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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-04-01 · 8 (4.1930) · p. Seite 305

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
8 (4.1930)
Date
1930-04-01
Page
Seite 305 (sequence 5)
Language
German
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305 setzt Mauthner •den Leser in die neueste Zeit, in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts und polemisiert gegen den Antisemiten Dühring. David Pinski lässt in seinem (durch die Aufführung der „Habima" weitbekannten) Drama „Der Ewige Jude" Ahasver auf der rastlosen Suche nach dem Messias wandern. Schliesslich sei erwähnt, dass eine hebräische Zeitschrift in Lemberg den Titel trug „Hajehudi hanizchi" (Der Ewige Jude). Zusammenfassend lässt sich über die Sage vom Ewigen Juden sagen: Alle Bearbeitungen stimmen darin überein, dass sie Dichtungen der Sehnsucht sind: Sehnsucht nach Ruhe und Frieden, Sehnsucht nach dem Tode, Sehnsucht nach einem befreienden Ideal. Für die christliche Volksphantasie ist Aliasver der Vertreter des zählebigen Volkes Israel, das seine Heimat verliess, um eine ruhelose Wanderung über die ganze Erde anzutreten. Für uns Juden aber hat der Begriff des Ewigen Juden eine ganz andere Bedeutung, nämlich die des ewigen jüdischen Volkes, des „am olam," das trotz der Tempelzerstörung, trotz der Heimatlosigkeit weiter lebt und strebt, wie es der Prophet Jesajas (44, 7) ausgesprochen hat: „Und wer will verkünden und mir es ansagen und darlegen, wie ich verkündet habe, seitdem ich das Volk der Ewigkeit eingesetzt?"*) *) In der Bücherschau dieser Ausgabe sind zwei Neuerscheinungen zum Thema des Ewigen Juden angezeigt. (Schrift!) Die Mission des Judentums Von Dr. Bernhard Strauch Die in den Kriegs- und Nachkriegsjahren von jüdischer Seite gebrachten Opfer an Gut und Blut haben uns deut- | sehen Juden der erhofften Gleichstellung mit unseren christi liehen Mitbürgern um keinen Schritt näher gebracht. Mit j Kriegsende beginnend, ist vielmehr eine neue a n t i s e - j mitische Flut über uns hereingebrochen, wilder und j gehässiger denn je zuvor, die selbst vor den Gräbern nicht j Halt gemacht hat. Die alle Dämme einer feindlichen, aber i sachlich irgendwie begründeten Kritik überflutenden Schmähungen und Verleumdungen treffen uns deutsdie Juden seelisch um so empfindlicher, als wir uns bewusst sind, im Kriege unsere volle Pflicht unserem Vaterlande gegenüber getan zu haben, und wir an den Lasten aus dem Verlust des Krieges vielleicht noch schwerer tragen als der Durchschnitt unserer christlichen Mitbürger. Ist es doch der Mittelstand, dem wir nahezu ausschliesslich angehören, der unter dem Umsturz der Verhältnisse am meisten gelitten hat und leidet. Die einstmalige Wohlhabenheit der jüdischen Bevölkerung in Deutschland hat einer immer weiter vorschreitenden Verarmung Platz gemacht und die volkswirtschaftliche Tendenz der Zeit läßt auch für die Zukunft eine Besserung in der wirtschaftlichen Lage der deutschen Juden vorerst nicht erhoffen. Auf den Kummer um den Verlust der Liebsten auf Erden in den Kriegsjahren ist das Elend und die Sorge der Nachkriegsjahre gefolgt. Die deutschen Juden sehen sich mitten im schwersten Ringen um die leibliche Existenz bedrängt und bedroht von einer übelwollenden und böswilligen Mitwelt. Die Lage wird verschlimmert durch mangelnde Geschlossenheit im eignen Lager. In diesem herrscht Gleichgültigkeit der Einzelnen gegenüber dem Schicksal der Allgemeinheit i und Uneinigkeit inbezug auf die Wege zu einer besse-! ren Zukunft. Dass sich in so verzweifelter Lage Resignation j und Mut- und Hoffnungslosigkeit ausbreiten, ist zugleich; verständlich und verderblich. Verderblich deshalb, weil zu i Grunde geht, wer den Glauben an seine Zukunft aufgibt. I Die Judenheit gibt sich und ihre Zukunft erst dann selbst I auf, wenn sie ihr Judentum aufgibt. Es ist daher für unsere j Zukunft von ausschlaggebender Bedeutung, unsere S t e 1 - | lung zum Judentum zu überprüfen und die Stellung des letzteren zu den Weltproblemen zu erkennen. Der seelische und materielle Druck der Zeit stellt uns vor die Gibst Du Deinen Zehnten für den Armen? Denkst Du an die vielen, die Arbeit suchen und nicht finden? Jüdische Wohlfahrtspflege Frankfurt a. M. Lahgeslr. 30 Postscheckk. 54893 Tel. Hansa 26531 Frage: „Bietet uns heutigen Juden das Judentum edle und dauernde Werte, für die es sich lohnt unverdrossen und zukunftssicher trotz aller Verfolgungen und Zurücksetzungen in Vergangenheit und Gegenwart weiterzukämpfen oder ist es angezeigt, in Erkenntnis der Wert- und Aussichtslosigkeit unseres Kampfes resigniert unsere Waffen zu .strecken?'* Wie das Eortleben eines Organismus von seinen unverbrauchten aktiven Lebensenergien abhängig ist, so kann das Judentum allein ein aktiver, positiver Gehalt an G e g e n w a r t s - und ZukiuEts werten lebensfähig erhalten. Nur solche können uns Anregung und Kraft zur positiven Betätigung geben. Durch negative Mo t i v e wie Pietät, Tradition, gemeinsame Erinnerung an die Leiden der Vorfahren und Beschränkungen in der staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Stellung der Gegenwart oder Trotz gegen unberechtigte Unbill kann der Fortbestand des Judentums nicht gesichert werden. Diese sind von aussen bedingte, unfreie und unfruchtbare Momente und können kein selbstbewusstes, aus sich heraus bestehendes und für die Zukunft lebensstarkes Judentum begründen. Der positive Gehalt des Judentums darf auch nicht erst in der Neuzeit geschaffen und als eiu neues oder gar fremdes Element in das Judentum hineingepflanzt werden, er muss dem Judentum immanent, in der Vergangenheit vorhanden gewesen sein und in der Zukunft fortwirken. Ein kurzer Rückblick auf die geschichtliche Entwicklung des Judentums bis zur Gegenwart wird unsere Stellungnahme zu dieser lebenswichtigen Frage erleichtern. Vor Tausenden von Jahren offenbarte sich unseren Erzvätern die Erkenntnis des einzigen einen Gottes. Ihre Nachkommen wuchsen zu einem Volke heran, das von den Aegyptern geknechtet und von Moses befreit wurde. Der Volksbefreier machte sein Volk durch Erweckung des nationalen Willens zur nationalen Einheit reif und schuf ihm aus dem Glauben der Väter auf dem Fundamente des reinen Gottesglaubens die jüdische Religion. Im Lande der Verheissuug fand der Monotheismus seine nationale Stätte und wurde von den geistigen Führern, den Propheten, religiös-ethisch ausgebaut und vertieft. Der nationalen Hülle entwachsen, trat die religiöse Idee des Judentums nach dem Untergänge des Reiches unter die Völker. Durch den Niedergang der griechischen Philosophie war die damalige Welt für den wahren Gottesglauben reif geworden. Die Philosophie hatte die letzten Probleme nicht zu lösen vermocht, Vernunft und Wissen hatten versagt und dem Glauben den Weg geebnet. Die junge christliche Religion, die das Diesseits mit dem jenseits durch den Gottessohn als Mittler überbrückte, fand einen günstigen, fruchtbaren Boden. Das Christentum überspannte durch Christus die Kluft zwischen dem Einzel-Ich und dem Urgrund allen Seins und stellte dadurch die Verbindung zwischen Mensch und Gott durch den Glauben her, die das Reflektieren nicht hatte finden können. Dem unmittelbaren Verkehr zwischen Mensch und Gott, dem jüdischen Monotheismus war der damalige Kulturzustand keineswegs günstig und förderlich. Die uralte Lehre hielt zudem durch ihre strengen Ritualien wie Sabbatfeier, Speisegesetze und die Beschneidiing Proselyten fern, während die neue Lehre diese Ritualien falien lieh". Weiterhin hafteten dem Judentum noch die Eierschalen des Nationalismus an, dem Proselytenmacherei entgegenstand, während das nicht nationale Christentum mit Bekehrung*- eifer auftrat. Zur Macht gelangt, wurde die christliche Religion aus der Tochter eine Feindin der jüdischen Mutterreligion, ebenso wie später die gleichfalls aus der jüdischen Religion hervorgegangene Mohammeds. Die nachfolgenden Jahrhunderte hindurch bis zur Gegenwart hatte sich die Idee des jüdischen Monotheismus gegen die die Kulturwelt beherrschenden Tochterreligionen zu erhalten. Diese hatten als Staatsreligionen die weltliche Macht als Stütze zur Seite und ein guter Teil dieser Macht wandte sich gegen die jüdische Idee und ihre Träger. Trotz schwerster Bedrückung und Verfolgung der Juden hat sich die jüdische Religion bis auf den heutigen Tag siegreich durchgesetzt. Einen unfreiwilligen Schutz lieferte die feindliche Aussenwelt den bedrängten Juden in den Ghettomauern. Diese trugen zur Konservierung des jüdischen Monotheismus bei, überzogen aber die religiös-ethische Idee des Judentums mit einer Sedimentschicht von geistigen Ablagerungen einer unfreien, dumpfen Epoche, während die Bekenner des Judentums selbst in der langen Kerkerhaft des Ghettos Schaden an Seele und Leib erlitten. Eine aufgeklärtere Zeit, für die Glaubenskämpfe ein überwundener Standpunkt war, befreite die Juden aus ihren Fesseln und führte sie in die Mitte der Völker. Hier galt es den Juden zunächst, sich äusserlich einzurichten, wobei ihnen der in den voraufgegangenen Jahrhunderten durch den Druck der Zeitumstände aufgezwungene Erwerbssinn zu statten kam. Die Umwelt lernte seitdem fast nur die Aussenseite, nicht

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