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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-04-01 · 8 (4.1930) · p. Seite 308

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
8 (4.1930)
Date
1930-04-01
Page
Seite 308 (sequence 8)
Language
German
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Hat Karl I. noch mit einem gewissen Erfolg verstanden, den kirchlichen Uebergriffen Widerstand zu leisten, so änderte sich das stark unter der Regierung seines Sohnes Karls IL, der den Beinamen „der Hinker" führte. Nicht nur, dass man in immer zunehmendem Masse die Juden zwang, sich in Ghett i s auch örtlich zusammenzusdiliessen, man setzte geradezu Prämien dadurch auf den U ebertritt, dass man die Täuflinge an den Steuern nicht teilnehmen liess, die den Judengemeinden gesondert auferlegt wurden. Auch bestand ein weiterer Anreiz zum Uebertritt darin, dass man den berühmten Familien des christlichen Adels gestattete, den Täuflingen ihren Namejo. zu geben. So konnten die Uebergetretenen in der Volksmasse völlig untertauchen. Audi die Durdiführung des päpstlichen Ediktes über das jüdische Abzeichen hat dazu beigetragen, diesem besonders aufrechten und hoch kultivierten Judentum allmählidi das Rückgrat zu brechen. Es vollzog sich audi hier die so oft in der jüdischen Geschidite beobachtete Erscheinung, dass selbst Jahrhunderte lang dauernde Gleidibereditigung keinen Freibrief für ewiges Glück bedeutet und immer wieder Rücksdiläge katastrophaler Art ein besonderes Kennzeichen jüdisdier Geschidite sind. Mit der sizilischen Vesper von 1282 trennte sidi sodann das Schicksal der sizilischen Judenheit von der des festländischen Italiens. In Sizilien kommt es zur Herrsdiaft eines spanischen Hauses, das im Sinne der Regierung des Mutterlandes die Juden von dieser schönen InseL auf der sie glückliche Jahrhunderte verleben durften, restlos vertreibt, so dass audi heute, wo selbstverständlich der Neu- Ansiedlung von Juden von Seiten der italienischen Regierung keinerlei Schwierigkeiten gemacht werden, sich nur wenige Juden auf Sizilien befinden. Auf dem f e s 11 ä n - di s c h e n Italien ist es zu einer derartigen Katastrophe nicht gekommen, aber das Abgleiten der jüdischen Stellung setzt sich fort: aus den Beratern des Königs in wissenschaftlidien und wirtsdiaftlichen Fragen werden kleine Händler und Trödler. Ihre Plätze werden von christlichen Bankiers eingenommen, so dass sich audi hier jüdisches Schicksal vollendet: sowie man die Möglichkeit hat, ihrer zu entbehren, ersetzt man sie durch andere. Es war an dieser Stelle nicht möglich, alles zur Verfügung stehende Material in vollem Umfange anzuführen» Dies muss wissenschaftlicher Einzelforschung überlassen bleiben. Wenn es aber einmal zu einer wirklich über die ganze Welt angelegten systematischen Durchforschung der Archive für die jüdische Gesdiichte kommt, dann soll die Aufmerksamkeit ganz besonders auf das Neapolitaner Staatsarchiv gelenkt werden, dessen unzählige Registerbände uns vielleicht eine erschöpfende Kenntnis der geistigen, wirtschaftlichen und politischen Struktur der Juden eines Landes liefern, die über Italien hinaus audi: viele Schlüsse auf die übrige Judenheit zulassen wird.4). •*) Hingewiesen sei noch auf das ausgezeichnete Werk des italienischen: Staatsarchivar Nicola Ferorelli: Gli Ebrei nell' Italia meridionale dall* etä romana al secolo XVIII. Torino 1915. Bei dem weiten Rahmen, den sich der genannte Verfasser gezogen hat, konnte er dem behandelten Abschnitt nur einen verhältnismässig geringen Raum widmen,, aber er versucht, überall sich auf die genannten Register zu stützen. Audi das Werk von Georges Yver: Le Commerce et les marchands dans l'Italiemeridionale au Xllle et au XlVe siecle sei erwähnt, ebenso: R. S t r a u s. Die Juden im Königreich Sizilien (1910) und W. Cohn, Das Zeitalter der Hohenstaufen in Sizilien (1925). Drei Gedenktage Hermann Makower Am 8. März waren es hundert Jahre, dass Makower ihr Santomischel (ehem. Provinz Posen) das Licht der Welt erblickt hat. Sein aus Makow (Russisch-Polen) — daher der Name — stammender Vater war ursprünglich Lehrer;, nach der Verheiratung widmete er sich dem Kaufmannsstande. Trotz der bescheidenen Verhältnisse, in denen die Familie lebte, sollte der Sohn, dessen glänzende geistige Veranlagung sich sdion früh zeigte, eine höhere Schulbildung erhalten. So kam er nadi Berlin, wohin verwandtschaftliche Beziehungen wiesen, aufs französische Gymnasium. Oft genug musste der Junge hungern, verdiente sich nebenbei Geld durch Gesang als Chorknabe in der Synagoge und Pri- < vatunterricht, aber sein brennender Wissensdrang liess nie nach. Zu seinen Mitsdiülern gehörten zwei Knaben, mit denen ihn die ganze Schulzeit hindurch und darüber hinaus ihr ganzes Leben lang, bis der Tod das Band löste, innige Freundschaft verband: Siegismund Meyer und der etwas jüngere- Bernhard Breslauer. Letzterer hat dem dahingeschiedenen Freunde ein schönes literarisdies- Denkmal gesetzt (Allgemeine Zeitung des Judentums, 1898). Alle drei betätigten sidi in der Blütezeit des Berliner jüdischen Gemeindeliberalismus aufs eifrigste im jüdischen Leben. Alle drei gehörten der Gemeindeverwaltung an. Audi ihr Beruf war der gleiche, der des Rechtsanwalts, zu dem sie nidit ohne Schwierigkeiten — noch bestand der numerus clausus — in den sechziger Jahren gelangt waren. Als Jurist aber war Makower der hervorragendste im Dreigestirn. Als ein äusserlicher Beweis dafür kann es gelten,, dass er als erster Jude in die juristische Prüfungskommission berufen wurde. Sein Nachfolger war der unvergesslidie Justizrat Eugen Fuchs, eine Autorität auf dem Gebiete _des Hypothekenredits, während Makower unbestritten der erste auf dem des Handelsrechts war, bis der Jünger Hermann Staub den Meister überflügelte. Das Inkrafttreten des „Bürgerlidien Gesetzbuches", zu dem Makower mustergültige Vorarbeiten geliefert hat, sollte er nicht mehr erleben, er starb 1897. Als Verteidiger trat er verhältnismässig selten auf. Berühmt ist seine Verteidigung des wegen Bismarckbeleidigung angeklagten grossen Historikers Theodor Mo mmsen. Das Plaidoyer begann mit den Worten: „Zwei Fürsten stehen einander gegenüber". Mommsen wurde freigesprochen. Der Grundsatz seines Wirkens war der aus dem Talmud entlehnte Wahlspruch seines mit ihm eng befreundeten Vetters, Eduard Lasker: „Das Recht durchbohrt den Felsen." Seit 1866 bereits Repräsentant, seit 1870 Vorsteher der Repräsentantenversammlung, war er an der Gründung der „Lehransalt für die Wissenschaft des Judentums" (jetzige „Hochschule"), in der er den Hort einer freien Forsdiung erblickte, und namentlich an der Aufbringung von Mitteln für ihren Fortbestand wesentlich beteiligt. Er scheute keine Anstrengungen zu diesem Zweck; sogar Reisen mit Vorträgen unternahm der vielbeschäftigte Anwalt, um diesem seinem geistigen Lieblingskind die Existenz zu sichern. In gleicher Weise interessierte er, der moderne Jude, sich für das in Pankow nach den furchtbaren russischen Judenverfolgungen (1881) in erster Reihe für ostjüdisdie Waisenkinder erriditete und noch blühende Waisenhaus. Makower, eine stattliche Erscheinung, aber steif im Wesen, ist oft als spröde und unzugängliche Natur verschrien, ja als herzlos verketzert worden. Aber wer ihn fast allsonntäglich inmitten seiner „Kleinen" in Pankow sah, mit regstem Interesse für ihr körperliches und geistiges Gedeihen erfüllt, erkannte den unerschöpflichen Born seiner Herzensgüte. Schriftstellerisch betätigte er sich innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft, abgesehen von seiner Mitarbeitersdiaft an den „Regesten für die Geschidite der Juden im Deutschen Reich" und an den „Grundsätzen der jüdischen Sittenlehre" hauptsächlich als Verfasser der Abhandlung: „GemeindeVerhältnisse der Juden in Preussen" (1S73). Auf demselben Gebiete ist sein Sohn Justizrat Felix Makower, zeitweilig Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde und Vorsitzender des „Landesverbandes", in die Fusstapfen seines Vaters getreten. Das Andenken des Letzteren aber, dessen Werk auch die Abfassung eines neuen liberalen Gebetbuches war, wird nicht so bald erlöschen. Heinrich Bernhard Oppenheim Vor 50 Jahren, am 29. März, schied nach längerer Krankheit ein hervorragender Politiker, Rechtsgelehrter und Nationalökonom und nicht in letzter Reihe ein sehr kenntnis- und geistreicher Publizist, Heinrich B. Oppenheim, wie er sich gewöhnlich schrieb, aus dem Leben. In Frankfurt am Main erblickte er als Sohn eines sehr wohlhabenden Juweliers — übrigens war er ein Enkel des reichen Hamburger Bankiers Gumpel — am 20. Juli 1819 das Licht der Welt. Nahrungssorgen hat er nie gekannt; gleichwohl war er unermüdlich fleissig. Er arbeitete stets an sich und seinen Werken, nicht aus Erwerbsdrang, Eitelkeit und Ehrgeiz, sondern vom reinsten Wissensstreben und echtem Idealismus erfüllt. Seiner wissenschaftlichen Laufbahn waren ja schon durch seine blosse Zugehörigkeit zum Judentum Schranken gesetzt. Oppenheim hätte, um sich zur Geltung zu bringen, in seiner Jugend Christ werden müssen, aber es widerstrebte ihm, um äusserer Vorteile oder einer glän-

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