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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-03-01 · 7 (3.1930) · p. Seite 260

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
7 (3.1930)
Date
1930-03-01
Page
Seite 260 (sequence 8)
Language
German
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260 Angehöriger dieser Notleidenden von etwa-30 000.— Dollar. Die Organisation dieser Ueberweisung ist schon eine staunenswerte Leistung. Für das Ukrainewaisenkinderhilfswerk wurden in dem gleichen Jahre über M. 22 000.— aufgewendet. Das Studentenhilfswerk beanspruchte über M. 27 000.—. Aus diesen, für wenige Gebiete angeführten Zahlen erhellt bereits die Grosszügigkeit der Hilfsvereinsarbeit. — Zwar suchte man für die Hilfsnotwendigkeiten in der neuen Zeit die Eingliederung in die Organisation der grossen ausländischen Hilfsgesellschaften, wie sie in Amerika, in England, in Frankreich, in Oesterreich, in Russland und Polen bestehen; aber auch bei der im Sommer 1928 in Paris zusammengetretenen Versammlung dieser Organisationen kam es zum Ausdruck, dass man der Sonderleistungen des Hilfsvereins gar nicht entraten könne. Und Herr Max Warburg -Hamburg hat mit den Worten, die er bei einer Hamburger Werbeversammlung sprach, recht, wenn er sagte: „Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat nach Ausbruch des Krieges und auch nach dem Kriege bisher seine Tätigkeit sehr eingeschränkt. Diese Einschränkung erschien und erscheint mir nur weise. Es geht uns auch heute noch keineswegs gut, im Gegenteil, viele Kreise, die früher gebefreudig waren, sind heute nicht in der Lage, wie früher zu spenden. Aber es kommt allmählich doch eine Klärung, man übersieht seine eigene Vermögenslage im eigenen Lande wie in fremden Ländern, und man kann sich etwas ruhiger die Frage vorlegen nach der Reihenfolge der Notwendigkeiten, d. h. die Frage, in welcher Reihenfolge man die Summen, die einem zur. Verfügung stehen, für wohltätige Zwecke verwenden darf. .... Die Erfahrungen, die der Hilfsverein der Deutschen Juden jahrzehntelang gesammelt hat, sollen nicht verloren gehen, und deshalb müssen wir aus unserer Reserve heraustreten und unsere innere Organisation stärken, mehr Mitglieder gewinnen und vor allen Dingen Mitarbeiter, damit nicht nur jetzt, isondern namentlich in einer noch ernsteren Zeit die sehr leicht eintreten kann, sie sich zur Verfügung stellen." Aber neben die Forderung nach Stärkung des inneren Ausbaus des Hilfsvereins tritt die Pflicht, dem deutschen Judentum im Kreis der grossen jüdischen Organisationen die notwendige repräsentative Stellung zu geben, wie Herr Justizrat Blau -Frankfurt a. M. es einmal aussprach: „Die deutschen Juden brauchen heute wiederum eine Vertretung, um im Rate der jüdischen Gesamtheit die Stellung einzunehmen, die ihnen vermöge ihrer geistigen Kraft und ihrer organisatorischen Fähigkeiten zukommt. Es ist Ehrenpflicht jedes deutschen Juden, den Hilfsverein zu dieser machtvollen Vertretung in den Stand zu setzen." Es kann natürlich bei den Sorgen, die wir in Deutschland selber haben, nach der finanziellen Richtung nur ein bescheidener Ausbau sein, der dem Hilfsverein zuteil werden müsste. Wenn man aber hört, dass die Dr. Paul Nathan-Stiftung, die dem Gedenken dieses um den Hilfsverein und die notleidenden Juden in der ganzen Welt so verdienten Alannes gewidmet ist, nur 2—5 Zehntausende von Mark beträgt, dann ist dieses Ergebnis für unser deutsches Judentum doch beschämend. Als vor. kurzem einige Tausend christliche Deutschrussen zur Auswanderung gezwungen wurden und im deutschen Grenzgebiet zunächst Zuflucht suchten, da ging die Erregung über die seelische und körperliche Not dieser Flüchtlinge durch alle deutschen Blätter und Herzen. Man fand auch trotz der deutschen Not Mittel und Wege, um grosszügig Hilfe zu schaffen. Wenn nun Hunderttausende von Juden im Osten und auf dem Balkan m ähnlicher Notlage sind, wie diese Deutschrussen, dann dürfte uns deren Schicksal auch nicht gleichgültig lassen. Soweit diese Bedrückten auswandern müssen Un5 auswandern können, sollte ihnen, die an ihrer Rat- und Ziellosigkeit schon schwer genug zu tragen haben Er- IwAterung auch unter Mithilfe der deutschen Juden geschaffen werden. Wir wollen aber nicht vergessen, dass alle Auswanderung, auch wenn sie völlig ungehemmt wäre, die Lösung der Judenfrage im Osten nicht bringen kann: Die Lösung für die Notlage der grossen Massen muss m den -bisherigen Heimatgebieten selber erfolgen. An dieser Zeitaufgabe dürfte kein deutscher Jude achtlos vorübergehen. Und wenn wir deutsche Juden auch nicht grosse Geldmittel zur Verfügung stellen können, Menschen mit Fähigkeiten haben wir^doch noch und Menschen mit dem Herz auf dem rechten Fleck sollten wir haben. Das grösste Unglück für einen deutschen Juden wäre Mangel an Anteilnahme, Mangel an Verständnis für grosse Aufgaben. Hierbei sehen wir ganz davon ab, dass jede Bedrückung, dass jede Not, wo sie irgendwo in der Welt Juden trifft, sich in irgendeiner Weise politisch, wirtschaftlich, rechtlich oder geistig-religiös auch an uns auswirkt. Wir wollen auch nicht viel Worte darüber verlieren, dass wir sdilieslidi ökonomisch handeln, wenn wir uns für die Lösung der Notzustände in den genannten Gebieten tatkräftig einsetzen: Denn die deutschen Judengemeinden müssen unrationelle Mittel aufbringen für ihre eigenen Gemeindegebiete, wenn sie nicht rationelle Mittel schaffen für die Arbeit, die in den genannten Gebieten geschafft werden muss. Aber das Wesentliche an diesem ganzen Problem ist zunächst einmal, dass die Reihen der Organisation, die zur Führung auf diesem Fragengebiet berufen ist, zahlenmässig gekräftigt werden: Jeder deutsche Jude, audi wenn er nur eine einzige Mark Mitgliedsbeitrag zahlt, sollte dem Hilfsverein der deutschen Juden angehören. Sein Name, seine Person, sein Wille ist der Wert, welcher der Idee Schwung und Kraft gibt. Hier dabei zu sein, ist ein Verdienst. Im Wald. Von David Frischmann Aus£dem Hebräischen von B. Messerer.) Am 15. Tag des Monats Schwat (er fiel in diesem Jahr auf den 13. Februar) ist nach jüdischer Ueberlieferung das Neujahr der Bäume. In der nachfolgenden Skizze ist eine phantasievolle Verbindung dieses Tages mit dem herbstlichen Neujahr der Menschen versucht. Schriftl. Der Wald rauschte, murmelte, flüsterte und wohin der Wind blies, dorthin neigten die Bäume ihre Köpfe; so ist einmal die Art der Bäume von jeher. Das ganze Jahr, vom Morgen bis Abend, waren sie bis über den Kopf beschäftigt und fanden nie einen fraien Augenblick für sich, aber an einem Morgen geschah ein Wunder: eine junge zarte Zypresse schaute zufällig auf die umherliegenden, abgefallenen Blätter und erblasste vor Schrecken. Sie schrie auf mit ihrer ganzen Kraft: „O Gott aller Wälder und der fernen Gärten! Morgen ist doch Chamischah-Assar bischwat — Neujahr — und ich gedachte dessen nicht." Und der Waldwind, dieser alte Schwätzer, nahm den Ausruf auf seine Flügel und trug ihn von Baum zu Baum, und nach wenigen Augenblicken wusste der ganze Wald, von Rand zu Rand, dass morgen Neujahr ist. Eine grosse wunderbare Hand verwandelte in jener Nacht das Aussehen aller Bäume, und es geschah gleichsam ein Zauber an ihnen. Als der Morgen graute, konnte kein Mensch mehr den Wald erkennen. Schon von frühester Morgenstunde an standen die Bäume in grosser Furcht, bewegungslos, und ihre Augen waren gen Himmel gerichtet. Durch die Busse, die einen Tag anhielt, wollten sie alle ihre Sünden und Vergehen, die sie das ganze Jahr begangen hatten, ausmerzen. So ist einmal die Art der Bäume von jeher. Der ganze Wald ringsum, Klein und Gross, war in weisses Gewand gehüllt, die „Talessim" waren aus zartem frisch gefallenen Schnee gewoben und die „Zizit" hingen ihnen in langen Eiszapfen herunter. Eine alte törichte Akazie umhüllte ihr Haupt mit einem weissen Schleier als Schmuck. Und ein Schrecken ohne Gleichen überfiel die ganze Gemeinde, und das innere Beben kam diesmal ans reiner Seele. Es kam die Stunde des Erwachens; alle Bäume begriffen plötzlich, wie nichtig und eitel ihr ganzes Dasein sei. Ihre Jungen nimmt man ihnen, um sie zum Heizen der Oefen zu gebrauchen, ihre Alten werden abgesägt und zu Brettern zerschnitten. Gibt es denn Einen, der sie um ihr Los beneiden wollte? Ist das denn der Zweck des Daseins und der Zweck S. & D. LÖWENTHAL Schillerstrasse 1 SILBER WAREN

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