Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 8 (4.1930)
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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die Seele des Judentums kennen. Das Innenleben des Judentums und der Juden blieb den Völkern fremd. Das Gefühl der Fremdheit besteht nodi heute und wächst sich, von eigennützigen oder verblendeten Demagogen gepflegt und durch Neid aufgestachelt, immer von neuem wieder zur Feindschaft und zum Hass aus. Wer im Buche der Weltgeschichte zu lesen versteht, sieht, dass das Weltgeschehen nicht ein zufälliges Spiel chaotischer Kräfte ist, dass sich vielmehr die Geschehnisse mit einer ihnen innewohnenden Notwendigkeit planmässig und zielstrebig im Sinne einer Aufwärtsbewegung der Menschheit zur höchsten Kulturstufe vollziehen, in der Geschichte der Menschheit hat die Vorsehung dem Judentum seine Rolle zugewiesen. Der Monotheismus des Judentums findet sein Ziel im M e s s i a n i s m u s, in der Ueberwindung des Konfessionalismus durch das Bekenntnis aller Völker der Erde zur Religion des einzigen Gottes. Mit der religiösen Idee des Judentums ist seine Ethik eng verbunden. Sie gipfelt in den Forderungen der Rechtschaffenheit, Nächstenliebe und Brüderlichkeit unter den Einzelindividuen und des ewigen Friedens unter den Völkern der Erde. Aus dem Ideal der Nächstenliebe und Brüderlichkeit schuf vor Jahrtausenden das Judentum die soziale Ethik und verwirklichte sie schon damals verschiedenartig im staatlichen und gesellschaftlichen Leben. Aus dem Judentum heraus hat die soziale Ethik im Laufe der Geschichte allmählich die ganze gesittete Menschheit erobert. Mit ihren Forderungen nahm die jüdische Ethik die sittlichen Postulate aller Zeiten und Philosophen vorauf. Solange diese ethischen Postulate des Judentums nicht erfüllt und der Glaube und die Liebe zum einzigen Gott nicht Gemeingut aller Völker geworden ist, solange ist der Gehalt des Judentums nicht erschöpft. Das religiöse und ethische Ideal des Judentums macht seinen positiven Gehalt aus. An der Erfüllung der jüdischen Ideale unter den Juden und der ganzen Menschheit zu arbeiten, ist die Mission des Judentums. Die positive Seite des Judentums für alle Zeiten ist die Mission des Judentums. Diese ist der Schlüssel* zur Vergangenheit, der archimedische Punkt für die Gegenwart und die Garantie für die Zukunft des Judentums. Bis die Schranken der Nationen fallen und die ganze Menschheit ein einziges einiges Volk bildet, bleiben die Staaten Erziehungsmittel der Menschheit und gehen nicht unter, bis sie ihren Zweck erfüllt haben. Solange es eine nach Vervollkommnung strebende und der Höherentwicklung bedürftige Menschheit gibt, solange wird das Judentum fortbestehen und als religiös-ethisches Erziehungsmittel seinen Wert behalten. Jetzt, wo wir von dem Erlebnis des Weitkrieges Distanz bekommen haben, kristallisiert sich der Sinn dieses Krieges deutlich heraus: die Ueberwindung des Krieges durch den Krieg. Wie der Kulturstaat für den Daseinskampf seiner Einzelindividuen das Recht an Stelle der rohen Gewalt setzte, so muss im Wettbewerb der Staaten untereinander der Tüchtigste im friedlichsten Wettstreit obsiegen. Der durch den Bund der Kulturstaaten überwundene Standpunkt des Machtstaates ist eine Etappe auf dem Wege zum Messianismus. Innerhalb des deutschen Volkes kämpfen wir deutschen Juden nicht nur für unsere Gleichberechtigung als Staatsbürger und Menschen, sondern zugleich für den Sieg des Rechts über die Gewalt und der Idee über die Macht. Der Plan der Geschichte hat die Juden unter die Völker zerstreut und einem dezentralisierten Judentum die Verbreitung der jüdischen Idee in der Welt zugewiesen. Uns deutschen Juden gab die Vorsehung der Geschichte unser deutsches Vaterland. Es ist geschichtlich unser Recht und unsere Pflicht, als Deutsche und Juden unseren Anteil an der Mission des Judentums und unseres Vaterlandes zu erfüllen. Wer kann nun im Sinne der geschichtlichen Sendung des Judentums als positiver Jude gelten? Es ist nicht zu leugnen, dass ein Teil der deutschen Juden religiös nicht auf positiv jüdischem Boden steht. Das Erleben des Krieges hat zwar viele Indifferente aufgerüttelt und gar manchen hat die Not beten gelehrt, nachdem dem gesättigten Geborgensein jedes Einzelnen in den Vorkriegsjahren das Massensterben im Felde und die Sorgen der Nachkriegszeit gefolgt sind. Die Unzufriedenheit mit der Gegenwart, mit dem Diesseits überhaupt, weckte vielfach das Nachdenken über ein besseres Jenseits. Die Wissenschaft aber kann die Fragen nach dem Zweck des Daseins, nach dem Sinn des Werdens und Vergehens nicht beantworten und so haben denn viele Suchende den Weg zum Glauben zurückgefunden und im Lenker des Weltgeschehens ihren Gott wiedererkannt. Auf der anderen Seite ist der harte Existenzkampf einer religiösen Beschaulichkeit abträgig, ist inzwischen eine Jugend mannbar geworden, die von Kriegs- und Nachkriegszeit weniger berührt ist, und einer neuen, religiösen Dingen fremden, Sachlichkeit huldigt, und gibt es unter der jüdischen Intelligenz noch viele, welche von ihren naturwissenschaftlichen und philosophischen Erkenntnissen die Brücke zum Glauben der Väter nicht gefunden haben. So gab ein jüdischer Gelehrter von Weltruf wie Albert Einstein kürzlich auf die Frage: Glauben Sie an Gott? die Antwort: „Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart, nicht an einen Gott, der sich mit den Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt." Hier wird der Gott der Geschichte, den der gläubige Jude verehrt, geleugnet und an seine Stelle ein jedem wahren Glauben fremder Gott gesetzt, der allem menschlichen Streben und Handeln anteillos gegenübersteht. Der Gott des Judentums ist der Gott, welcher Israel erwählte und ihm seine Sendung in der Geschichte auferlegte. Es ist der Gott, der Israel erzieht, wie ein Mann seinen Sohn erzieht, und es leiden lässt, um es zu versuchen und um ihm in seiner Zukunft wohlzutun. Nur im Aufblick zu diesem Gott haben alle Verfolgungen und Leiden von Beginn der jüdischen Geschichte an bis in die jüngste Gegenwart einen erträglichen Sinn, nur auf diesen Gott baut das Judentum seinen Optimismus für sich und die ganze Menschheit in alle Zukunft auf." Ist nun allen Juden, deren Gottesbegriff dem vorstehenden nicht entspricht, ein positives Judentum abzusprechen? Die Philosophie Spinozas und die aller Philosophen vor und nach ihm setzt an Stelle der Religion die Ethik. Religion und Ethik sind verschiedene Wege zum gleichen Ziele, zur Veredelung und Erziehung der Menschheit. Ob das goldene Zeitalter auf religiösem oder philosophischethischem Wege zu erreichen ist, darüber mögen die Ansichten auseinandergehen. Für den Endzweck ist es gleichgültig. Der kategorische Imperativ Kants, der das Gute um des Guten willen fordert, führt ebenso zur Besserung der Menschheit, wie die jüdischen Gesetze und Gebote, die das Gute aus Liebe zu Gott fordern. Das Entscheidende ist das sittliche Streben und Handeln, nicht das Bekenntnis zu einem dogmatisch festgelegten Gottesbegriff. Positiver Jude ist daher jeder Jude, der — gleichviel ob aus religiöser Ueberzeugung oder aus ethischen Motiven — der Mission des Judentums durch sein Leben und Streben gerecht wird. Von der Mission ausgeschlossen ist nur, wer sich als Jude selbst ausschliesst und sein Judentum von sich wirft. Die Erkenntnis der religiösen und ethischen Aufgabe des Judentums gibt uns als Juden festen Boden unter die Füsse, macht uns positiv und zielbewusst, sie stärkt unser Selbstbewusstsein und erhöht unser Verantwortungsgefühl. Die Mission des Judentums stellt der Judenheit eine doppelte Aufgabe, die einer Mission nach innen und nach aussen. Die innere Mission hat das Ziel, die Juden zum Quell ihrer Kraft, zur Idee des Judentums zurückzuführen. Das einem grossen Teil der Juden unbewusste Gefühl vom Ewigkeitswert des Judentums muss über die Bewusstseinssdiwelle ins klare Licht der Erkenntnis gehoben werden. Die Mission des Judentums muss bewusst die Quelle werden, aus der uns neue innere Kraft zuströmt, um unser Judentum nach aussen zur Geltung und Anerkennung zu bringen. Juden und Judentum müssen würdige Instrumente der Vorsehung sein. Das Wort: „Alle Juden sind Brüder" wird uns von unseren christlichen Mit- Ein gutes Buch das schönste Geschenk jjj Kommen Sie " ■ in die Buchhandlung |j W. & H. | Wollenberg Katharinenpforte 1 Telefon Hansa 29727