Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 7 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 258 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094348-3094354--2233-3096975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Begründung eines Jugendheims Der Etat der Frankfurter Israelitischen Gemeinde enthält seit zwei Jahren einen Posten „Jugendpflege", der im laufenden Rechnungsjahr in Höhe von RM. 6000.— ausgegeben wurde. Es handelt sich um die Unterstützung von 16 Jugendveieinen und -Gruppen der verschiedensten religiösen und politischen Richtungen, die neben jüdischreligiöser Fortbildung auch. die körperliche Ertüchtigung ihrer Mitglieder und die Beschäftigung mit allgemein interessierenden Gegenwartsfragen bezwecken. Die Beihilfen werden nach einem Verteilungsschlüssel bewilligt, der von einer durch die Gemeindevertretung gewählten besonderen dreigliedrigen Kommission im Einvernehmen mit den "Vertretern der Jugendorganisationen je nach der Grösse und Bedeutung der zu unterstützenden Jugendgruppen festgesetzt wird, und setzen die einzelnen Organisationen in den Stand, gewisse Ausgaben/ vor allem Lokalmieten, zu bestreiten, da wo Mitgliedsbeiträge garnicht oder nicht in der erforderlichen Höhe erhoben werden können. Die verhältnismässig hohe Zahl der unterstützten Vereine zeigt eine starke Zersplitterung unter der Jugend, und es besteht kein Zweifel, dass eine Zusammenfassung der zum Teil nur ganz kleinen und dadurch geschwächten Einzel Organisationen zu stärkeren und leistungsfähigeren Verbänden geboten wäre. Dass dies noch nicht geschehen ist, lag teilweise an dem Fehlen einer Instanz, welche in der Art eines Jugendamtes mit zielbewusstem Verständnis die Verbindung unter den verschiedenen Gruppen und Grüppchen hergestellt hätte, hauptsächlich aber an dem Mangel eines jüdischen Jugendheims, dessen Schaffung seit längerer Zeit in Kreisen der Gemeindeverwaltung erwogen wurde. Hier ist nun ein entscheidender Schritt vorwärts getan worden. Auf Veranlassung einer grösseren Anzahl jüdischer .Tugendvereine aller Schattierungen hatte sich Herr Dr. Leo Moser mit dem Ersuchen um Unterstützung einer zu gründenden „Schule der jüdischen Jugend" an die Gemeinde gewandt. Diese „Schule" will neben der Abhaltung von Vorträgen und Kursen zur Vermittlung jüdischen Wissens und neben der Pflege von Arbeitsgemeins<4iaften über alle die Jugend bewegenden Fragen auch die Erfassung der nicht organisierten iiidischen Jugend unternehmen. Beratungen, welche sowohl innerhalb der beteiligten Organisationen als auch mit den seitens der Gemeindeverwaltung abgeordneten Persönlichkeiten zur Klärung der Angelegenheit gepflogen wurden, haben überraschend schnell zu dem Ergebnis geführt, dass die Gemeindebehörden sich bereit erklärt haben, bis auf Weiteres den zweiten Stock des Hauses Eschersheimer Landstrasse Ecke Gervinusstrasse für die Zwecke der Jugend kostenlos zur Verfügung zu stellen. Die Gemeinde stellt ausserdem den Hausmeister, während die Einrichtung und Verwaltung des neuen Heims von einem aus den Vertrauensleuten der Jugend gebildeten Heimausschuss übernommen wird. Nachdem auf diese Weise, wenn auch zunächst in kleinem Rahmen, eine Heilstätte für die Jugend geschaffen worden ist. hat am 23. Februar d. J. die offizielle Gründung der ..Schule der jüdischen Jugend" in Frankfurt a. M. stattgefunden. Möge ihre Aufgabe. Verbreitung jüdisch-religiöser Bildung und Gewinnung der abseits stehenden Jugend für be- wusstes Judentum, zur segensreichen Tat werden! J. M. Ein Heim der jüdischen Jugend von Jakob Jacobs Vgl. den vorstehenden Bericht „Begründung eines Jugendheims". Der Gedanke des Tugendheims hat so sehr das Verständnis der Oeffentlichkeit gefunden, dass kaum mehr der Versuch aremacht zu werden braucht, ihn zu verteidigen. In Berlin. Breslau, Köln. Aachen und in vielen anderen Städten sind in den letzten Jahren jüdische Tugendheime entstanden, die oft primitiv nur dem ursprünglichsten Bedürfnis, dem nach einem eigenen Raum, entsprechen, und auch die iüdische Jugend Frankfurts wird jetzt endli<+i Räume erhalten, von denen sie sagen kann: es sind die Unsrigen! Der Gedanke des Jugendheims ist als Gegenstand der Diskussion nie zur Ruhe gekommen, und im letzten Jahre noch veröffentlichte die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden einen Aufruf, in Form einer Denkschrift ..Schafft jüdische Tugend- und Gemeinde- Heime". Frau Paula Ollendorff hat in dieser Denkschrift von dem Settlement in Ost-London erzählt, seinen grosszügigen und beispielhaften Einrichtungen. Die Heime, die in dieser Zeit in Deutschland erstehen, entbehren dieser Grosszügigkeit, die den Stempel des aus dem Vollen Geschöpften trägt. Sie erstehen in einer Zeit allgemeiner Not, die im jüdischen Menschenkreis verdoppelt ist durch die Schwierigkeiten, die gerade in Berufsarten, denen die Mehrzahl der deutschen Juden angehört, treffen. Die Gemeinde war in der Zeit wirtschaftlicher Aufwärtsentwicklung die Hilfe für das Einzelschicksal der Verarmung in dem gesund bürgerlichen Milieu. Die Schwierigkeiten der Wirtschaftsentwicklung, die den Mittelstand tödlich getroffen haben, haben Ausnahmefälle sich vervielfachen lassen; was Einzelschicksal war, ist Massenschicksal geworden, und die Schaffensfähigkeit der Gemeinde hat schwer darunter zu leiden. Die dem Mittelstand angehörigen deutschen Juden werden sich mehr Und mehr mit dem Gedanken vertraut machen müssen, dass ihr persönliches Leben eine Vereinfachung erheischt, und die Gemeinden werden in wachsendem Masse mit Fürsorge- und Wohlfahrtsausgaben belastet werden. Not materieller Art in einzelnen Familien, zerrüttete Familienverhältnisse, unglaublich scheinende Wohnungsverhältnisse und Erziehungsschwierigkeiten bei Kindern haben zu jeder Zeit und in jedem Kreis von Menschen Hilfe^ gefunden. Diese individuellen Notzustände sind zahlenmässig und graduell grösser geworden und haben an Bedeutung dadurch gewonnen, dass eine Gemeinschaftsnot sich entwickelt hat, die Not der in Deutschland lebenden Generation von Juden. Was man gemeinhin mit Indifferenz bezeichnet, ist der Sammelbegriff für eine Aeusserung der in verschiedenen Formen auftretenden Not. Sie ist wirtschaftlicher Art, sie trägt gesellschaftlichen Charakter, sie ist gezeichnet in der Zerrissenheit der Juden, die allen Einflüssen der Umwelt erliegen,, weil ihnen der ausgleichende Pol fehlt. Der Abschwächung der wirtschaftlichen Fähigkeiten ist eine Aenderung der Lebenshaltung, die dem tatsächlichen Wirtschaftsstand entspricht, noch nicht gefolgt Proletarisierung ist nur in dem Sinne eingetreten, dass die wirtschaftlichen Kräfte geringer geworden sind. Das ist ein Unglück, denn es ist erforderlich, dass die geistige Haltungund die Lebensführung andere werden, wenn nicht die Zerissenheit der Menschen in einem ungeheuren Masse fortschreiten soll. Tn dieser Zeit verdoppelter Not alles für das körperlich und geistig gesunde Heranwachsen einer jungen Generation zu tun ist eine doppelte Notwendigkeit. Das Haus der Jugend in Frankfurt geht seiner Vollendung entgegen. In diesem grosszügig ausgestatteten Hause wird die Jugend all das finden, was ihr ein ihr gemässes Leben zu führen möglich, macht. Hier wird sie die Erziehung zur weiten Gemeinschaft an sich selbst üben können, hier wird sie alles was zu ihrer geistigen Fortbildung nötig ist. finden, hier wird sie ein Leben in Gemeinschaft entfalten. Das Haus der Jugend wird au*h für die jüdische Jugend viel sein, aber es wird keinen Ersatz für ein eigenes jüdisches Jugendheim darstellen. Das jüdische Jugendheim wird zuerst einmal die vielen Bünde der jüdischen Tugend aufnehmen, die bisher zerstreut in fremden, in häufig unzulänglichen Heimen lebten. Der Besitz eigener Räume, unbelastet durch die wechselnden Möglichkeifen und Schwierigkeiten der Aufbringung der Miete wird dem Leben der Bünde viel von ihrer Zufälligkeit der Arbeit nehmen. Das Haus gleicht so einem Miethaus, in dem verschiedene Mietparteien nebeneinander und übereinander wohnen, die sich anfänglich nicht kennen. Mit der Zeit werden sich freundschaftliche Beziehungen zwischen den Nachbarn herausbilden; der Gemeinbesitz verschiedener Räume und Institutionen wird die Bünde in Berührung miteinander bringen, und sie werden über die Gemeinsamkeit der Erledigung praktischer und technischer Dinee die Gemeinsamkeit geistiger Beziehungen im Gefolge haben, die bei der bisherigen räumlichen und ideologischen Trennung sich kaum entwickeln könnten. Das Leben der Bünde der Jugend im jüdischen Tugendheim stellt ein tätiges Abbild der Gemeinde dar. Auch in ihr wohnen organisatorisch die verschiedenen Auffassungen vom Judentum und seinem Sinn unter einem Dach der Organisation und Verwaltung; doch in der Gemeinde ist es still! Die Arbeit und das Interesse konzentriert sich auf eine nicht grosse Zahl von Menschen. Auffrischung und Leben aus dem Heim der jungen Gemeinde wird ihr gut tun. Durch die räumliche Konzentrierung wird die Menschengewinnung der Bünde stark erleichtert werden. Tn iedem Jahr strömen aus anderen Städten und ländlichen Orten eine grosse Anzahl Jugendlicher, nach Frankfurt, die bisher zum g'rössten Teil mit dem Augenblick ihrer Uehersiedlung ihr Interesse für jüdische Dinge verloren. Die Bünde konnten diese Menschen nicht erreichen; sie haften meistens keine speziellen jüdischen Interessen, und mehr als menschliche Fortbildung und Pflege eines speziellen Interessengebiets konnten die Jugendbünde -diesen Men-