dass es kein Bild von ihm geben kann." Das Sein Gottes ist nur in seiner Bezogenheit auf den Menschen verständlich. Das Verhältnis von Gott und Mensch wird zum zwingenden Problem der Religionsphilosophie. Es ist in der Cohenschen Sprache das Problem des Verhältnisses von „Sein" und „Dasein". Der Mensch ist für Gott notwendig als Gefäss seines Wesens. Es wäre freilich ein grosses Missverständnis, diese Korrelation mystisch zu verstehen. Mag die Einzigkeit Gottes ein Mysterium sein: es gibt nichts intellektuell Klareres als die Beziehung von Gott und Einzelmensch. Ihr Inhalt ist die Sittlichkeit. So wird die Beziehung von Gott und Mensch notwendig erweitert durch die der Beziehung der Menschen untereinander. Deren Beziehung wird erst und nur im ethischen Sinne gestiftet durch die Korrelation zwischen dem lebenden Menschen und Gott. Je klarer und tiefer der Mensch in den Sinn dieser Korrelation eindringt, d. h. also je sittlicher die Menschen handeln, umsomehr verwirklicht sich die Vernunft. Die Vollendung der Vernunft wäre die Erlösung. „Die Korrelation von Mensch und Gott findet ihre höchste Bewährung darin, dass Mensch und Gott zusammenwirken, um das Werk der Erlösung zu vollbringen." Die Eigentümlichkeit der Cohenschen Philosophie, ja ihr ganzes Pathos wird nur verständlich durch die grundsätzliche Vertauschbarkeit des Ideals der theoretischen Wahrheit und der wahren Lebensordnung. Es gibt keine Beziehung der Menschen untereinander, die in dieser idealistischen Philosophie gebilligt wird, wenn ihre Grundpfeiler nicht auf der Erkenntnis des Rechten ruhen. Es gibt keinen theoretischen Satz, der als Wahrheit standhielte, wenn er nicht durch seine Anwendbarkeit in der Moralität der Menschen bestätigt werden kann. „Ich kann Gott nicht lieben, ohne mein ganzes Herz, wie es für die Mitmenschen lebt, ohne meine ganze Seele, wie sie in allen Richtungen des Geistes der Mitwelt zugekehrt ist, ohne meine ganze Kraft für diesen Gott in seiner Korrelation zum Menschen einzusetzen." Mit diesem Zitat ist zugleich ein Hinweis darauf gegeben, wie eine jüdische Quelle, eben das Stück aus dem „Schma", von Cohen in seine philosophische Grundüberzeugung hineingedacht und — formuliert wird. Inhaltlich ist an ihm entscheidend, dass alles, was sich zwischen Gott und den Menschen abspielt, wesentlich auf diese unsere Erde bezogen wird. Religion und Ethik stehen nicht in dem Verhältnis von Jenseits und Diesseits, sondern von Erfülltheit und methodischem Hinweis. „Die Korrelation von Mensch und Gott begründet das Reich der Sittlichkeit,.das Gottesreich auf Erden." Aber freilich der Weg zu diesem Ziel ist weit, und die Religion, die den Menschen in seiner Sündhaftigkeit entdeckt, kann ihn noch nicht ohne weiteres als vollwertiges Glied für die Korrelation anerkennen. Die Sünde ist das menschliche Grundproblem der Religion. Es bezieht sich unmittelbar auf das Grundproblem aller menschlichen Existenz: das Leid. Sünde und Leid sind wechselseitig aufeinander bezogen. Die Rechtfertigung für die Existenz des Bösen, die Theodicee ist nicht die Rechtfertigung Gottes, sondern die Rechtfertigung des Menschen vor Gott für das Leid. „Es gibt kein Schicksal für den Monotheismus." Der Mensch ist schuldig. Aber das Leid des Menschen weist für Cohen nicht auf seine eigene Schuld, sondern auf meine eigene Schuld. Der Arme erweckt in mir das Bewüsstsein meiner Sündhaftigkeit und Schuld. Schon im Talmud findet Cohen diese theologische Auflösung des Schuld- und Sündeproblems. Wenn man nicht inmitten einer Religionsphilosophie wäre, so möchte man von einer Verweltlichung der » religiösen Fragen sprechen. Denn Schuld und Sünde sind in keiner Weise auf irgend ein Dogma bezogen, auf irgend einen positiven theologischen Inhalt, sondern lediglich und ausdrücklich auf die menschliche Gesellschaft. Die Beziehungen der Menschen in ihren Widersprüchen, ihre Sorgen und Leiden sind das Thema der Cohenschen Religionsphilosophie. Es ist in der Tat auch bereits das Thema des Marburger Relisfionsgesprächs mit Friedrich Albert Lange gewesen: „ethischer Sozialismus" darf mit Recht die Religion der Vernunft wohl genannt werden. Die Schuld ist nicht mythisch verhärtet, sie ist aufgebbar. Sie ist der Durchs-ang zu einem höheren Aufstieg des einzelnen Menschen, auf den?

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