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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-04-01 · 8 (4.1930) · p. Seite 309

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
8 (4.1930)
Date
1930-04-01
Page
Seite 309 (sequence 9)
Language
German
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309 zenden Laufbahn willen, seine Religion zu wechseln. Zwar gelang es ihm, nachdem die Berliner juristische Fakultät unter Savignys Einfluss, seine Habilitation als Privatdozent abgelehnt hatte, diese in Heidelberg durchzusetzen. Hier lehrte er von 1841—45 Staats- und Völkerrecht mit ausserordentlichem Erfolg, jedoch ohne Aussicht auf eine Professorenstellung. Seine Gönnerin, Bettina von A rn i m, in deren Salon er verkehrte, hatte ihm durch ihren Einfluss den Weg in die Heiligen Hallen der Ruperto-Carolina geebnet; weiter, d. h. bis zu seiner Ernennung zum ausserordentlichen oder gar ordentlichen Professor, reichte trotz aller Fürsprache ihre Macht nicht. Oppenheim war mit der Klarheit seiner Vortragsweise und fesselnden Beredsamkeit ein sehr beliebter Dozent. Aber die Hoffnungs- . losigkeit in Bezug auf einen wirklich erspriesslichen seiner Gelehrsamkeit entsprechenden Wirkungskreis, veranlasste ihn, sich schon vor dem „tollen Jahre" ganz der Publizistik in die Arme zu werfen. So verbündete er sich mit Arnold Rüge zur Herausgabe der „Reform", deren beste, anonym erschienene Leitartikel nicht dem junghegelianer Philosophen zuzuschreiben sind, sondern aus der Feder des frischen, munteren auf Welteroberung ausgehenden jungen Völkerrechtsgelehrten geflossen sind. Oppenheim war ein glänzender Stilist', Meister eines feingeschliffenen Stils. Das Jahr 1848 riss ihn in seinen Strudel; mit Bambeiger nahm er an der Pfälzer Erhebung teil. Wie so viele unserer damaligen Edelsten und Besten, musste er auf zehn Jahre in die Verbannung gehen. Nach der durch die Amnestie ermöglichten Rückkehr in die Heimat, widmete er sich in Wort und Schrift dem öffentlichen Leben. Von 1874 bis 78 gehörte er als Vertreter von Reuss ä. L., ein Fraktionsgenosse von Lasker und Bamberger, auf dem linken Flügel der nationalliberalen Partei stehend dem Reichstag an, jedoch sein Gesundheitszustand war damals schon zu sehr erschüttert, als dass er in der Fraktion oder in der Volksvertretung hätte zur Geltung kommen können. Die Zahl seiner Schriften ist Legion. Wir nennen hier nur die Titel einiger seiner bedeutendsten Werke: „Geschichte und staatsrechtliche Entwicklung der Gesetzgebung des Reichs", „System des Völkerrechts" (Frankfurt a. M. 1845, 2. Aufl. Stuttgart 1866), „Philosophie des Rechts und der Gesellschaft", „Ueber politische und staatsbügerliche Pflichterfüllung", „Die Deutschen im Ausland", „Die öffentliche Meinung" usw. Besonders bemerkenswert ist seine Stellungnahme gegen die Lassallesche Bewegung gleich zu ihren Anfängen in einer aufsehenerregenden Broschüre und gegen den „K a t h e d e r s o z i a 1 i s m u s" — der inzwischen landläufig gewordene Ausdruck rührt von ihm her — in einem gross angelegten Werk. Persönlich war er ein überaus liebenswürdiger und, was vielleicht noch mehr besagt, ein durch und durch zuverlässiger Mann, ein gerader, schlichter, treuer Charakter. Dies rühmten bei seiner Beisetzung zwei engere politische Freunde, Max von Forkenbeck, damals Oberbürgermeister von Berlin, und der alte Achtundvierziger Friedrich Kapp, der vier Jahre später auch Lasker in der Synagoge Oranienburgerstrasse einen tiefempfundenen Nachruf gewidmet hat. Zum Schluss pries Berthold Auerbach mit bewegten Worten den körperlich wie geistig vollsaftigen Menschen, für den die Erklärung der „Göttinger Sieben" 1857 der zündende Funke wurde, zu dem festen Entschluss, sich in seinem späteren Leben der Gesamtheit seiner deutschen Volksgenossen in uneigennütziger Weise zu widmen. Leider ist das Wort des Dichters, dass Oppenheims Andenken in der Nation, der er seine volle Kraft geweiht hat, nicht sobald erlöschen würde, nicht in Erfüllung gegangen. Er ist heilte, trotz der schönen Inschrift, die sein Grabdenkmal auf dem Friedhof in Weissensee ziert, ein Vergessener. Deshalb sei den Manen des Verblichenen ein halbes Jahrhundert nach seinem Hinscheiden hier in seiner Heimatsgemeinde diese kurze Gabe dankbarer Erinnerung dargebracht. O. S. Paul Heyse Der am 15. März 1830 geborene und noch vor einem Menschenalter viel gelesene und bewunderte, feinsinnige Roman- und Novellendichter Paul Heyse hatte vielfache Beziehungen zum Judentum. Seine Mutter, geborene Saling (die Familie hiess eigentlich Salomon) war Jüdin von Geburt. In seinen Lebenserinnerungen rühmt der Sohn ausser ihrer Herzensgute besonders ihren Witz, den er als jüdisches Erbteil bezeichnet. Zahlreiche von ihm in seinen Lebenserinnerungen angeführte Proben legen von dieser humoristischen Veranlagung beredtes Zeugnis ab. Vom „Mütterlein" behauptete er, gleich seinem grossen Vorbild Goethe, die „Frohnatur" und „Lust zum Fabulieren" geerbt zu haben. Der Vater dagegen, wie der Grossvater väterlicherseits waren ernste Gelehrte, Sprachforscher, in deren Fusstapfen der Sohn ursprünglich trat, bis ihn die mütterlicherseits ererbte künstlerische Begabung für sein ganzes langes Leben — er starb am 2. April 1914 — in andere Bahnen lenkte und in den Bereich der Poesie wies. Die Familie seiner Mutter hatte auch sonst geistvolle Frauen aufzuweisen. Zwei Kusinen, die schöne Fanny von Esk'e 1 es und Rosa von Arnstein in Wien, spielten während des Wiener Kongresses eine hervorragende Rolle. Ihr Salon war ein Mittelpunkt geistig angeregter Geselligkeit, der selbst den Kaiser Alexander L von Russland, die Diplomaten Metternich, Gentz und andere in seinen Bannkreis zog. Auch Heyses Tante, Sarah L e v y, hatte einen ähnlichen Salon in Berlin aufzuweisen. Hier in dem glänzenden Heim der ebenso reichen, wie geistvollen und wohltätigen Dame, einer gläubigen Jüdin, die bei ihrem Hinscheiden nach einem langen gesegneten Leben im Juni 1854, als kinderlose Witwe den grössten Teil ihres Vermögens für wohltätige Stiftungen der jüdische Gemeinde hinterliess, verkehrten hauptsächlich Gelehrte, darunter Grössen von Weltruf, wie Alexander von Humboldt, der berühmte Boekh, Dove usw. Die regelmässigen Zusammenkünfte waren am Freitag Abend, wo es stets für die zahlreichen Gäste den traditionellen Fisch, Karpfen polnisch, oder Hecht mit Klössen, je nach der Jahreszeit, dazu Barches und nach dem Abendbrot Tee, Obst und — „Krillererbsen" gab, wie man sieht, keine allzu überladene, aber echt bürgerlich patriarchalische Bewirtung. Den Hauptreiz des Zusammenseins bildete eben die angeregte gesellige Unterhaltung und die in der Form der Plauderei enthaltene Belehrung. Heyse fehlte als Gymnasiast wie als Student, wenn er in Berlin anwesend war, nie ohne zwingenden Grund bei diesen fesselnden Abendgesellschaften, auf die er sich nach seinem eigenen Geständnis schon die ganze Woche hindurch freute, und die er nach erfolgter Uebersiedelung in München anfangs sehr vermisste. In dieser Umwelt wurde Heyse zum Mann. Juden waren ihm von Kindheit an vertraut. Stets hat er jüdische Figuren in seinen Dichtungen in sympathischer Weise gezeichnet. Sein Mitte 80er Jahre im Berliner Kgl. jetzt staatl. Schauspielhaus oft aufgeführtes Schauspiel „Die Weisheit Salomon is" ist mit seiner dem alten Testament abgelauschten, abgeklärten Weltkenntnis voll Innigkeit, Frohsinn und echter Gemütstiefe, gewissermassen das Testament des Dichters, der sich seiner jüdischen Abstammung nie schämte, zu Ehren des damals wie heute viel gelästerten Judentums. C. P. J. Berücksichtigt in dieser wirtschaftlich schweren Zeit auch unsere notleidenden Mitglieder Verein selbst, israel. Handwerker und Gewerbetreibender E. V. Mitglieder-Verzeichnis gerne u. kostenlos durch die Geschäftsstelle: Rechneigrabenstr. 10 Telefon: Hansa 20141

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