Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 7 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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259 sehen nicht bieten; deswegen fanden sie nur in seltenen Fällen den Weg zu den Bünden. Die Sy nagoge erreicht nur Einige; an den Feiertagen fahren die jungen Menschen nachhause zu ihren Eltern und an Samstagen müssen sie meistens ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Das jüdische Jugendheim wird ein zentraler Punkt werden, auf den die jungen Juden, die fremd nach hier kommen, aufmerksam werden. Hier werden sie ihre Freunde finden, hier werden sie Gelegenheit haben, ihre freie Zeit zu verbringen und sich weiter zu bilden, hier wird es viel leichter sein, sie an dem Leben der Jugendbünde zu interessieren. Und was schliesslich eine derartige Einflechtung in ein jüdisches Milieu für die Lösung der bevölkerungspolitischen Frage (Mischehe) bedeuten kann, ist offensichtlich. Das Leben von Menschen verschiedener Auffassung in Gemeinschaft unter einem Dache lässt diese Menschen etwas von dem lebendigen Sinn der jüdischen Gemeinde ahnen; von hier aus werden sie in die Gemeinde hineinwachsen, die ihnen die Stätte ihrer Jugend bereitet hat, die Gemeinde mit neuen Menschen und neuem Leben erfüllen und den Hauch einer neuen Zeit mit sich bringen. Das Heim der Jugend birgt die Gemeinde von morgen in sich. Wer von ihr als einer Zukunftsmusik denkt und spricht, dem sei gesagt, dass es wahrhaft die Musik einer Zukunft ist, die den Schritt und den Willen einer heraufschreitenden Generation begleitet; und das, so sollte man meinen, muss tröstend und verheissend in den Ohren derer klingen, die sonst nur von Untergang und Zerfall hören. Vom Hilfsverein deivdeutschen Juden Von Rabbiner Dr. S. Levi (Mainz) Wenn wir die Berichte lesen über die grossen Sammlungen, durch welche die amerikanische Judenheit alljährlich viele Millionen an Hilfsmitteln aufbringt, dann bewundern wir mit Recht diese grosszügige Hilfsbereitschaft unserer Glaubensbrüder jenseits des Ozeans: es ist fast zur selbstverständlichen Geisteseinstellung geworden, dass die wesentliche Hilfe für die notleidende Judenheit der Welt von Amerika ausgehen müsse. Hierbei vergessen wir ganz, dass eine grosszügige Hilfsorganisation, welche über die eigenen Landesgrenzen weit hinaus reicht, auch bei uns deutschen Juden zu finden ist. Gewiss, wir deutschen Juden mit unseren paarmalhunderttausend Seelen und — an amerikanischen "Verhältnissen gemessenen —* unseren geradezu, kläglichen Vermögensresten können die amerikanischen absoluten Zahlen in keiner Richtung erreichen. Aber die deutsche Judenheit hat doch immer ihr angemessen Teil zur Linderung der Not, wo immer in der Welt sie die Juden überfiel, beigetragen. Sdion in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als die ersten grossen Pogrome über die russischen Juden hereinbrachen, erstanden in zahlreichen jüdisdien Gemeinden Deutschlands lokale Hilfskomitees, unter welchen das Frankfurter Hilfskomitee durdi seine umsichtige und grosszügige Hilfsarbeit sich auszeichnete. Eine systematisdie Zusammenarbeit im Rahmen einer Gesamtorganisation war dadurch aber nicht gegeben. Man konnte zwar darauf hinweisen, dass die Alliance Israelite Universelle, weldie ihren Sitz in Paris hatte und weldier zahlreiche deutsdie Juden als Mitglieder angehörten, hilfsbereite Juden der ganzen Welt zusammenfasse, um besonders auf dem Balkan und im vorderen Orient durdi Schulgründungen und Schulunterhaltungen der wirtschaftlidien und kulturellen Not unserer Glaubensbrüder zu steuern. Aber man fühlte, dass dem deutschen Judentum auf Grund seiner kulturellen Stellung und seiner geographischen Lage in der unmittelbaren Nachbarschaft der damaligen russischen Judenheit besondere Aufgaben obliegen, die durdi ein Programm und durch System bewältigt werden sollten. Man erkannte auch klar, dass durch die Schaffung einer besonderen deutschen Hilfsorganisation, durch welche man sich natürlich nicht aus ehrgeiziger Kleinlichkeit von grösseren Organisationen absplittern wollte, die Hilfeleistung der deutschen Juden angespornt und beschwingt würde. Als nun der Hilfsverein der deutschen Juden im Jahre 1901 von Dr. James Simon, Generalkonsul Eugen Landau und Dr. Paul Nathan gegründet wurde, hatte man in allen Kreisen des deutsdien Judentums das Empfinden, dass durdi diese neuerstandene Organisation einem wirklich tiefempfundenen Bedürfnis Abhilfe geschaffen werden könne. Auch die finanziellen Voraussetzungen für eine erspriessliche Tätigkeit waren gegeben; denn damals stand das deutsche Volk in einer stetig aufsteigenden wirtschaftlidien Bewegung. Unter günstigen Zeichen und Zeiten machte sich der Hilfsverein so an sein Werk. Frei von engherzigen Theorien und frei von politischer Beschränkung hat er, gestützt auf starke und folgebereite Ortsgruppen in immer weiter greifenden Hilfsmassnahmen Mustergültiges geleistet. Die grosszügige Leitung, welche in den Händen der Herren Dr. James Simon und Dr. Paul Nathan lag, und um welche sich auch in Sachkunde Herr Dr. Bernhard Kahn mühte, hat Millionen von Hilfsgeldern bei deutschen Juden aufgebracht. Die gewonnenen Summen wurden in werbenden kulturellen Gründungen in Russland, Galizien, auf dem Balkan und in Palästina angelegt. Verschiedene Kategorien von Schulen, Ausbildungsstätten für das Handwerk und Gewerbe wurden gegründet, landwirtschaftliche Unternehmungen wurden gefördert, gesundheitsfördernde Anstalten und Einrichtungen wurden geschaffen, der Strom der Zehntausende und aber Zehntausende von jüdischen Auswanderern wurde geleitet und betreut: Kurz, der Verein machte seinem Namen als Hilfsverein und dem Namen der deutschen Juden alle Ehre. Jeder Jude, der als Jude und als Mensch noch etwas auf sich hielt, betrachtete es als eine selbstverständliche Pflicht, mit seinen Mitteln zum Hilfsverein beizusteuern. Die regelmässigen und gesicherten Einkünfte ermöglichten es der Leitung, weitblickende Dispositionen zu treffen. So wurde der Zweck des Vereins, nämlich die Förderung des sittlichen, geistigen und wirtschaftlichen Wohls der ausserdeutschen Glaubensgenossen, in vorbildlicher Weise erfüllt. Da kam der Krieg. Die deutsdien Juden schleppten sich mit der schweren Bürde der eigenen Sorgen durch eine Reih3 von Jahren, in welchen die Hilfeleistung für fremde Zwecke zurücktreten musste. Aber gerade in den Gebieten, in welchen der Hilfsverein bisher so segensreich gewirkt hatte, steigerte sich gleichzeitig die Not. Im Operations¬ und Occupationsgebiet des östlichen Kriegsschauplatzes wurden die zahlreichen Judengemeinden und ihre Einrichtungen vom Drude der Kriegszeit zerrieben, die Juden selbst vom Hunger zermürbt, die Auswanderung, die Jahre hindurch eine gewisse Erleichterung geschaffen hatte, kam zunächst völlig zum Stillstand und wurde dann von Heeres¬ und Verwaltungsleitung in einer Weise zugelassen, die volkswirtschaftlich der Kritik nicht immer standhalten konnte. Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, in der damaligen Zeit auf dem östlichen Kriegsschauplatze weilte, der konnte bewundernd erleben, dass der Hilfsverein mit Aufbietung seiner ganzen Kraft der schwierigen und veränderten Lage Herr zu werden suchte. In Deutschland gesammelte Beträge und aus dem Auslande, soweit es noch nicht im Kriege gesen die Zentralmächte stand, gewonnene Hilfssummen, wurden den notleidenden Gebieten und Einrichtungen zugeführt, clie leitenden Herren nahmen die Beschwerlichkeiten der Reise in das Kriesrseebiet zwecks Prüfung des Sachverhalts und zwecks Verhandlung mit den deutschen Behörden auf sich. Die deutschen Militär- und Zivilbehörden konnten dieser mitten im Kriege geleisteten Hilfe ihre Anerkennung nidit versagen. Je läneer aber der Krieg dauerte, desto kärglicher wurden die Mittel, clie in Deutschland aufgebracht werden konnten, und desto sdiwieriger wurde die Verbindung mit den ausländischen indischen Hilfsorganisationen. Fast sdiien es als ob der Fortbestand des HilTsvereins, der doch der erste Kultivator auf dem Gebiete dieser organisierten Hilfe war, gefährdet sei. Als aber Krieg und Inflation vorüber waren und durch das Zurückfluten der gegren Deutschland anstürmenden Hasswelle der Kriegszeit die Möglichkeit geboten war, die abgerissenen Verbindnngsfäden mit dem Auslände vorsichtig wieder anzuknüpfen, da waren audi die Führer des Hilfsvereins, James Simon, Dr. Paul Nathan, der neue Generalsekretär Dr. Wisdmitzer mit dem Stabe des geschäftsführenden Ausschusses und des Zentralkomitees alsbald auf dem Plane, um die Arbeit, die ihnen liebe und zwingende Herzenssache war, nachdrücklich wieder aufzunehmen. Nodi wenige Monate vor seinem am 15. März 1927 erfolgten Tode war der unvergessliche Dr. Paul Nathan mit Herrn Dr. Wischnitzer zu den Behörden der russisdien Sowjetunion gereist; man suchte durch Studienfahrten die Zustände auf dem Balkan in persönlicher Anschauung kennen zu lernen, das Durchwandererhilfswerk wurde wieder aufgegriffen, ein Hilfswerk für ausländische, in Deutsdiland weilende Studenten wurde neuerdings angegliedert, die Fürsorge für die Ukrainewaisenkinder liess man sich angelegen sein, in Russland selbst wurden zahlreiche sozialhyerienisdie und kulturelle Einrichtungen geschaffen oder gefördert. Schon im Jahre 1928, für welches Jahr die endgültigen Zahlen vorliegen, konnten mit einem Zuwadis der Jewish Colonisation Association (Jca) für die Emigrationsfürsorge M. 95 000.— verausgabt werden. Im gleichen Jahre vermittelte der Hilfsverein an bedürftige Familien in den östlichen Gebieten Ueberweisungsbeträge amerikanischer