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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-03-01 · 7 (3.1930) · p. Seite 261

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
7 (3.1930)
Date
1930-03-01
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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der Schöpfung, dass jeder Baum sein ganzes Leben lang vor jedem Winde sich ducken soll? Und die Bäume erzitterten alle, und ihr Gewissen erwachte. Ein vom Alter gebeugter Ahornbaum stand abseits; müde und mit dem Schlafe kämpfend murmelte er mit heiserer Stimme seine Psalmen herunter und der zu „Mizwot" erzogene Ysop sagte mit. In diesem Augenblick sandte die blasse Sonne ihre schiefen Strahlen durch die Zweige. Eine süsse Trägheit bemächtigte sich der ganzen Natur ringsum. Jetzt erwachte ein junger schlanker Pappelbaum, der ein gesangsbeflissener Jüngling war, rief „Ruhe"! und begann dann sein „Adon Olam". Sein Vorbeten war zwar fehlerhaft, aber die Worte kamen aus tiefstem Herzen, und nun folgte auch das allgemeine Gebet. Ein frommer Eichenbaum war der Vorbeter beim „Schachrit" (Morgengebet) und ein mächtiger beleibter Buchsbaum betete „Mussaf" vor. Der Wind bUes das „Tekia, Schworim, Truah", und die ganze Gemeinde ringsum seufzte aus schwerem Herzen. Als man zu „korim" kam, neigte sich ein alter dicker Mandelbaum so tief zu Boden, dass er sich fast nicht mehr aufrichten konnte. Und ein Seufzer zitterte durch die ganze Gemeinde von Rand zu Rand, und der kam aus innerstem Herzen. So verging ein halber Tag, und es kam der Nachmittag und allmählich begann die starke Erregung sich zu legen und nahm langsam ab. So ist die Art des Waldes von jeher. Die Jungen und die noch Jüngeren bewegten sich hin und her und bereiteten sich zum „Taschlich" vor, die Alten standen hier und dort und unterhielten sich. Ein alter törichter Eschenbaum erzählte mit Stolz seinen Nachbarn von seinem Grossvater seligen Angedenkens und desgleichen von seinem Vater. Seinen Grossvater s. A., als dessen Zeit kam von der Welt zu gehen, zersägte man zu Brettern, aus denen man einen Thron für die Königin von Saba zimmerte. Auch sein Vater s. A. wurde zu hohen Ehren auserkoren, denn aus dessen Holze wurden Segelbäume gemacht, das waren diese Segelbäume für die Schiffe des Königs Chiram. „So ein Glückskind, so ein Glückskind" schüttelten die Zuhörer mit Neid die Kronen, nnd der Eschenbau fügte, die Augen zum Himmel erhebend, hinzu: „und wenn im Buche des Himmels mir langeschrieben wird, dass ich noch in diesem Jahre zu meinen heiligen Vorfahren eingehen müsste, so erbitte ich mir von Gott, eines gleichen Todes sterben zu dürfen wie meine grossen Vorfahren" . . . Ein frommer Kastanienbaum aber widersprach hartnäckig: „Und ich bin anderer Ansicht: wenn ich vor Gott einen Wunsch äussern dürfte, so wäre es der, dass man aus meinen Brettern nach meinem Tode einen Stuhl für einen grossen Rabbiner zimmern möge und aus meinen Zweigen Zeiger zum Deuten der heiligen Buchstaben beim Lesen der Tora. „Batlan" (Müssiggänger), dachte spöttisch ein langer trockener Mandelbaum, der junge Eidam, der sich von den Zweigen der nachbarlichen Bäume stützen Hess. Eine alte kinderlose, alleinstehende Eiche senkte ihre Augen und sagte mit leiser Stimme: „wenn ich sterben müsste, so wünschte ich, dass man aus mir Kinderwagen machen möchte." Und die Nachmittagsstunden gingen vorüber; die Jungen und noch Jüngeren begannen mittlerweile das „Taschlichigebet" am Ufer des Flusses zu verrichten. Sie schüttelten ihre welken Blätter ins Wasser, und das machte ihnen viel Spass. Eine junge Steineiche begann einen leichten FHrt mit dem leisen leichtsinnigen Westwind, der sich zu ihr gesellte; sie amüsierten sich freundschaftlich und plauderten, nur ab und zu unterbrochen vom greisen Eschenbaum, der etwas abseits stand und müde und schläfrig seine Psalmen jetzt von neuem begann und sie kraftlos und zahnlos sang: „Warum bebten die Völker und die Nationen . . Die heilige Furcht, die an diesem Gerichtstag auf den Bäumen lastete, zerstreute sich nach und nach und die Jungen kehrten zurück zu ihrem gewohnten Gebaren, sie murmelten und rauschten wie immer. So kam langsam der Abend heran, als plötzlich eine Neuigkeit eintrat, die niemand erwartet hatte. Ein alter Rabe kam geflogen, kreischte und schrie, sodass der ganze Wald ringsum aufrauschte: „Da ist der Wahrsager, da ist der Ziuberer, der die Zukunft kündet!" Nach einigen Augenblicken wusste der ganze Wald, vom niedrigsten Strauch bis zur Eiche, die in die Wolken reichte, dass der Wahrsager und Prophet gekommen war. Die junge Steineiche war die erste: „Meine Brüder", rief sie, „wollen wir nicht den Propheten befragen und uns aus den Karten wahrsagen lassen?" Und die ganze Gesellschaft ringsum brauste in Lachen auf. Ein jeder stellte sich so, als ob er an solche Dummheiten nicht glaubte, im Geheimen aber zog es ihn sehr zu dem kreischenden schwarzen Propheten. Die junge Steineiche war selbstverständlich auch diesmal die erste. Sie beugte ihr Haupt und reichte dem Raben einen dünnen, langen Zweig, und der Rabe setzte sich darauf und begann nach den feinen Strichen, die den Zweig durchzogen, seine Prophezeiung. „Siehst Du da den mittleren Strich?", krächzte er, .^er steigt an und spitzt sich da zu, neigt sich von da an zur Seite, trifft den ihn durchkreuzenden zweiten Strich, und von hier aus teilt er sich. Merke es Dir, es vergeht noch kein Jahr, da kommt der Holzhacker und wird Dich fällen. Aus Dir wird man einen Galgen machen und an diesen Galgen wird man einen unschuldigen Menschen hängen, dem zur Last gelegt wird, Hochverrat begangen zu haben. Dieser unschuldige Mensch wird einige Augenblicke auf Dir zappeln, bis er erstickt. Er wird eine Witwe und hungrige Waisen hinterlassen. Du aber wirst zum Fluch und zur Schmach aller werden . . ." „Genug, genug" — die Steineiche zog ihren Arm zurück, sie verging vor Schreck und wandte sich eilig ab. Ein junger Eichenbaum, etwas aufgeklärt und freisinnig, reichte mutig einen seiner Zweige, auf seinen Lippen lag ein gezwungenes, misstrauisdies Lächeln, das mit dem Ausdruck seines Gesichtes nicht übereinstimmte. Der Rabe betrachtete den Zweig. Er sagte: „Es werden noch keine dreimal drei Tage vergehen, bis die Axt über Dich geschwungen wird, die Dir den Kopf fällt. Aus der einen Hälfte Deines Stammes wird man eine Totenbahre machen und aus der anderen Hälfte einen Sarg, der in die Gruft gesenkt wird, und Du wirst ein Schrecken für all diejenigen werden, che das Leben mit seinen Freuden lieben ..." Die Eiche wandte sich schleunigst ab. Plötzlich ertönte die Stimme des alten frommen Ahornbaumes. Er hustete schwer und zitterte. Wie es schien, hatte ihm eben der Wind das Geheimnis von den Lebenden und Toten ins Ohr geflüstert. Der Alte unterbrach für einen Augenblick das Psalmehbeten und reichte dem Raben einen trockenen Zweig. Und der Rabe prophezeite: Es werden keine dreimal drei Monde verfliessen, da wird man aus einer Deiner Hälften eine Bank zimmern. Und weisst Du, was für eine Bank das sein wird? Eine Anklagebank, die vor den Richter hingestellt wird, und auf die sowohl Schuldige als auch Unschuldige gesetzt werden, und der erste Beschuldigte wird ein unglücklicher Mann sein, der nie etwas Böses getan hat, dem aber eine böse, hässbche Verleumdung anhängt, über den man sagen wird, dass er Kinderblut trinke. Aus der anderen Hälfte aber wird man einen schönen Sessel machen, darauf der Richter sitzen wird, derselbe Mann, der den Unglücklichen richten und das Urteil über ihn fällen wird. Der alte Mann verhüllte sein Gesicht in seine trockenen Zweige und wollte nichts mehr hören. Und die Abendschatten breiteten sich langsam aus, und die Dunkelheit trat ein und umhüllte den ganzen Wald. Die heilige Begeisterung war verrauscht und alles wurde wie sonst. Der Wald kehrte zu seinem gewohnten Leben zurück. Es rauschten die Bäume, sie murmelten und flüsterten, und wohin der Wind wehte, dorthin neigten die Bäume ibic Wipfel.

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