Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 8 (4.1930)
- Date
- 1930-04-01
- Page
- Seite 303 (sequence 3)
- Language
- German
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303 legt, zu übertreiben und zu überspannen. Und sie unterliegt ihr umso eher, als eine solche Gegenüberstellung stilistisch immer wirksam bleibt. Ob nicht aber auch die positive Forderung, die das N.T. hier aufstellt, oft darum so spurlos verhallt ist, weil sie die hohen und edlen Gedanken des Judentums noch übertreffen wollte? Jedenfalls hat sie im allgemeinen eine tiefere Wirkung nicht zu üben vermocht. Ja, indem sich die Lehre von der überirdischen Güte und Milde selbst als ein Gegenbild zu der alten darstellt, hat sie in Verbindung mit den anderen Angriffen der Bergpredigt und mit den Berichten über die Kreuzigung Jesu durch die Juden, gewiss gegen ihre Absicht, häufig genug dazu beigetragen, neue Vorurteile gegen das Judentum zu schaffen und durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder von neuem zu befestigen. Ist es schon wahrhaft ergreifend, wenn unsere Heilige Schrift lehrt: „und Ihr sollt den Fremdling lieben" und „Du sollst ihn lieben wie Dich selbst" und „Du sollst ihn nicht bedrücken, denn Ihr kennt ja die Seele des Fremdlings" (5. B. M. 1019 und 2. B. M. 23 8), und wenn eben dieselbe Bibel einschärft: „Verabscheue nicht den Aegypter, denn ein Fremdling warst Du in seinem Lande" (5 B. M. 23 8), so hat das Judentum wie in vielen anderen Punkten, so auch dem Feinde gegenüber, das natürliche Empfinden nicht umgekehrt und vernichtet, sondern zu reinigen und zu adeln gewusst. Die ganze Eigenart des Judentums aber spricht sich darin aus, dass es nie bei dem blossen Worte stehen bleibt. Eindringlicher als durch irgend ein Wort spricht der fromme Brauch zu uns. In den Tagen unserer Befreiung und Erlösung, an denen die uns verfolgenden Aegypter einst den Untergang fanden, senken wir gleichsam Tag für Tag für eine Weile still die Fahne in wehmütiger Ehrfurcht vor dem Tod unserer Feinde. Gibt es eine sinnfälligere und einprägsamere Erläuterung zu dem Spruch: „W enn dein Feind fällt, freue dich nicht? —" Auszug aus Aegypten Von Hans Sternlieim So sengend lag Aegyptens Sonne nie auf Mensch und Tier Wie an dem Tag, da Israel das Land der Knechtschaft Zukunftsfroh verließ. Viel tausend Wagen, Männer, Frauen, Kinder, Ziehn mühsam durch den ausgedörrten Sand Ins Reich der Freiheit und der Menschenwürde. Erhobnen Auges schleppt der Greis sich fort Gestützt vom Sohn mit arbeitsharten Händen — Die Mutter drückt den Säugling an die Brust Und freudig lallt das Kind im Glockenton Des strömenden Getiers. . . Unendlich ist der Zug, unendlich ist die Freude, Ein einziges Gebet, ein gotterfülltes Heute Schwingt in den Seelen aller, die da ziehn. . . Frei! Frei! Frei! Nun atmet, Lungen, dieser Freiheit Wonnen, Ihr Glieder reckt euch in der Wandrung Kraft, Ihr Augen strahlt im Freudeglanz der Sonnen — Frei seid ihr, frei, durch Gott, der Wunder schafft! O eile, Fuß, wirf ab die harte Fron, Trag hin ein Volk, das sich der Herr erwählt, Nun halte, Arm, was Gott dir gab zum Lohn — Ihr Brüder, von der Arbeitslast zerquält, Stimmt an dem Ewigen ein Lied Denn ihr seid frei! Unübersehbar wälzt der Zug sich durch die Lande — Und Moses zieht voran. Der Hüter seines Volks Zeigt treu, den Weg durch Sonnenbrand Und windumtoste Nächte. Er schreitet wie von Gottes Hand getragen, Auf seiner Stirne flammt der Wille Israels. Noch ferne ist der Wandrer Feierstunde, Da auch vom Geiste ihre Fesseln gleiten. Doch wie sie durch Aegyptens Wüsten schreiten, Wirkt Jeder Schritt am heiligen Gottesbunde. Der Ewige Jude in Sage und Dichtung Von Dp. Paul Michaelis (Berlin) Besteht ein Zusammenhang zwischen der Sage vom „Ewigen Juden", dem rastlosen Wanderer auf Erden, und dem gewaltigsten Trauertage in der jüdischen Geschichte, dem Tage der Zerstörung des zweiten Tempels (9. Ab)? Ist die Sage von Ahasverus dem „Ewigen Juden" vielleicht unmittelbar nach der Tempelze r Störung entstanden, etwa als Zeichen und Beweis für die Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes, das in alle vier Enden der damals bekannten Welt zerstreut wurde? Welches ist der Ursprung der Sage vom „Ewigen Juden", die 300 Ahasver-Dichtungen in der Literatur der Völker geschaffen hat, so dass sie mit Recht „die Königin aller Sagen" genannt werden kann? Die folgende kulturgeschichtliche und literarische Untersuchung über die Entstehung der Sage will zu zeigen versuchen, dass die Legende vom „Ewigen Juden" ursprünglich garnichts mit der Erinnerung an die Tempelzerstörung zu tun hat, ja, dass mehr denn tausend Jahre seit jenem furchtbaren 9. Ab vergehen mussten, bis die Sage jene Gestalt annahm, in der sie heute in der ganzen gebildeten Kulturwelt bekannt ist. Wenn wir nach dem Ursprung der Sage fragen, so könnte man vielleicht das Neue Testament um Rat fragen; doch in den vier Evangelien findet sich nicht die geringste Spur. Der spätere Beiname, den der ,.Ewige Jude" trägt, Ahasver, lässt darauf schliessen. dass der unbekannte Verfasser der Sage das Judentum nidit gekannt hat, die Sage also nicht jüdischen Ursprungs ist; denn der Name Ahasver, der im jüdischen Schrifttum nur einmal — in der Megillat Esther — vorkommt und einem Perserkönig beigelegt wird, lebt im Judentum in trüber Erinnerung. Weder im Alten noch im Neuen Testament findet man den Ursprung der Sage. Das älteste, bis jetzt nachweisbare Zeugnis über das Urbild des „Ewigen Juden" liefert das Werk eines englischen Möndies, betitelt „Flores Historiaru m", aus dem Jahre 1235. Darin schildert der Mönch in echt mittelalterlicher Weise die Ereignisse von der Schöpfung bis zum Jahre 1235 und berichtet folgendes: Jesus wird nach seinem Verhör vor Pilatus von den Römern aus dem Gerichtsgebäude geführt. Als er aus dem Hause heraustrat, hat der römisch-heidnische Türhüter Cartaphilus ihm einen Schlag in den Nacken gegeben mit den Worten: „Vade Jesus, citius vade; quid moraris?" (Geh doch schneller, Jesus: was zögerst du?). Darauf habe Jesus den römischen Türhüter traurig angesehen und gesprochen: „Ego vado et expectabis donec veniam" („Ich gehe, du aber sollst warten, bis ich komme"). Und so wartet der römisch-heidnische Türhüter nach dem Worte Jesus und lebt — so erzählt der Mönch — seitdem in Armut und Elend. Sooft er das 100. Jahr erreicht, kommt er wieder in das Alter zurück, als er Jesus beschimpfte. — Dies ist die Erzählung des englischen Mönches aus dem Jahre 1235 von dem römischen Türhüter. Vom Juden ist keine Rede. In ähnlicher Weise berichtet ein italienischer Astrologe den Vorgang. In einer im Jahre 1267 verfassten Broschüre berichtet er von Personen, die lange gelebt haben. Er erzählt, es gäbe noch einen Zeitgenossen Christi, der J o - hannes Buttadeus heisse und ewig leben müsse, weil