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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-03-01 · 7 (3.1930) · p. Seite 283

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
7 (3.1930)
Date
1930-03-01
Page
Seite 283 (sequence 31)
Language
German
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283 teren Inhalt seien vor allem die Abschnitte über die Gemeinschaft (S. 24 ff.) und den Gesamtunterricht (S. 28 ff.) hervorgehoben, weil sie einen guten Einblick in die menschliche und pädagogische Grundhaltung des an verantwortungsreicher Stelle wirkenden Schulmannes gestatten. Eine prinzipielle Auseinandersetzung, die hier nicht möglich ist, würde vielleicht an die Tatsache anknüpfen, dass die meisten Menschen, trotz der vermissten Schuifreude, in der Kindheit von Lernfreude erfüllt sind und im Alter dem „olim meminisse juvabit" auch und gerade für die Schulzeit sein Recht lassen. Aber auch wer den Begriff „Kulturfreude" nicht als Bereicherung der deutschen Sprache empfindet und vielleicht sogar die These von der Schule als Abbild der Familie für anfechtbar hält, wird dem Verfasser die schönste Anerkennung nicht versagen,, dass nämlich seine Ausführungen nicht nur zum Widerspruch, sondern auch zum Weiterdenken anregen und gewiss auch von den Fachleuten als wertvolle Bereicherung ihrer Literatur betrachtet werden. Auf den Direktor folgt der Senior der Philanthropin-Lehrer, Max Levy, mit einer ganz kurzen Darstellung „Die Philosophie als Linter richtsgegenstand". Vielleicht ist schon die Kürze seiner sympathischen und von gesunder Selbstkritik zeugenden Ausführungen ein Zeichen richtiger Einstellung zu einer Aufgabe, deren Dimensionen für die zur Verfügung stehende Zeit zu gewaltig sind, als dass ein brauchbares Ergebnis erwartet werden kann: auf der einen Seite das ungeheure Gebiet der Philosophiegeschichte, auf der anderen der als menschliches Erlebnis ebenso ungeheure Drang des heranwachsenden Menschen nach Einsicht in die letzten Dinge. So bescheidet sich denn der Verfasser für den Lehrplau mit einem „juste milieu", in dem um der geistigen Zusammenhänge willen hoüentlich auch die nicht erwähnten jüdischen Philosophen und Ethiker zu Wort kommen, um dann im Religionsunterricht eingehender besprochen zu werden. Man könnte sogar die Frage aufwerfen, ob nicht in der Bekenntnisschule die philosophische Propädeutik organischerweise in den Religionsunterricht einzugliedern wäre. „Unterrichtliche Probleme im heutigen England, nach persönlichen Eindrücken" behandelt Julius Plaut. Der als Ergebnis einer Studienreise anzusehende Bericht erhebt nicht den Anspruch einer vollständigen Uebersicht, gewährt jedoch wegen seiner sehr persönlichen und lebendigen Haltung einen guten Einblick in das vom deutschen so grundverschiedene englische Schulwesen. Besonders berücksichtigt wird der fremdsprachliche Unterricht. (Warum übrigens ,jdie Board"'') Vielleicht hätte die boarding-school, gerade weil sie in Deutschland fast unbekannt ist, besondere Berücksichtigung verdient, zumal sie eine Vorstufe der ebenfalls für England sehr charakteristischen college-Organisation darstellt und für die vom Verfasser mit Recht hervorgehobene, von Herbert Spencer so eindringlich geforderte Charakterbildung als Unterriditsaufgabe von wesentlicher Bedeutung ist. Denen unter den Lesern, die sich für den äusseren Aufbau des Philanthropins interessieren, sei der Abschnitt über die grosse jüdische Freischule in London zu besonderer Beaditung empfohlen. Mit dem Beitrag von Henry Philipp über „Künstlerische Gestaltung der geschichtlichen Teile des jüdischen Religionsunterrichts" wird an eine der wichtigsten Aufgaben des Religionsunterrichts gerührt. Es ist kein Zweifel, dass manche biblischen Erzählungen so sehr mit dramatischer Spannung geladen sind, dass sie zu entsprechendem Ausdruck drängen. Die alten Josefgeschichten und Purimspiele sind die besten Beweise hierfür. Immerhin kann es fraglich erscheinen, ob mit der „künstlerischen" Durchdringung des Stoffes — an sich, wie Verf. mit Recht bemerkt, Aufgabe der Jugendliteratur — die historische Erzählung, zumal wenn sich der Lehrer das Recht freier Hinzufügungen nimmt, nicht auf eine falsche Ebene gestellt wird. Die grosse Gefahr liegt hier darin, dass die gesetzlichen Teile der Bibel zugunsten der historischen schon im Unterricht und ganz gewiss in der späteren Erinnerung zurücktreten. Hier könnte ein Ausweichen vor der schwierigeren Aufgabe gefährlich werden. Unsere Alten haben wohl gewusst, warum sie an den Anfang des Bibelunterrichts das Buch Wajikra gestellt haben. Die Ideen des Verfassers erläutert eine als Beispiel angefügte dramatische Szene „Salomon Molcho in Rom". Der Beitrag „Die griechische und römische Religion im Unterricht des Philanthropins" von Ernst Marbach ist im guten Sinn wissenschaftlich und wegen seiner humanistischen Durchdringung des Stoffes besonders erfreulich. Ein meist sehr vernachlässigtes Gebiet wird mit Recht in seiner Bedeutung für die Geistesgeschichte dargestellt, wenn auch der knappe Raum nur eben Andeutungen zuliess (z. B. auch die hübsche Anmerkung auf S. 80). Auf ganz neuzeitliches Gebiet führt Max Seelig mit seinem Aufsatz j „Wie die Frauenschule des Philanthropins j zur sozialen Arbeit erzieh t". Er beschreibt eingehend, in welcher Weise er seinen Frauenschülerinnen die! Theorie und Praxis der sozialen Fürsorge nahezubringen | versucht. Hoffentlich gelingt es ihm, Erfolge im Sinn seines j schonen Goethe-Zitates zu erzielen. Ueber ein Gebiet, auf j dem er seibst verdienstvoll tätig ist, berichtet E.jliasj Gut in seinem Beitrag „Zur Geschichte der jüdischen! Jugendliteratur". Ausgehend von dem vor kurzem wieder entdeckten „Lesebuch für jüdische Kinder" von Moses Mendelssohn gibt er einen sehr instruktiven, wenn auch wohl nicht lückenlosen Ueberblick über eine Entwicklung, die vor 150 Jahren einsetzte, aber doch erst seit den dreissiger Jahren des 19. Jahrhunderts stärkere Antriebe erhielt. Audi der mit der Materie einigermassen Vertraute ist überrascht über die Fülle dieser literarisdien Erscheinungen aus allen Lagern des deutsdien Judentums. (S. 98 muss es wohl Isak Unna heissen). Einen verhältnismässig grossen Anteil hieran hat gerade auch der Kreis des Philanthropins. Erstaunlich ist übrigens, wie verhältnismässig gering die Zahl der selbständigen jüdisdien Erzählungen ist, und wie immer wieder auf den alten „Born Judas" zurückgeg rillen werden muss. Auf ein immer nodi umstrittenes Gebiet führt J. [o sef 1 B. [enjaminj Levy mit seinem Beitrag „D ie hebräische Grammatik als Stütze grammatisch-logischer Ausbildung amPhilanthropin". Der als Pädagoge seit Jahrzehnten; gesdiätzte Verfasser stellt unter Zugrundelegung eigener Sdiriften seine Unterriditsmethode dar, die man vielleicht als ein Kompromiss zwisdien der reinen Uebersetzungs- und der reinen Spradi-Methode ansehen kann. Sehr zu begrüssen ist es, dass er dabei stets das aufsdilussreidie Mittel der Sprachvergleidiung anwendet. Auch Franz Rosenzweig hat, solange er hebrüisdt lehren konnte, sidi stets dieser Methode bedient und sie sogar bis zum Scherz vorgetrieben, wenn er z. ß. das hebräisdie „psdiat" mit dem deutsdien „Besdieid" in Beziehung setzte. Eugen Stern beridilet knapp und sadüich über den von ihm erteilten „Wirtschaftswissenschaftlichen Unterricht am P h i 1 a n t h r o p i n", ein heute mehr denn je widitiges Stoffgebiet, das, wie es sdieint, am Philanthropin stets besonders gepflegt wurde. „Ein neues Lied, ein besseres Lied", um es mit Heine zu sagen, ist der von Max Salomon gesdiiekt eingeleitete Reisebericht „Zum Bildungswert einer Studienfahrt". Sieben Obersekundaner, zu denen sich eine offenbar unerschrockene Mitschülerin gesellte, erzählen von einer Studienfahrt die sie im Sommer 1929 nach Niederdeutsdiiand und in den Harz führte. Einige! hübsche Bilder sind beigegeben. Bemerkenswert der starke Stilunterschied bei den einzelnen Sdiülern. Die Sammlnng schliesst P. Wilhelm Maurer mit einem Aufsatz „Ueber Kunsterziehung am P h i l a n t h r o p i n", der durch vier äusserst interessante Beispiele von Schülerzeichnungen erläutert wird. Gerade weil die Ausführungen des Verfassers ein ernstes und einsichtiges Bemühen um sein Arbeitsgebiet dartun, sei darauf hingewiesen, dass seine Auffassung von der manuellen Fähigkeit des jüdischen Kindes in dieser allgemeinen Formulierung keineswegs zutrifft. Alles in allem: ein erfreulidier und lehrreicher Gang durch die soviel umkämpfte Arbeitsstätte. Aus dem Kreis des Philanthropins hat die deutsche und die jüdisdie Wissenschaft manche Förderung erfahren. Möge seinen Lehrern die Lust zur Vertiefung der Tagesarbeit stets erhalten bleiben, wenn sie auch nidit vergessen werden, dass im Sinn des in der Hebelstrasse ansdieinend besonders gesdiätzten alten Seneca die Hauptaufgabe jeder Schule und gewiss jeder jüdisdien Schule die gleiche ist wie die der Philosophie: f acere docet, non dicere! E. M. Ein Jahr Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland. Mit dem vorliegenden Heft wird der I. Jahrgang der im April 1929 zu neuem Leben erweckten Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland (Philo-Verlag, Berlin, Jahresabonnement RM. 10.—) beschlossen. Getreu dem Programm der Herausgeber, durch Veröffentlichung von Abhandlungen aus der politischen, Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte der Juden in deutschen Landen Quellenforschung und wissenschaftlich-historische Lehre zu bereichern und vor allem auch die mannigfachen Erscheinungsformen alter Verbundenheit der jüdischen Geschichte und des jüdischen Seins mti der deutschen Umwelt in wissenschaftlich einwandfreier Weise kundzutun, ist der überaus reidie Inhalt auch des 4. Heftes zusammengestellt. So führt in die Wirren des ausgehenden Mittelalters Oberbibliothekar Dr. Moritz Stern (Berlin) mit einer Arbeit über „Die Vertreibung der Juden aus Weissenburg". J. Kiefer (Worms) schafft Klarheit über die Frage

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