Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 8 (4.1930)
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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er Jesus gesdilagen habe. Audi in diesem Bericht wird ein Jude nicht erwähnt. Wie wurde aus dem Heiden der Jude? Die Erforschung der Sage vom „Ewigen Juden" war das Lebenswerk des verstorbenen Elbinger Gymnasialdirektors Dr. Leonhard Neubaur, der in fünf Schriften die Grundlage der Sage erforscht und ihre Entwicklung tmd dichterische Gestaltung aufgezeigt hat. Nach der Ansicht Neubaurs wirkte die Vxo lksphantasie bei der Ausgestaltung der Sage entscheidend mit. Wie stand es mit den Juden? Jerusalem war zerstört (9. Ab 70): die Juden waren in alle Länder zerstreut; sie lebten in Italien (Rom), Spanien, Griechenland, Deutschland. Frankreich.' Üeberall im Abendlande traf man Juden, einYolk ohne Land. Die Volksphantasie suchte nach einer Erklärung für diese Menschen, die in Tracht, Sprache, Sitten und religiösen Gebräudien so ganz anders waren als die Urbewohner. Allmählich wandelte sich in der judenfeindlidien Volksphantasie des Mittelalters die Gestalt des Cartaphilus, des römisdi-heidnisdien Türhüters und die des Buttadeus in einen Juden. Cartaphilus und Buttadeus waren vergessen; im Volke erzählte man: Ein Jude habe Jesus gesdilagen. Dieser Römer Cartaphilus ist also — nach Neubaurs Zeugnis — „das Urbild des Ewigen Juden". Aus der Person, die von Jesus verurteilt wurde, ewig zu wandern, ist im Mittelalter ein Jude geworden. So hatte sidi die „Sage vom Ewigen Juden" gebildet und lebte in dieser Gestalt (jetzt Jude statt Heide) bis zum 17. Jahrhundert fort. Zu Beginn des 17. Jahrhundert taudit die Sage im neuen Gewände auf. Alles, was man über den „Ewigen Juden" zusammenfabelte, wurde im Jahre 1602 gedruckt im „Volksbuch vom Ewigen Jude n". In diesem Budie erzählt der ungenannte Verfasser folgendes: Der Bischof von Schleswig habe im Jahre 1542 gelegentlich einer Predigt den Ewigen Juden in einer Kirche kennen gelernt: es sei eine lange, hagere Gestalt gewesen, bekleidet mit dürftigem Rocke, zerfetzten Hosen, fadensdieinigem Mantel. Auf sein Befragen habe er sich für einen Schuhmacher aus Jerusalem, namens Ahasver, ausgegeben, der ihm die Gesdiidite seiner mehr denn tausendjährigen Wanderung erzählte. — Von diesem „Volksbuche vom Ewigen Juden" hat Neubaur vom Jahre 1602 bis etwa 1800 70 Ausgaben nachgewiesen. In diesen 200 Jahren fehlt es von nun an auch nidit an Personen, die den ewigen Juden mit eigenen Augen gesehen haben wollen. In Leipzig erschien er 1642 als ein „abgelebter und eisgrauer Mann vor den Türen, indem er die Leute um Brot ansprach und vorgab, er sei ein geborener Jude und mit bei Christi Leiden gewesen und müsse bis an den jüngsten Tag herumgehen." Aus Frankfurt erzählt man folgendes: Dort soll der „Ewige Jude" um 1750 herum in sehr abgerissener Tracht aufgelaudit sein und auf der Messe mit dem Trödler um den Preis eines Rockes gefeilscht haben; als Preis habe er ihm sdiliesslich eine Goldmünze mit dem Bildnis des Kaisers Tiberius gereicht. Als der Trödler ihn fragte, ob er der ewige Jude sei, da sei der Mann plötzlidi versdiwunden. Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, regte sich audidie Zweifelssucht, und es erschienen zahlreidie Streitschriften für und gegen die Existenz des „Ewigen Juden". Man legte der Sage auch eine sinnbildlidie Deutung unter: unter Aliasverus sei nicht eine einzelne Person, sondern das ganze in aller Welt zerstreute jüdische Volk zu verstellen. So urteilt der christliche Rektor Johann Jakob Sc hu dt in seinen „Jüdischen Merkwürdigkeiten": „Der umherlaufende Jude ist nicht eine einzelne Person sondern das ganze jüdische, in alle Welt zerstreute, umherstredfende, bis an den jüngsten Tag bleibende Volk", Der nadi der Aussage von Augenzeugen in vielen Städten erschienene Aliasverus „sei ein im Kopf verwirrter Mensch oder ein sdieinheiliger Betrüger". Von Deutschland verbreitete sich die Sage nach Frankreich, audi dort schuf die Volksphantasie ein Volksbuch: ..Histoire admirable du Juif-Errant". In Belgien, wo der „Ewige Jude" den Namen Josef Lakedem führt,- soll er das Geheimnis besessen haben, alte Frauen wieder jung zu machen. In England erzählt er, dass er zur Zeit Neros in Rom gewesen sei. In Dänemark, Jütland, Italien und Sizilien lebt die Volkssage. In der schwedisdien Sage geht er barfuss und trägt seine Stiefel auf einem Stabe über dem Rücken, um dadurdi Ersparnisse zu machen. In Spanien, wo er den Namen Juan Espera en Dios führt, wird er mit einem brennenden Kreuze auf der Stirn dargestellt. Das Kreuz verzehrt sein Gehirn beständig, kann es aber nidit vernichten, da es immer wieder wächst. Als Amerika entdeckt wird, wandert die Sage über den grossen Teich; sie erzählt, dass Ahasver 1868 in Salt Lake City erschienen sei und dort mit einem Mormonen gesprochen habe. Die Legende vom Ewigen Juden ist also keine Lokal¬ oder Ortssage (wie etwa die Sage von der Loreley, der Rosstrappe, Rübezahl oder dem Kyffhäuser), sondern eine internationale oder kosmopolitisdie Sage, die Gemeingut der ganzen gebildeten Menschheit geworden ist und die einen tiefen Sinn in sidi birgt, nämlich: die Tragödie* der Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes. Dies haben tief und ersdiütternd gefühlt und empfanden' deutsdie Dichter, Christen; sie haben den Stoff aufgegriffen- und dichterisdi gestaltet (Der jüdische Lehrer Morftr M eye r-Mündien hat 600 Nummern von Schriften, die das; Aliasverus-Thema behandeln, gesammelt). Ernst und nadihaltig besdiäftigte sich Goethe mit dem Problem des „Ewigen Juden". In „Wahrheit und Dichtung" (5, 15) schreibt er: „Die Gesdiidite des Ewigen Juden, die ich in meiner frühesten Kindheit hörte, hat sidi tief in meinem Gedächtnis eingeprägt. Weil nun aber alles, was' ich mit Liebe in mich aufnahm, sich sogleich zu einer dichterischen Form anlegte, so ergriff ich den wunderlichen! Einfall, die Gesdiidite des Ewigen Juden, die sich schon; früh durdi die Volksbüdier bei mir eingedrückt hatte, episch' zu behandeln". Goethe sdiildert dann ausführlich, wie er sich den Inhalt seines Dichtwerkes denkt. Die Gestalt einest Dresdner Schusters, den er kennen gelernt hatte, sollte ihnr für seinen Ahasver als Vorbild dienen. Der Plan ist nicht zur Ausführung gekommen; jedoch hat Goethe Einfluss auf andere Ahasver-Diditer ausgeübt. Schubart, Schillers Landsmann, entwirft in seinem erschütternden, leidenschaftlidien Gedichte „Der Ewige Jude" (1783) ein ebenso furchtbares wie erhabenes Bild. Der Dichter sdiildert die Qual desNiditsterbenkönnens. Chamis so, der Vielumhergetriebene, Vielgereiste und Vielgewanderte, der von Heimweh Gequälte („Schloss Boncourt") und sich heimatlos Fühlende griff vor 100 Jahren (1828) die Sage auf und verarbeitete sie in dem Gedichte „Der neue Ahasver". L e n a ur dem Schwermütigen und ruhelos Geächteten, war der „Ewige Jude" eine anziehende Figur. In seinem Gedichte „Der Ewige Jude" stellt er Ahasver, der den Fluch, irdischer Unsterblichkeit mit sidi herumträgt, in sdiauerlidier Grösse dar. Julius Mosen aus dem sächsischen Vogtland (Plauen) sdireibt in seinen Jugenderinnerungen: „Die Sage vom Ewigen Juden ist mit meinen frühesten Kindheitserinnerungen verwebt. Ich war fast noch ein Kind, als sieh in meinem Geburtsorte das Gerücht verbreitete, dass der Ewige Jude durch das Dorf gegangen wäre. Ein abergläubischer Schäfer wollte mit ihm gesprochen haben." Seitdem trug er die Sage im Herzen, und diese Jugenderinnerung verfolgte ihn bis zu ihrer poetischen Verwirklichung in seiner philosophischen Dichtung: „Ahasver". (1858). Sechs Jahre nadi dem Ersdieinen des Mosenschen „Ahasver" erregte der Franzose Eugene Sue mit seinem zehnbändigen Roman „Le juif enant" die Aufmerksamkeit der deutschen, französischen, ja der ganzen zivilisierten Leserwelt. In diesem Buche erscheint auch ein weiblicher Ahasver, eine ewige Jüdin. Beide, Ewiger Jude und Ewige Jüdin, treffen sidi alle hundert Jahre am Nordpol und heben flehend ihre Arme zum Himmel. Schliesslich sei aus der grossen Zahl der Ahasverdiditungen nodi das Epos des Oestreichers H a m e r 1 i n g „Ahasver in Rom" (1S65) erwähnt. Sein Antlitz ist gespensterhaft: „so grau, verwittert, fahl, starr und beinern, wie eines modernden Egypterkönigs. der seinem Pyramidengrab entstiegen, worin er ein Jahrtausend geruht. „Für Hamerling ist Ahasver das Spiegelbild der stets lebenden, strebenden, qualvoll ringenden, ruhesehnsüchtigen. jedoch niemals Ruhe findenden Menschheit." — Haben Juden die Sage vom Ewigen Juden behandelt? Bedeutende jüdische Dichter haben eher ihrer Sehnsucht nadi Zion Ausdrude verliehen: der Ahasverstoff „lag" ihnen nicht. Daher sind von jüdischer Seite keine grossen Leistungen aufzuweisen. Berthold Auerbach lässt in seinem Romane „Spinoza, ein Denkerleben" (1837) zum Schluss die sagenhafte Gestalt des Ewigen Juden auftreten. Dem aus der Judengemeinde ausgestossenen Spinoza erscheint im Traum Ahasver und verkündet ihm, dass er Spinoza zum Heile der Menschheit geboren sei, und dass er auch ihn Ahasver, erlösen werde. Auerbadi lässt Ahasver sterben: „Und der Ewige Jude beugte sich über den schlafenden Spinoza und küsste ihn; es war der Kuss des sterbenden Ahasver . . Seligmann Heller, ein österreichischer Jude, versudit in einer weitläufigen Dichtung, dem philosophischen Epos „Die Wanderung des Ahasver" (1866) nachzuweisen, dass Ahasver erst dann zur Ruhe kommen werde, wenn die Menschheit ihren kulturellen Höhepunkt erlangt haben werde. In Fritz Mauthners Roman „Der neue Ahasver" (1881) legt sich Ahasver nach der Nacht vom 4. auf den 5. August 1789 beglückt ins Grab und glaubt, er wäre tot. Plötzlidi aber taudit das Gespenst des" Ewigen Juden wieder auf; und in der Gestalt des „Neuen Ahasver" als der Verkörperung des gehetzten, jüdischen Volkes, ver-