Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-03-01 · 7 (3.1930) · p. Seite 270

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
7 (3.1930)
Date
1930-03-01
Page
Seite 270 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3094266-3094348-3094354--2245-3096987
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

die Verpflichtung zum Unterhalt der Volksschule hat die Kommission Anträge nicht stellen können. Sie hat lediglich von den Yorstandsbeschliissen Kenntnis genommen, während sie hinsichtlich der an die Subvention der Volksschule geknüpften Bedingungen der Bildung eines eigenen Volksscbulrats und der Ernennung eines besonderen Leiters aus technischen und juristischen Erwägungen, zumal aus dem Grunde, weil der Schulrat des Philanthropins Konzessionsträger der Volksschule ist, zu einer Ablehnung hat kommen müssen. Soweit die Frage der Uebernahme des gesamten Schuiwerks auf die Gemeinde in der Kommission erörtert wurde, ergaben sich gleichfalls Bedenken finanzieller und allgemeiner Art. Zunächst war für die Entscheidung der Kommission die Befürchtung massgebend, dass bei Uebernahme auf die Gemeinde nicht nur keine Ersparnis, sondern durch die Schaffung eines neuen Eigenbetriebs höchstwahrscheinlich eine weitere Kostenerhöhung eintreten würde, die man in der gegenwärtigen Zeit unter keinen Umständen verantworten könne. Zu dieser Entscheidung führte weiterhin die Erwägung, dass bei einer Verwaltung des Schulwerks durch die Gemeinde selbst parteipolitische Gesichtspunkte nicht ausgeschaltet werden könnten, die Schule aber im Interesse ihrer gedeihlichen Entwicklung und im Interesse der sie besuchenden Kinder den Einwirkungen des Parteikampfes entzogen werden müsse. Die Frage der Vergemeindung der Schule stehe auch im Zusammenhang mit der vom Vorstand angestrebten Aenderung der Schulordnung, und es wurde aus Kreisen der Kommission mit allem Nachdruck darauf hingewiesen, dass jede Aeuderung des gegenwärtigen Zustandes zweifellos eine staatliche Einmischung mit dem Ziel der Verminderung des Einflusses der Gemeinde auf die Führung der Schule im Gefolge haben würde, ja dass damit zu rechnen wäre, dass dieser Einlluss völlig ausgeschaltet würde. Wenn auch dieser Ansicht wiederum von anderer Seite entgegengetreten wurde, so ist die Kommission trotzdem dazu gekommen, in diesem Punkte dem Vorstandsbeschluss beizutreten und die Vergemeindung der Schule abzulehnen. Das Gesamtergebnis der Kommissionsberatungen stellt sich nach Ansicht des Beriditerstatters, wenn es auch zu einer einschneidenden Aenderung nicht geführt hat, trotzdem nicht als unbefriedigend dar, insofern als es dazu führen muß, eine scharfe Prüfung der mit der Schule zusammenhängenden Ausgaben vorzunehmen, was Aufgabe der bei der Etatberatung mitwirkenden Gemeindeinstanzen sein wird. Die Kommission ist hiernach der Ansicht, dass Schliessung oder Abbau irgendwelcher Teile des , Schulwerks aus schultechnischen Gründen nicht zu verantworten, aus pädagogischen Gründen nicht erwünscht und aus finanziellen Gründen unzureichend und daher nicht zu befürworten sei und kommt somit dazu, der Gemeindevertretung die Ablehnung der entsprechenden Vorstandsbeschlüsse zu empfehlen. In der sich nunmehr anschliessenden Debatte spricht Herr Fromm für die konservative Fraktion. Die Angelegenheit ist für die Gemeinde von eminenter Bedeutung. Die konservative Fraktion steht auf dem Standpunkt, dass das Philanthropin als jüdisdie Schule so geführt und unterhalten werden muss, dass es den Bedürfnissen aller Gemeindemitglieder entspricht, und wenn eine solche jüdische Schule heute nicht vorhanden wäre, müsste sie sofort gegründet werden. Gerade in der jetzigen Zeit, in welcher die politischen Kämpfe ..........":............:; Ein gutes Buch das schönste Geschenk ■■——I^MBi fjj Kommen Sie U in die Buchhandlung I W. & H. | Wollenberg Katharinenpforte 1 Telefon Hansa 8419! auch in den Schulen eine nie gesehene Erbitterung angenom- | men haben, in welcher in einem deutschen Land es möglich geworden ist, dass ein nationalsozialistischer Kultusminister das Schulwesen leitet und es jüdischen Kindern ausserordentlich erschwert wird, sogenannte interkonfessionelle Schulen zu besuchen, ist ein jüdisches Schulwerk geradezu das Fundament der Lebensgestaltung jüdischer Kinder. Die Finanzschwierigkeiten, mit denen die Gemeinde zu kämpfen hat, werden nicht verkannt. Es wird nicht verkannt, dass das einzelne Gemeindeiiiitglied ausserordentlich grosse Opfer zu bringen und Lasten zu tragen hat. Trotzdem ist die Erhaltung einer jüdischen Schule die vornehmste und dringendste Aufgabe einer Gemeinde., widitiger noch als die Unterhaltung von Synagogen. Der Redner bedauert deshalb, dass der Vorstand dazu kommen konnte, Beschlüsse zu fassen, welche unter Uniständen zum Erliegen der Schule führen müssen. Man soll nach jüdischem Gesetz einen Baum, der mit Früchten beladen ist, nicht abhauen! Wir wissen genau, dass der Vorstandsbeschluss zum Teil herbeigeführt ist durdi das Verhalten des Schulrats. Wir wissen, dass die Zusammensetzung des Schulrats eine Majorisierung sowohl des Vorstands als auch einen Gewissenszwang auf viele die Schule besuchenden Kinder mit sich bringt, dass grosse Teile der konservativ gerichteten Gemeindemitglieder mit der heutigen Führung der Schule unzufrieden sind und dass sie es als eine Unmöglichkeit betrachten, wenn der Leiter der Schule und Mitgbeder des Lehrerkollegiums die Kinder konservativer Eltern durch ihre religiösen Anschauungen und ihre Lebensführung in Differenzen mit dem Elternhaus bringen. Es wird anerkannt, dass sich in dieser Beziehung gegen früher manches gebessert hat, 'doch ist der Weg zu dem Ziel, in dem die Konservativen eine jüdisdie Sdiule zu erreidien hoffen, noch recht weit. Wenn für die Erhaltung der Schule in der jetzigen Form gesprochen wird, so muss dabei verlangt werden, dass der Sdiulrat sich endlich dazu bequemt, in Ucbereinstimmung mit dem Vorstand zu arbeiten und es möglidi zu machen, dass die Sdiule wirklich eine Einheitsschule für alle Kreise der Gemeinde wird. Denn eine Angelegenheit, für weldie die Gemeinde einen Betrag von Mk. 560.000.— aufbringt, ist keine Sache des Schulrats, sondern eine Sache der Gemeinde. Die Sdiule solle als Gesamtschulwerk weitergeführt werden. Man soll die Oeffcntlidikeit durch Zahlen über sdieinbar sinkende Frequenz des Besudies der Oberklasscn nidit flau madien, sondern die Gesamtfrequenz, also die der Vorsdiule und des Realgymnasiums ins Auge fassen, die doch die redit stattlidie Zahl von 900 Sdiülern ergebe. Vom allgemein politischen Gesichtspunkt aus, ist es notwendig, dass die Sdiule weiter erhalten wird. Die Wünsdie der Konservativen müssen erfüllt werden. Wenn die Forderung nadi einer eigenen konservativen Volkssdiule an den finanziellen Verhältnissen zunädist gesdicitert ist, muss ein Weg gefunden werden, der die Gewähr dafür bietet, dass Verletzungen konservativer Kreise ausgesdiJossen sind. Es müssen auch Wege gefunden werden, um den Zuschussbetrag, den der Vorstand um Mk. 60.000.— herabgesetzt hat, nodi weiter zu senken. Sowohl vom pädagogisdien als auch vom gemeindepolitisdien Standpunkt aus bietet allein die Aufrediterhaltung des Gesamtschulwerks von der untersten Stufe bis zur Universitätsreife Aussidit auf den künftigen Bestand der Sdiule. Dieses Sdiulwerk erfordert von der Gemeinde schwere Opfer. Sie müssen gebradit werden, aber es müssen auch die Wünsdie der Konservativen besser erfüllt werden, nur so kann die Sdiule im wahren Sinn eine Einheitsschule werden und von Neuem aufblühen und gedeihen. Der Vorsitzende möchte den einzelnen Rednern keine Besdiränkung auferlegen, wünscht jedoch eine Diskussion über die Frage des Schulrats und seine Zusammensetzung als zur Beurteilung der vorliegenden Sache nicht in Betracht kommend, beiseite zu lassen. Namens der Fraktion der Jüdischen Volkspartei erklärt sich Herr Rechtsanwalt Simon, der hinsiditlich der prinzipiellen Stellung seiner Partei auf die früheren Erklärungen verweist, mit einem wesentlidien Teil der Kommissionsbesdüüsse nicht befriedigt, insbesondere bedauert er, dass die Kommission sich dem Angebot des Sdiulrats gegen- ' über auf Uebernahme des Philanthropins auf die Gemeinde ablehnend verhält, trotzdem nach seiner Ansidit diese Uebernahme im Interesse der Schule heilsam und notwendig sei und allein auf die Dauer den Bestand des Sdiulwerks garantiere. Selbstverständlich stehe die Fraktion zu den Abbaubcsdilüssen des Vorstands in allen Punkten in entschiedener Opposition. Sie betone darüber hinaus ihre Ansidit, dass das Philanthropin eine Gemeindeschule ist, dass die Gemeinde in Wirklidikeit die Eigentümerin des Sdiulwerks darstellt, insofern sie ihm sowohl Unterkunft als auch durdi den Zuschuss, den sie zu decken hat, die materiellen Mittel zu seiner Existenz gewährt. Wenn das so ist, so ist nicht der geringste Grund vorhanden, etwas gegen die Vergemeindung zu sagen und in der Tat sei alles, was hiergegen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.