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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-03-01 · 7 (3.1930) · p. Seite 256

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
7 (3.1930)
Date
1930-03-01
Page
Seite 256 (sequence 4)
Language
German
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256 wühlten stürmische See auf, bittere Anklage, unbekannte Gefahren, Peripetien und Abgründe. Sie schufen — insbesondere Marx —, voll Verantwortung und Mühsal, neues, scharfes Lieht. Seele des Judentums liegt irgendwie im Marxismus: Urelementare Kräfte führen zu unseren Propheten hin, eigentlich schon zur Gesetzgebung Mosche Rabbenus. Vom Jesaias zu Marx, dem Exegeten und Talmudisten der Soziologie, seinen pilpulistischen Konstruktionen. Dieses leugnen kann nur eine aufgescheuchte Hühnerschar . . . Aber eine innere Beziehung hatten die Altmeister des Sozialismus und Kommunismus jüdischer Abstammung zum Judentum nicht. Und Karl Marx, mit dem Kopf eines Gaons begabt, gerierte sich sogar antisemitisch. Von den Lieblingen Rudolf Schays interessiert mich am meisten Moses Hess, Autor von „Rom und Jerusalem", Philosoph der Tat, hingebungsvoll, vital und grundlegend, jeder Zoll kein Papagei. Vorläufer der Sozialrevolution und des Zionismus, auf Marx und Bakunin von Einfluss und, wie es sich gehört, von ihnen verleugnet; Lassalle nahestehend. Alles in allem einer jener Knechte Gottes, die auf dem Berg Nebo stehend, das heilige Land erblicken. Moses Hess, du ethisches Antlitz der Revolution, Versunkener, Vergessener, dir gilt auch meine Liebe! Niemals werden wir Rosa Luxemburg und Kurt Eisner. niemals Walther Rathenau vergessen! Das jüdische Volk hat ein besonderes Gedächtnis für Märtyrer. Auch die Sozialisten und Kommunisten Rosa Luxemburg und Eisner fielen al Kiddusch ha-Schem. Walther Rathenau war der Märtyrer-Minister der Deutschen Republik in einer Zeit des Werdens, der Unrast, des täglichen Kampfes um das Erste und Letzte. Und auch er stand auf dem Berge Nebo ... Daneben verblassen nicht der tapferste der Tapferen Johann Jacoby, ostpreussischer Widersacher Bismarcks und der Hohenzollern, nicht Lasker noch Bamberger, nicht Eduard Bernstein noch Ludwig Frank. Gabriel Riesser, einer polnischen Familie entstammend, Enkel des hochorthodoxen Rabbiners von Altona-Hamburg-Wandsbeck Rafael Kohn, wurde politischer Eindeutscher seiner — wie sagt man doch gleich? — „Glaubensgenossen". Konsequenterweise schuf Hugo Preuss die Weimarer Verfassung, Theodor Wolff und Georg Bernhard sind prominenteste jüdische Publizisten. Harden fehlt sehr zu Unrecht unter den „Juden in der deutschen Politik", hingegen hätten wir auf Friedrich Julius Stahls besondere Behandlung verzichten können. Er war der geistige Mentor von Preussens reaktionärster Partei. Nicht gedacht soll seiner werden! Gedenkfeier für Franz Rosenzweig. Der Einladung des Vorstands der Israelitischen Gemeinde zu der Feier am 2. Februar war eine alle Erwartung bei weitem übertreffende Zahl von Teilnehmern gefolgt, sodass nicht nur der grosse Saal der Frankfurt-Loge, sondern auch der anliegende kleinere Saal stark überfüllt war und viele keinen Einlass finden konnten. Von den Angehörigen Rosenzweigs nahmen seine Mutter und seine Witwe mit ihrem Söhnchen, sowie Prof. Rudolf Ehrenberg (Göttingen) an der Feier teil. Als Ehrengäste waren u. a. der Rektor der Universität, der Präsident des Oberlandesgerichts, ein Mitglied der Evangelischen Stadtsynode, sowie zahlreiche Vertreter auswärtiger Gemeinden erschienen. Der musikalische Teil mit seinem im Sinn Rosenzweigs ausgewählten Programm wurde von den Herren Erich I. Kahn, Adolf Rebner und Ary Schuyer mit der von diesen ausgezeichneten Künstlern zu erwartenden Meisterschaft ausgeführt; ihnen gesellte sich mit dem Vortrag eines kurzen Rezitativs von Bach der bewährte Oberkantor der Westendsynagoge, Herr Naumow-Fleisehmann. Nach einer kurzen Anspradie des Vorsitzenden des Gemeindevorstands, Herrn Justizrat Dr. Blau, folgte die Gedenkrede von Rabbiner Baeck (Berlin) und die Vorlesung Dr. Martin Bubers aus dem von ihm noch gemeinsam mit Rosenzweig bearbeiteten Jesaja-Buch. Rede und Vorlesung (der Wortlaut der letzteren wird anschliessend veröffentlicht) wurden von der mehr als tausendköpfigen Zuhörerschaft in gespannter Ergriffenheit angehört. Mit dem Vortrag eines der schönsten Trio-Sätze Beethovens schloss die weihevolle Feier, von der gesagt werden kann, dass sie eine des Toten würdige und die Frankfurter Gemeinde ehrende Kundgebung jüdischen Geistes gewesen ist. Ansprache des Herrn Justizrat Di*. Blau Hodigeehrte Versammlung! Die stille, aber umso tiefere Trauer um Franz Rosenzweig ringt nach Ausdruck. Je weiter die Zeit vorrückt, umso klarer empfinden wir die Schwere der Wunde, die sein Weggang uns geschlagen; umso deutlicher erkennen wir die Grösse der Lücke, die in die Reihen des glaubenstreuen, selbstbewussten, um seine Geltung kämpfenden jüdischen Deutschlands, in erster Linie in unsere altehrwürdige Gemeinde gerissen. Die schlichte Gedenkfeier, zu der die Ihnen, meine verehrten Damen und Herren, insbesondere den Vertretern von Behörden und Korporationen, für das Erscheinen dankbare Gemeinde geladen, soll das Bild von Franz Rosenzweig hell aufleuchten lassen, um es dauernd festzuhalten; sie soll uns aber auch anfeuern, die Saat, die der Grosse gesät, unter Aufwendung des Besten in uns zur Reife kommen zu lassen. : Hierzu spende uns Gott, auf den wir bauen und dem wir vertrauen, die Kraft! Er gebe den Trauernden Seinen Trost und dem Dahingeschiedenen Sein ewiges Heil! Amen! Der Knecht Gottes Aus dem im Erscheinen begriffenen X.Band („Das Buch J eschaj ahu") der Schrift-Übertragung von Martin Buber und Franz Rosenzweig 1. Die Erwählung. (42. i—9) Aber mein Knecht hier, an dem ich halte, mein Erwählter, dem meine Seele gnadet, auf ihn gebe ich meinen Geistbraus, den Weltstämmen führe er Recht hin. Nicht schreit er, nicht erhebt, nicht läßt auf der Gasse seine Stimme er hören, ein geknicktes Rohr bricht er nicht, einen glimmenden Docht, den löscht er nicht ab, Recht führt hinaus er in Treuen. Er selber verglimmt nicht und knickt nicht ein, bis das Recht er setzte auf Erden und seine Weisung die Ozeanküsten erwarten. So hat der Göttliche, Er, gesprochen, der die Himmel schuf und sie spannte, der die Erde breitete zusamt den aus ihr Gefahrneil, der dem Volk auf ihr Hauch gab, Odembraus den sie Begehenden: Ich rief dich an in Bewährung, ich fasse dich bei der Hand, ich will dich verwahren, ich will dich begeben zum Bundespfand des Völkertums, zum Licht der Weltstämme, blinde Augen zu erhellen, aus dem Kerker Gefangne zu führen, aus dem Hafthaus, die in Finsternis sitzen, — Ich Bin Da: das ist mein Name, meinen Ehrenschein geb ich nicht einem andern, noch den Schnitzbildern meinen Lobpreis: das Frühre, hier, es kam, Neues meld ich nun an, eh es wächst lasse ich euch es erhorchen.

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