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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-04-01 · 8 (4.1930) · p. Seite 313

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
8 (4.1930)
Date
1930-04-01
Page
Seite 313 (sequence 13)
Language
German
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seinen Fussballen Goldstücke hervorscharrt und nichts hat, um den Aufenthalt in der Herberge zu bezahlen? Ein Mensch, der durch Pfeifen Kuchen und Brote backen kann in Menge, der lebende Truthähne aus seinen Hosen herauszieht, und der dabei ein Gesicht hat — allmächtiger Gott, schlimmer als irgend ein Bergarbeiter. Und aus seinen Augen blickte der Hunger, der reine Hunger. Die Leute wunderten sich und sagten: Noch eine fünfte Frage für die „Ma nischtanno." Doch bevor wir zur „Ma nischtanno" kommen, wollen wir den „Wundermann" ein Weilchen verlassen und uns ein wenig dem Chajim-Jona und seiner Frau, der Riwka-Beila, zuwenden, die auch in diese Geschichte hineingehören. Dieser Chajim-jona war früher Waldaufkäufer und kaufte einmal zu angemessenem Preise von einem der „Herren" einen Wald zum Abholzen. Da kamen die Bauern, denen der Fussweg im Walde gehörte und erhoben Einspruch. Sogleich kamen auch die Beamten und sperrten den Wald ab. Und Chajim-Jona ging, wie man so zu sageD pflegt, „unschuldig" aus dem Handel hervor und wurde zum Schreiber im Walde eingesetzt. Später ging ihm auch dieser Dienst verloren und — Gott soll uns vor so was schützen — Monate und Monate lang stand er nun ohne Ervverb da. Der Winter ging darüber hin. Ueber alle Feinde Zions soll so ein Winter wie der kommen! Schon kam langsam das Pessachfest heran. Unterdes war schon alles im Hause zu Pfand gegeben, vom Leuchter an der Decke bis zum Kissen unterm Kopf. Da sagte Riwka-Beila zu ihrem Mann: „Geh und lass dir Weizengeld geben!" Aber Chajim- Jona sagte, er vertraue darauf, dass Gott ihn nicht verlassen werde, und dass er sein Angesicht nicht damit beflecken wolle, von irgend jemandem eine Gabe anzunehmen. Da wandte sich Riwka-Beila hierhin und dorthin und suchte in allen Ecken ihrer Wohnung, und Gott gab einen guten Fund in ihre Hand. Sie entdeckte einen alten silbernen Löffel, der wer weiss, wie lange schon sich unter den Lumpen herumgetrieben hatte. Das war wirklich ein Wunder des Himmels. Chajim-Jona nimmt den Löffel, geht damit auf den Markt und verkauft ihn, geht dann zum „Parnes" und gibt ihm die Pfennige als nWei/en^eni-4 für die Armen, so wie er es Jahr für Jahr getan hatte. Denn die Armen, sagt Chajim-Jona, die haben den Vortritt. Die Armut weicht nicht vom Fleck. Inzwischen kam das Fest näher und näher: nur noch etwa zwei'Wochen blieben bis Pessach, und es kam nichts. Chajim-Jona hält noch an seiner Hoffnung fest: Gott wird sich erbarmen und ihn nicht im Stich lassen und Riwka-Beila sann unterdessen nach; doch eine brave Frau muss tun, was ihr Mann will. Und Tag um Tag verging. Riwka-Beila schlief nachts nicht. Sie drückte ihr Gesicht in den Strohsack und weinte leise, damit Chajim-Jona es nicht hören sollte; aber zu Pessach war noch nichts, auch nicht das allergeringste, gerichtet. Die Tage waren schlimmer noch als die Nächte. Bei Nacht konnte man weinen, und es wurde einem leichter dabei; aber bei Tage musste man sich in die Backen kneifen, damit der Schein gewahrt blieb. Die Nachbarinnen sähen ihr nach und wunderten sich, prüften sie bis in die Augen hinein und durchbohrten sie mit ihren mitleidigen Blicken. Die einen sagten zu ihr: „Riwka-Beila leben, wann willst Du denn Mazzos backen? Wann willst Du Oel kaufen? Wann willst Du die Süsspeise herrichten? Und alles Uebrige? Und wieder andere sagten: Weh und ach, Riwka-Beila, was machst Du denn? Fehlt Dir denn etwas? Sag es doch, wir wollen Dir borgen. Es ist doch keine Schande. Das Rad dreht sich auch wieder. Aber Chajim-Jona wollte keine Gabe von irgend jemandem. Und Riwka-Beila tat nichts gegen seinen Willen. Sie sucht nach Ausreden, dreht sich und wendet sich, und ihr Gesicht ist bleich dabei. Die Nachbarsfrauen sehen, dass etwas nicht in Ordnung ist und erzählen es ihren Männern, und die Männer gehen zum Raw. Wie ist denn so etwas möglich? Der Raw hört's, denkt nach, schüttelt den Kopf, einmal nach rechts, einmal nach links, überlegt lange und sagt zum Schluss, dass Chajim-Jona ein „Ben Tora" sei und ein frommer Mann, und wenn er Gottvertrauen habe, so sei's damit genug. Zum Schluss stand Riwka-Beila auch ohne Lichter da. Mit jener Nacht begann das Fest. Chajim-Jona geht aus dem Lehrhaus und kommt in sein Haus. Aus allen Häusern strahlt Festesfreude. Nur seine Wohnung ist dunkel. Sein Haus steht da wie ein Trauernder unter Hochzeitsgästen, wie ein Blinder unter Sehenden. Aber Chajim-Jona lässt den Kopf nicht hängen. Wenn Gott will, wird er auch noch Pessach machen. Und Chajim-Jona kommt ins Haus und ruft voll Freude: „Gut Jontef!" Keine Antwort. Und er sagt's noch einmal und ruft: „Gut Jontef, Riwka-Beila." Und aus einem dunkeln Winkel heraus antwortet ihm Riwka-Beila mit tränenerstickter Stimme: „Gut Jontef, , gut Jahr!*' ihre Augen glühen aus dem Dunkel wie glimj mencle Kohlen. Er tritt auf sie zu, beugt sich zu ihr und j streichelt sie liebevoll: I ,.Riwka-Beila, heute ist doch Jontef, Auszug aus Mizrajim, j und Befreiung, verstehtst Du, Frau? Da ist es in jedem | Fall verboten, traurig zu sein. Und worüber bist Du denn betrübt? Wenn Gott nicht will, dass wir einen Seder haben, dann müssen wir es eben in Liebe hinnehmen. Wir wollen hingehen und uns zu den anderen setzen. Die Türen sind offen. Juden sitzen bei Tisch und sprechen mit erhobener I Stimme: „Kol dichfin jeissej wejechul", das bedeutet, dass i jeder Hungrige kommen soll, um zu essen und satt zu j werden. Komm, steh auf meine Taube, lege Dein Tuch um den Kopf, wir wollen gehen und an ein Fenster nebenan klopfen."! Riwka-Beila, die immer tut, was ihr Mann will, nimmt alle Kraft zusammen, um nicht in Tränen auszubrechen. Mit zitternden Händen zieht sie das zerrissene Kopftuch heraus und legt es um den Kopf, sie wenden sich zum Gehen, als in diesem Augenblick plötzlich die Tür von aussen aufgent und ein Mann kommt, der an der Schwelle steht und ruft: „Gut Jontef!'" Und die beiden antworten: „Gut Jontef!'' Aber sie sehen nichts im Finstern. Der Mann kommt ins Zimmer. „Ich möchte gern zu Tisch bei Euch bleiben", sagt er. Chajim-Jona antwortet: „Wir haben keinen Seder; Gott wollte nicht, dass . . ." Aber jener unterbrach: „Ihr Narren, der Seder kommt ' mit mir!" I „Sollen wir denn dabei im Dunkeln sitzen?" Die Frau i konnte sich nicht zurückhalten und stöhnte. | „Nein", antwortete der Angekommene, „es soll Licht | geben." I Er stellte sich mitten in das Zimmer und rief: „Hokus- | pokus!" ganz wie ein Zauberkünstler. Und im Hohlraum! des Zimmers erschienen zwei silberne Leuchter mit I brennenden Kerzen. Beim Schein der Kerzen sah das Paar den Ankömmling. Er war es, der „Wundermann." Die I Beiden sind stumm und sprachlos und bringen keinen Laut j aus der Kehle hervor. Riwka-Beila fasst ihren Mann bei der Hand, und so stehen sie beide mit aufgerissenen Augen und offenem Munde da. Aber der „Wundermann" wendet sich zum Tisch, der wie verzweifelt in einer Ecke steht, und j ruft: I „Deck Dich mit einem Tischtuch und komm und stell! Dich in die Mitte!'" I Und sogleich kommt ein schneeweisses Tischtuch von der I Decke herunter und deckt sich auf den Tisch. Der gedeckte I Tisch erhebt sich von der Stelle und stellt sich in die Mitte des Zimmers, gerade unter die Leuchter, die hängen und in der Luft schweben. Wie der Tisch steht, kommen die Leuchter herunter und stellen sich zu beiden Seiten darauf. „Aber", sagt der „Wundermann", wir haben doch noch keine Kissen zum Anlehnen. Er wandte das Auge auf die I drei Stühle, die in drei Ecken des Zimmers standen; da fingen die Stühle an sich zu bewegen, und sie gingen hin und stellten sich an die drei Seiten des Tisches. Er befahl ihnen, dass sie weit werden sollten; da weiteten sie sich und wurden zu Ruhesesseln. „Polstert Euch!" Von der Wand herunter kamen schneeweisse Kissen und legten sich als Polster zum Anlehnen auf die Sessel. Und noch einmal: „Hokuspokus!" Da kam eine Sederschüssel mit Kräutern herunter und stellte sich auf den Tisch. Dann folgten die Mazzos, eine Flasche Wein und die Becher, alles wie es sein muss, und selbst leclergebundene Haggadas mit Goldschnitt. „Und wo ist Wasser zum Waschen?" fragt der „Wundermann". „Ich kann auch Wasser bringen." Erst jetzt erwacht das erstaunte Paar, und Riwka-Beila flüstert Chajim-Jona ins Ohr: „Darf man denn ....?" Wie Chajim-Jona zweifelt und keine Antwort gibt, meint Riwka-Beila, dass man zum Raw gehen sollte, um nach seiner Meinung zu fragen. Chajim-Jona sagte, dass er Angst habe, sie mit dem „Wundermann" allein zu lassen; er wollte, dass sie zumRawgehe. Aber sie sagte, dass, wenn sie, eine Frau, es ihm erzähle, der Raw es nicht glauben und sagen werde, sie sei durch die Sorgen von Sinnen gekommen. Und wie sich kein anderer Rat und Ausweg fand, verliessen sie beide zusammen den „Wundermann" mit dem Seder, den er ins Haus gebracht hatte, und liefen zum Raw. Der Raw hörte sie an, schwieg, dachte nach, schüttelte den Kopf hin und her, und sagte zuguterletzt: „Wir haben gelernt, dass Zauberwerk, welches nur die Augen blendet, nicht wirklich ist . . . Darum sollt Ihr folgendes tun: Geht nachhause zurück. Und wenn man die

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