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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-04-01 · 8 (4.1930) · p. Seite 302

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
8 (4.1930)
Date
1930-04-01
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
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Juden geworden ist? Und. wer kennt nicht jene berühmte Erzählung von Beruria, der Gattin des Rabbi Meir (Berachoth 10a)! Als er einmal unter dem harten Drude der Stunde den Untergang seiner Feinde erflehte, wies sie ihn hin auf das Wort des Psalmisten: ..Die Sünden mögen weggetilgt werden von der Erde, und die Frevler nicht mehr sein" (10435). Bete, sprach sie, dass die Sünden verschwinden; dann wird es sich von selbst ergeben, dass die Frevler nicht mehr sein werden. Auch die genannten christlichen Gelehrten können übrigens nicht daran vorübergehen, dass Rabbi Josia (Mechilta zu 2. B. M. 254) ausdrücklich erklärt, dass bei dem Feind, von dessen Tier die angeführte Pentateuchstelle spricht, an einen Heiden gedacht ist. Sie können aber die Bemerkung nicht unterdrücken, dass auch dieser Satz die Synagoge nicht veranlasst habe, die Forderung der Feindesliebe grundsätzlich auszusprechen. Doch in den gelehrten Auszügen, die die erwähnten Forscher zu jedem einzelnen Vers der Bergpredigt aus der rabbinischen Literatur zusammentragen, fehlen z. T. die schönsten und die bezeichnendsten Stellen. Und eben sie sind der Anlass, dass wir gerade gelegentlich des Pessachfestes von der Stellung des Judentums zur Feindesliebe sprechen. Als die Aegypter ins Aleer sanken, erzählt der Talmud, (Megilla 10 b, Sanhedrin 59 b u. a. O.) wollten die Engel ein Lied anstimmen. Gott aber sprach: Meiner Hände Werk sank ins Meer, und ihr wolltet ein Lied anstimmen? Da verstummte der Gesang der Engel. Man wird einwenden: das sind gewiss innige und wahrhaft fromme Worte; doch das ist eine Stimme von vielen. Nein, diese Stimme übertönt alle anderen. Sie allein kommt zu einem unvergänglichen Ausdruck in dem gottesdienstlichen Ritual unseres Festes. In jubelnden Akkorden erklingen ungekürzt die Hallel-Psalmen an allen Wallfahrtsfesten. Nur an den Mittelfeiertagen und an den letzten Tagen des Pessach, die dem Gedenken an den Zug Israels durch das Schilfmeer gewidmet sind, werden zwei jener Psalmen nicht gebetet. Wir feiern clas Fest des Sieges. Doch in den Becher der jubelnden Freude fällt eine Träne. Sie gilt dem Gedenken an den Untergang des Feindes. Ohne diesen Untergang war der Sieg nicht möglich. Aber auch die Feinde waren Menschen, wie wir es sind. So sehr auch sonst in manchem Betracht die gottesdienstliehen Bräuche der einzelnen Länder von einander abweichen, in diesem Punkt ist keine Verschiedenheit zu verzeichnen. Ist das nicht auch eine Lehre der Synagoge über die Feindesliebe? Und gibt es eine, die deutlicher zu den Herzen spräche? Die massgebenden Erklärer des Gesetzes, unter ihnen kein geringerer als R. Josef Karo, der Verfasser des Sehulckan Arnrh. dürfen sich auf den Midrasch Harninu berufen (Beiii Josef zu Tur O. Ch. Kap. 490), wenn sie jene gottesdienstliche Bestimmung in Verbindung bringen mit der angeführten Erzählung. Und der genannte Midrasch weist in diesem Zusammenhang hin auf das oben -angeführte Schriftwort: Wenn dein Feind fällt, freue dich nicht, und wenn er strauchelt, frohlocke nicht deine Seele. Eine andere Schrifterklärung atmet denselben Geist. Im 2. Buch der Chronik 20 21 ist zu lesen: Beim Auszug vor den Bewaffneten sollen sie sprechen: Danket dem Herrn, denn ewig währet seine Gnade. Warum, fragt R. Jonathan (Megilla und Sanhedrin a. a. O.). heisst es nicht wie sonst in diesem Dankgebet: Danket dem Herrn, „denn er. ist gütig"? Weil sich Gott über den Fall der Gottlosen nicht freut. Ganz ähnlich ist die Auslegung, die I. Kön. 22 36 im jerasalemitischen Talmud, Traktat Sanhedrin zu Ende des 4. Abschnittes erfährt. Vor allem aber sei eine viel zu wenig gekannte Stelle herausgehoben, die wiederum von Pessach handelt. Sie möge zugleich eine Vorstellung von der unübertrefflichen Art geben, mit der die Meister des Gesetzes edelste Empfindungen aus dem Wort der Schrift herauszulesen und für das religiöse Leben zu verwerten wissen. Dreimal, so meinen sie, (Pesikta ed. S. Buber S. 195 und Jalkut zum 5. B. M. Kap. 654), findet sich das Gebot „Freue dich" beim Hüttenfeste: du sollst dich freuen an deinem Feste. „Nur freue dich", .,und freut euch vor dem Ewigen, eurem Gott" (5. B. M. 16,14, 5. B. M/25,40, 2. B. M. 24,l7). Nirgends aber findet sich das Wort „Freue dich" beim Pessachf este. Und warum? Weil in jenen Tagen die Aegypter gestorben sind. Der Midrasch fügt ausdrücklich an: So findest du es denn, dass man Hallel am Hüttenfeste betet; aber am Pessach liest man es nur am ersten Abend und Tag des Festes, denn so heisst es: „Wenn dein Feind fällt, freue dich nicht, und wenn er strauchelt, frohlocke nicht deine Seele". E. Baneth bringt, in seinem schönen Vortrag über den Seder eine Erklärung, die deutlich macht, wie tief die hier dargestellte Auffassung mit der Seele Israels verwachsen ist. Nach einer, wenn auch vergleichsweise nicht alten, so doch weit verbreiteten Sitte wird an den Sederabenden bei der Aufzählung der zehn Plagen, bei der Nennung jeder einzelnen Plage je ein Tropfen aus dem Becher entfernt. Mir wurde das, schreibt Baneth, als ich noch ein Knabe war, damit erklärt, dass der Wein das Sinnbild der Freude ist, durch jede Plage aber, die unsere Peiniger unseretwegen erleiden mussten, die Freude über die eigene Befreiung vermindert wird. Und er fährt fort: Ob diese Erklärung auf geschichtliche Wahrheit Anspruch machen darf, mag dahin gestellt bleiben. Die dichterische Wahrheit muss man ihr entschieden zuerkennen. Sie ist Geist vom Geiste des Judentums. Gerhard Kittel, der im übrigen das Bestreben hat, dem Judentum gerecht zu werden, hält in seinem Buche „Die Probleme des palästinischen Spätjudentums und das Urchristentum" für bezeichnend, dass die rabbinischen Ausleger zu dem Spruch: „Wenn dein Feind hungert, gib ihm Brot zu essen" so wenig zu sagen wissen. Als ob ein so eindeutiges Gebot noch einer besonderen Auslegung bedürfte! Verwunderlicher noch ist es, wenn er fortfährt: „Fast alles, was sie bringen . . . geht in die Allegorie hinüber und bricht damit der konkreten Forderung die Spitze ab." Als ob die sinnbildliche Auslegung des Midrasch jemals die buchstäbliche ausser Kraft zu setzen beabsichtigte! Eine solche Verkennung des Geistes der rabbinischen Literatur hätte man dem sonst so gediegenen Gelehrten kaum zugetraut. Weder bei ihm noch bei Strack-Billerbeck ist aber die hier mitgeteilte rabbinisch'e Erklärung des Schriftverses „Wenn dein Feind fällt, freue dich nicht!", zu lesen. Allerdings auch nicht in dem verdienstlichen Werke „Die Lehren des Judentums", das der Verband der deutschen Juden herausgegeben hat. Was aneint nun aber jener Angriff der Bergpredigt, von dem wir ausgegangen sind?Bricht er nicht in sielt selbst zusammen angesichts der klaren Aussagen unseres Schrifttums? Ihn zu deuten, ist nach dem hier Dargelegten nicht mehr unsere Aufgabe. Das wahrscheinlichste aber ist, dass er von Hause aus nur ein rhetorisch kräftiger Ausdruck für den Gedanken sein will, dass das Judentum kein besonderes Gebot der Feindesliebe kennt. Man weiss ja, wie sehr die Redeform der Antithese, so geeignet sie sein mag, gegensätzliche Auffassungen schnell und klar anschaulich zu machen, eben darum auch'die Versuchung nahe-

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