Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 8 (4.1930)
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 315 (sequence 15)
- Language
- German
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sorgt für geregelte Verdauung! angenehm fortsetzte. Schmierte man Butter auf das Gebäck und obendrein noch Honig, so war es ein vollkommenes Fest. Dann knüpften sich Fragen daran, Betrachtungen, Gespräche mit den Eltern, dem Inspektor, den Leuten. So vieles wollte man wissen, Sinn und Bedeutung ihrer Art, wie warum und wozu sie gefertigt wurden. Ein jeder wusste etwas zu erzählen. Die Wirtin kannte verschiedene Mazzenrezepte, so Makronen, von Mazzen gebacken, desgleichen Klösse und ein in Danzig übliches Gebäck: Riemsei, Rimsel oder Chrimsel, aus Mazzenteig, mit Rosinen durchsetzt und in Form einer Roulade zusammengerollt. In Graudenz war eine andere Art der Zubereitung gebräuchlich. Die Mazzen wurden gestossen, ein Teig daraus gemacht, „mit allem Guten versehen," nämlich Schmalz (es musste aber Gänseschmalz sein:), Eiern, Zucker, Rosinen und Mandeln, je nach Wunsch und Börse, und dann gebacken. Die Kundigen und Kenner mögen mir verzeihen und beachten, dass ich mir keinesfalls anmassen möchte, hier etwas Neues, Selbsterforschtes zu bringen. Ich will nur aus lebendiger Erinnerung heraus erzählen, allerdings in der Erwägung, dass sich doch vielleicht darunter etwas nur für unser Gebiet (Westpreussen) Charakteristisches befindet. Auch dürfte es kulturhistorisch interessieren, wie das jüdische Pessachfest, das nach allgemeinem Volksglauben übrigens stets von schönstem, sonnigstem Wetter begünstigt ist, sich in einem andersgläubigen Hause auswirkt und besprochen wird. Eins unserer Mädchen hatte aus ihrem Ort ein Spielliedchen mitgebracht. Es lautete: „Moritz will ein Zicklein schlachten, Schalemachei, scherum! Sarah muss die Mazzen backen, Schalemachei, scherum!" Beim Absingen ging man paarweise auf und ab, sich über Kreuz an den Händen haltend, die man beim Umkehren mit einem kräftigen Rucke „wechselte." Der Ruck war äusserst beliebt, man konnte ihn kaum erwarten. Von meinem Vater aber, dessen Studien ihn ja zu alten Kultgebräuchen und daher auch zu den Speiseriten besonderer Feste hinführten, empfing ich eine richtige kleine Vorlesung. Ich vernahm, dass Mazzen: „Süssigkeit" oder „Zusammengedrücktes" bedeutet und dass das „Freudenfest der ungesäuerten Brote" der Erinnerung gelte an die Erlösung Israels aus ägyptischer Fron. Der ursprünglich geübte Brauch, die Mazzen an der Sonne zu trocknen, stamme wahrscheinlich daher, weil die Juden bei ihrem Auszug nicht mehr Zeit hatten, den bereits angerichteten Teig zu säuern und zu backen und ihn deshalb roh auf die Fahrt mitnehmen mussten. Erst später wurden sie im Ofen des Hauses gebacken. Jetzt kommen sie natürlich aus der Fabrik, wie jede Ware. Diese Fabrikation ist ein anderen Bevölkerungsschichten kaum bekannter blühender Geschäftszweig. In Westpreussen versandte damals die Bäckerei von Kamnitzer in Dirschau ihre Erzeugnisse weithin, ebenso in der Nachbarprovinz Posen die Fabrik Gutkind in Filehne.. In kleineren Städten, z. B. unserer Kreisstadt B e r e n t, wurden die Mazzen vom Vorbeter oder Kantor für alle Familien gemeinsam in Wagenladungen bestellt und an sie verteilt. Der Teig wird maschinell „ausgewirkt" und zu Fladen gerundet. lieber die Fläche geht das Radeisen, zur Schaffung der Vertiefungen, die wohl das Durchbacken erleichtern. Die Mazzen sind von verschiedener Grösse, bis anderthalb Fuss im Durchmesser, ihrer acht bis zehn gehen auf ein Pfund. Verschenkt sollen vornehmlich die blasigen Stücke werden. (Vielleicht entsprechen sie nicht den Vorschriften!) Vom Abfall der trokkenen Mazzen wird ein besonderes und sehr feines Mehl, das Mazzenmehl, gemahlen, das wir auch kaufen konnten. In den jüdischen Familien unserer Gegend wurden, der Sitte gemäss, an den beiden ersten und heiligsten Abenden, den „Cedernabenden," wie es dort hiess (richtiger ist wohl Seder!) Gebet und Segen über die Mazzen gesprochen. Reich und Arm musste auch Wein trinken, den sich aber „die Armut," wie man sagte, selbst bereitete aus mit Wasser gegorenen Rosinen. Alljährlich, wenn mir der Kalender das Passahfest verrät, kommt mir die Erinnerung an die freundliche Gabe der Mazzen von einst, die so viel Freude und Interesse auslöste. Gegessen habe ich sie seltsamerweise nicht wieder seit jenen Tagen. Geschenkt hat sie mir keiner mehr, denn wer sollte wissen um mein ganz persönliches Verhältnis zu ihnen! — und nur geschenkte Mazzen, daran halte ich fest, würden mich mit dem alten Wohlgeschmack und Jugendglück erfüllen! 315 Aus der Geschichte der Gemeinde Statistik der Frankfurter Juden von den Anfängen bis zum Jahr 1866 Von Dr. Josef Unna. (Fortsetzung) Ganz anders als bei der Geburtenstatistik, bei der wir die Zahlen erst von der Mitte des 18. Jahrhunderts an kannten, ist es bei der Sterblichkeit. Hier haben wir zwei Quellen. Als erste Hauptquelle ist das von 1624 bis 1828 durch die Beerdigungsbruderschaft geführte vollkommene Verzeichnis aller Begräbnisse1) zu nennen. Für die Zeit von 1809—1856 sind die chronologisch2) geführten Sterbelisten, entsprechend den schon besprochenen Geburtslisten, erhalten. Sie enthalten die Namen der gestorbenen Gemeindemitglieder und ihrer Familienangehörigen. — Die Zahlen der erstgenannten Register finden sich bei Horovitz3). Es sind dort folgende Rubriken gebildet: Männer, Frauen, Kinder4), Summe. Ferner ist dort für jedes Halbjahrhundert die Summe der Toten addiert und daneben die Summe der in der erstgenannten Zahl schon enthaltenen Todesfälle von Kindern. Es erscheint aber überflüssig, diese ganze Reihe hierherzusetzen0). Es stimmen diese Zahlen jedoch nicht genau überein mit denen, die sich aus dem ersten Bande des Gedeukbuches ergeben. Vielleicht liegt dies daran, daß Horovitz seine Zahlen nach dem Register berechnet hat, das neben dem Hauptbuche — und vielleicht mit weniger Sorgfalt — geführt wurde. Zum Vergleich der Zahlen des Gedenkbuches (G) mit den von Horovitz (H) angegebenen seien hier die 10 Jahre 1638—16476) gegenübergestellt. Sterbetabelle der Jahre 1638—164?. Jahr Männer Frauen Kinder Zusammen * G H G H G H G H 1638 19 25 35 47 23 29 77 101 1639 29 32 26 32 29 8 84 72 1640 9 19 22 26 26 15 57 60 1641 14 24 21 48 21 9 56 61 1642 5 9 5 7 55 52 65 68 1643 5 6 9 9 14 8 28 23 1644 7 13 12 10 6 6 25 29 1645 14 17 13 10 32 20 59 47 1646 7 7 12 10 19 25 38 42 1647 11 17 10 11 15 20 36 48 Summe 120 169 165 190 240 192 525 551 Am Ende der 10 Jahre ergibt sich hieraus für die Summe aller Todesfälle ein Ueberschuß bei Horovitz von 26. Größer ist der Unterschied bei der Kinderzahl, obwohl sie in der Summe enthalten ist. Dort beträgt die Differenz 48. Dieser Unterschied mag vielleicht mit der verschiedenen Einreihung in diese Rubrik zusammenhängen, auf die bereits hingewiesen wurde. Zum Teil heben sich die Differenzen des Gedenkbuches gegenüber den anderen Zahlen wieder auf. Die absoluten Zahlen, die sich z. B. für das *) Es ist dies ein genaues Register aller Gestorbenen, da nach § 94 der Stättigkeit (1616) keine auswärts gestorbenen Juden auf dem israelitischen Friedhofe begraben werden durlten. Diese Bestimmung der Stättigkeit. scheint genau eingehalten worden zu sein. Die Akten über eine Erlaubnis zur Beerdigung eines Fremden finden sich im Archiv der israelitischen Gemeinde (No. 29). Am 26. Oktober 1718 war ein fremder Jude tot auf der Landstraße zwischen Bockenheim und Frankfurt aufgefunden worden. Die Beerdigung konnte erst stnttGuden, nachdem der Rat die ausdrückliche Erlaubnis erteilt hatte. — Ferner mußte die Frankfurter Gemeinde eine besondere Erlaubnis erhalten, die Juden von Bergen auf ihrem Friedhofe zu bestatten. 2) Freilich führt die israelitische Gemeinde schon seit 1709 Totenlisten. Nur sind die aus den Jahren 1709—1808 nach Familien geordnet, nicht aber chronologisch. Sie sind also für statistische Zwecke nur unter sehr erschwerten Umständen zu benutzen. Auch die Art der Listenführung vom Jahre 1809 weist darauf hin, daß dieses Register wahrscheinlich auf die Ratsverordnung vom 3. Juli 1808 zurückzuführen ist, (s. Geburtenstatistik.) s) Inschriften, S. XXXII ff. 4) Hier wird nicht näher erläutert, was unter die Rubrik „Kinder" einbezogen ist. In dem „Gedenkbuch" sind mehrere Ausdrücke gebraucht. Zweifellos Kinder jüngsten Alters sind unter „Thinok" bezw. „Tliinoketh" verstanden. Daß die Ausdrücke „Naar", (Knabe) und „Naaroh4* (Mädchen) mit einzuschließen sind, ist anzunehmen; es kann jedoch nicht mit Sicherheit behauptet werden. Keinen genauen Rückschluß auf das Alter gestatten die Ausdrücke „Ben" und „Bath", d. i. Sohn und Tochter; ebenso „Bachur", Jüngling und „Betliulah". Jungfrau. Letztere deuten nur auf den Familienstand hin, wie sich aus der Wendung „Bachur Hasaken" d. i. der unverheiratete Alte (über 60 Jahre), ergibt. In den hier den Horovitzschen Zahlen gegenübergestellten sind die als „Thinok, Thinoketh, Naar, Naaroh" Bezeichneten unter Kinder zusammengerafft. Es ist wohl auch damit am ehesten ein Vergleich mit der 11. Tabelle möglich. 5) Die Tabelle der zweiten Periode ist in anderer Weise gegliedert als die der ersten und ist auch unabhängig von ihr zu besprechen. Sie folgt daher erst nach der Besprechung des ersten Abschnittes. 8) Erst von diesem Jahre an ist der Tag genauer angegeben, an den» der neue Vorsteher sein Amt antrat.