Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 7 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
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Gleichstellung zu erklären ist. Sie hatte die ganze soziale Stellung der Juden nach außen gehoben und damit eine Neugestaltung ihres Wirtschaftslebens in Aussicht gestellt. Freilich wurde diese Hoffnung bald zerstört, und, wie oben gezeigt wurde, waren die folgenden Jahre mit steten Kämpfen um das Bürgerrecht ausgefüllt. Die beiden folgenden Ruhestadien, von 1821—26 und 1831—35, stellen einen Mittelwert von 65—75 Geborenen dar, der für die ganze Zeit von 1820 bis zu Ende der beobachteten Periode als Durchschnittswert angesehen werden kann. Ob der Tiefstand von 1827—29 mit einer Wirtschaftskrise zusammenhängt, ist nicht nachweisbar. Es muss jedoch darauf hingewiesen wei den, dass im Jahre 1829 nach Meidinger9) auch bei der nichtjüdischen Bevölkerung ein Minimum festzustellen ist. Ebenso sind die Jahre 1836—39, bei denen sich ein Steigen über den Durchschnitt zeigt, durch eine wirtschaftliche Hochkonjunktur gekennzeichnet. Das anfängliche Ansteigen nach 1834 hängt sicherlich mit der uneingeschränkten Eheschließungsmöglichkeit für Einheimische zusammen.10) Die so gefundenen absoluten Zahlen bekommen erst eine Bedeutung, wenn wir sie in Verbindung setzen mit den Bevölkerungszahlen. Auf diese Weise erst erhalten wir einen Einblick in die eigentliche Geburtenhäufigkeit. Es kann sich für uns nur darum handeln, die „allgemeinen Geburtenziffern"11) zu finden, nicht aber die ,,Fruchtbärkeitsziffern", und zwar seien hier einige dieser Relativzahlen — auf 1000 Seelen der Bevölkerung bezogen — gegeben. Als Gesamtdurchschnitt aus Tabelle A von 5658 :31 118 Kindern pro Jahr ergibt sich bei Zugrundelegung einer Durchschnittsziffer der Bevölkerung von 2850 Seelen eine Relativzahl von 41,4°/oo. Es ist dies selbst für die damalige Zeit eine ganz bedeutende Ziffer, wenn wir hören, daß Süßmilch selbst für seine „ansehnlichen" Provinzen im Osten Deutschlands den Satz 40,6°/Oo berechnet. — Bei der Betrachtung der Verhältnisse in Tabelle B stößt man auf große Schwierigkeiten, die sich aus der Unvollständigkeit und der Verschiedenartigkeit der Quellen über die Bevölkerungszahlen ergibt. Da die Geburtentabelle ein Auszug aus dem von der Israelitischen Gemeinde geführten Geburtsregister ist, muß man wohl auch zur Feststellung der Verhältniszahlen die Zahlen der Gemeindemitglieder zu Grunde legen, u. zw. sind sie oben nur gegeben für die Jahre 1817, 1847,12) 1848 und 1852. Um die Schwankungen des einzelnen Jahres auszuschalten, wird im folgenden ein Mittelwert der Geburtenzahlen unter Zuhilfenahme von ein bis zwei Jahren vor und nach der Volkszählung zu Grunde gelegt. Es ergibt sich dann13) für 1815/19 : 29,58°/oo für 1846/50 : 15,26°/oo und für 1851/2 : 20,37°/oo Diese wenigen Zahlen berechtigen zu keinen weiteren Schlüssen; sie zeigen uns nur nochmals den starken Rückgang der Jahre 1846—50, den schon die absoluten Zahlen mit ziemlicher Schärfe dargetan haben. Das Sinken der Verhältniszahlen hier., gegenüber den entsprechenden Zahlen der ersten Periode um fast die Hälfte, hängt sicherlich mit der Befreiung zusammen. In der Schrift von Oppenheim wird an einigen Stellen mit Recht darauf hingewiesen, daß sich seit diesem Zeitpunkt die Zahl der Männer ledigen Standes mehrt. ■Es müssen nun auch die Ergebnisse besprochen werden, die sich aus der Gliederung der Tabelle nachweisen lassen. Es ist in der Tabelle zu finden: 1. Eine Unterscheidung nach Geschlechtern; 2. die zwischen ehelichen und unehelichen Geburten; 3. die zwischen einfachen und Mehrlingsgeburten; 4. die zwischen Lebend- und Totgeborenen. 1. Die Unterscheidung nach Geschlechtern ergibt kein einheitliches Bild. Wir haben nicht, wie das gewöhnlich bei ») Vgl. S. 40. 10) Gesetzes- und Statutensammlung, Bd. V, S. 177. 11) Vgl. G. v. Mayr II. §§ 54—55, S. 177 ff. 12) Conrad a. a. O. S. U0. 13) Die Zahl der Gemeindemitglieder kann bei einer derartigen Berechnung wohl ohne Schaden abgerundet werden. jeder Bevölkerung der Fall ist, in allen Jahren einen Knabenüberschuß, obwohl sich in mehr als der Hälfte aller Fälle der Knabenüberschuß findet. Vielleicht kann auch hier als Grund angenommen werden, was von Bücher zitiert wurde, daß die beobachtete Masse zu klein sei. Es ergab sich aus: Tabelle A Tabelle B ein Knabenüberschuß in 23 Jahren in 28 Jahren gleiche Zahl von Knaben- und Mädchengeburten in 1 Jahr in 2 Jahren ein Mädchenüberschuß in 11 Jahren in 18 Jahren Eine Gliederung der Tabelle B14) nach Jahrfünften ergibt schon ein günstigeres Verhältnis, was noch eine Bekräftigung für die eben angegebene Begründung ist. Es zeigen sich folgende Zahlen: Jahrfünft_Knaben Mädchen 1811—15 263 262 1816—20 230 244 1821—25 190 159 1826—3015) 1831—55 164 160 187 193 1836—40 247 227 1841—45 174 168 1846—50 127 121 1851—55 213 174 Summe: 1795 1708 Nur in den beiden Jahrfünften 1816/20 und 1831/35 übertrifft die Zahl der Mädchengeburten die der Knabengeburten. Für die ganze Periode ergeben sich die Zahlen 1795 Knaben gegenüber 1708 Mädchen. Es ist das ein Knabenüberschuß von 5,09 auf je 100 Mädchengeburten, Für die Gesamtgruppe bestätigt sich also auch hier das von Süßmilch18) aufgestellte Gesetz, daß auf 100 lebendgeborene Mädchen ca. 5 Knaben mehr geboren werden. Die zweite Unterscheidung zwischen ehelichen und unehelichen Geburten konnte nur in der Tabelle B gegeben werden. Wenn hier von „unehelichen Kindern" die Rede ist, so muß von vorneherein ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß wir es hier mit einem ganz besonderen Tatbestand zu tun haben. Wie in dem Kapitel Ehestatistik dieser Arbeit zu zeigen sein wird, war in Frankfurt, wie fast in allen Städten Deutschlands, die Zahl der jüdischen Eheschließungen beschränkt Es wird dort nachgewiesen werden, daß man trotz der mehrmaligen Erneuerung des Verbotes, kirchliche Trauungen vornahm, die dann von der Behörde nicht anerkannt wurden. Kinder aus solchen verbotenen Ehen werden in den Geburtsregistern als uneheliche Kinder bezeichnet. So ist es auch nur zu verstehen, daß mit dem Jahre 1821 die Zahl der Unehelichen fast vollständig aufhört. In der Tat war nämlich die Zahl der „unehelichen Kinder" im heutigen Sinne sehr gering, worauf auch Meidinger17) ausdrücklich hinweist. Bei der dritten Unterscheidung zwischen einfachen und Mehrlingsgeburten müssen wir auf weitere Untersuchungen verzichten, vor allem wegen der geringen Zahl der Geburten überhaupt und der gewiß sehr geringen Zahl der Mehrlingsgeburten im besonderen. Es seien deshalb an dieser Stelle nur nochmals die absoluten und Relativzahlen zusammengefaßt. Es sind in der 1. Periode unter 3658 Geborenen 70 Zwillingskinder und 1 Drilling, d. h. unter 1000 Geborenen waren 19,73 Mehrlingsgeborene. Für die Zeit von 1811—55 sind bei 3828 Geborenen 83 Zwillingskinder und 1 Drilling, d. h. unter 1000 Geborenen 22,41 Mehrlingsgeborene. Die 4. Gliederung endlich war nur zum Zwecke der Vollständigkeit angegeben. Die Totgeburten sind nämlich so gering, daß ihre Zahl unberücksichtigt bleiben kann. i*) In Tabelle A lassen sich die genauen Zahlen der Knaben- und Mädchengeburten nicht feststellen, da hier das Geschlecht der Zwillingskinder nicht berücksichtigt werden konnte. Vgl. Tabelle A Anmerkung 1. 15) Die Drillinge sind nicht mitgerechnet, da kein Geschlecht angegeben ist. 16) II. Teil, S. 241. 17) S. 29. ^Kanalu. Wasserbau-GesellschaftV Bergerstr. 6 m. b. H. Bergerstr. 6 sorgt für Instandhaltung der Kanal- und Wasserleitungs-Anlagen. Carolus 43537/38]