Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 8 (4.1930)
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 312 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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312 Abb. 5. Deutsdie Friedhof-tnsdirift Die Beschriftung der Friedhofsbauten ist eine Leistung von vorbildlicher Grösse, deren Beispiel hoffentlich nicht ohne weiteren Einfluss bleibt. Für die Gemeinde liegt es nahe, auch bei der Gestaltung der Grabsteine dafür zu sorgen, dass in ähnlicher Weise die Ehrfurcht vor dem Wort der Schrift zur Geltung kommt. Wie sich gerade am Grabsteine Zurückhaltung und eindringliche Wirkung verbinden können, hat Berthold Wölpe an manchem Beispiel gezeigt. Die Art der hebräischen Sdirift und alter Ritus geben hier manche Gelegenheit von mannigfacher Schönheit. So sind an dem Grabstein Abb. 6 die fünf Buchstaben Abb. 6. Grabmal Stark, Bronzeplatte. Abb. 4. Hebräische Friedhof-Inschrifi T\ D J? 2 auf die Köpfe der Schrauben verteilt, mit denen die Bronzeplatte an der Mauer befestigt ist. Ein sehr schönes Beispiel für die Behandlung lateinischer Schrift bietet die (hier nicht abgebildete) Grabplatte für Meier Lindheimer. Möchte das Bewusstsein doch immer allgemeiner werden, dass sich bei Errichtung eines Grabsteins die Pietät der Angehörigen nicht in dem Reichtum des Steins, sondern in der Sorgfalt der Sdirift äussern kann. Dann würde die feierliche Stimmung des Eingangshofes sich auch auf dem Friedhof auswirken. Der Wundermann Von J. L. Perez In einem Städtdien Wolhyniens tauchte eines Tages ein „Wundermann" auf. Obwohl er gerade kurz vor Pessach dorthin kam, zu einer Zeit also, wo jeder Mensch in Israel übervoll mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt ist, machte sein Kommen doch grossen Eindruck auf die Leute im Städtchen. So ein Mensch — ein reines Rätsel! Angezogen war er in Fetzen, und einen, wenn audi alten und verbeulten Zylinder hatte er auf dem Kopf! Ein jüdisdies Gesidit hatte er, das Ebenbild Gottes sdiwebte sichtbarlich über seiner Nasenspitze, und dabei war sein Bart wegrasiert! Und einen Reisepass hatte er audi nidit bei sich. Kein Mensch sah, dass er irgend etwas anrührte, weder kosdier, noch trefo; er ass überhaupt uidits. Man fragte ihn: „Woher des Weges?" Und er antwortete: „Aus Paris!" „Wohin?" „Nadi London!" Auf dem Wege über dieses Städtdien in Wolhynien? Weit gefehlt! Allem Ansdiein nadi ging er zu Fuss. Er kam audi nidit hin, um im Minjan zu beten, noch nicht einmal am „Grossen Sabbat". Wenn die Leute ihm nachliefen und Erklärungen von ihm verlangten, in ihn.drangen und ihn umringten, war er auf einmal verschwunden, als wenn ihn der Erdboden versdilungen hätte, und tauchte an der anderen Seite des Marktes wieder auf. Und wunderbar! Niemand hatte ihn gesehen. Das ging wirklich nicht mit natürlichen Dingen zu. Inzwischen hatte er sich einen grossen und weiten Saal gemietet, um vor Volk und Gemeinde seine Wunder sehen zu lassen. Er verschluckte glühende Kohlen wie Kartoffeln und zog aus seinem Munde seidene Fäden jeder Art und jeder Farbe hervor, und lang waren sie — so lang wie das ganze Golus. Aus seinen Hosen brachte er paarweise Truthühner heraus, Truthühner wie Kälber; die lebten und liefen auf dem Boden herum und krähten: „kroh-kroh-kroh, kroh-kroh-kroh." Danach beschrieb er mit seinem Fuss einen Kreis, und scharrte aus seiner Spur Dukaten heraus, richtige Dukaten, eine ganze Schüssel voll Dukaten. Man klatschte Beifall, und er pfiff — da begannen Kuchen und Brotlaibe durch die Luft zu hüpfen wie fliegende Vögel. Danach drehten sie sidi im Kreise oder sie tanzten einen zornigen Tanz. Und er pfiff noch einmal, — da war alles im Nu verschwunden. Nidits blieb mehr übrig, keine Kuchen, keine Brote, keine Truthühner, keine Fäden, gar nichts. Aber schliesslich wusste man, dass ja auch die bösen Geister solche Sachen machen konnten; die Zauberkünstler in Aegyten zeigten noch viel grössere Wunderdinge als dieses einfache Zauber werk! Worüber konnte man sich sonst wundern? Darüber, dass er selbst arm und bedürftig war? Ein Mensch, der aus