Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 7 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 255 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3094266-3094348-3094354--2230-3096972- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
liehen Europa hat sich aus dem heidnischen Naturfest entwickelt, das von den Völkern Vorderasiens und Südeuropas, vom Indischen bis zum Atlantischen Ozean gefeiert wurde, als die Macht des Winters gebrochen war und der Frühling langsam herannahte. Dieses Fest fand gewöhnlich am Ende des Jahres statt; am bekanntesten waren die römischen Saturnalien, die im Dezember gefeiert wurden. Diesem römischen Fest entsprach das griechische Fest der K r o n i e n. In Babylon und Persien feierte man ähnliche Feste. Sie bestanden im wesentlichen darin, dass ein Sklave für diesen Tag zum Possenkönig gewählt wurde und die Vorrechte eines solchen ausüben durfte, bis er am Ende gehenkt wurde. An diesen Narrenkönig erinnert noch bei den Juden der Purim- Rabbi. Die Juden haben nun wohl die Feier dieses Naturfestes übernommen, zumal es nur aus Lustbarkeiten, ohne Beimischung heidnischen Gottesdienstes bestand. Später suchten führende Geister des Judentums, die dieses an sich harmlose Fest nicht bekämpften, ihm einen höheren Sinn unterzulegen und der Feier ein jüdisches Gepräge zu geben. Am 15. Adar des Jahres 161 errang Juda Makkabi über den griechischen Feldherrn Nikanor, der persönlich die Juden grimmig hasste und manchen als Abbild Hamans galt, einen glänzenden Sieg bei Adasa, und dieser Nikanor-Täg wurde, ein Vorläufer des Purim, zum Fest erhoben. Dann kam einige Jahrzehnte später, aus dem Osten, aus S u s a, der Hauptstadt Persiens, die Esther-Rolle, die Erzählung von der wunderbaren Errettung der Judenheit aus der grössten Gefahr durch die Fürsprache einer jungen Frau; diese Erzählung wurde zum Inhalt des Purimfestes, welches — nachdem die Makkabäer lange an Beliebtheit beim Volke eingebüsst hatten — den Nikanor-Tag verdrängte. Was die Juden nunmehr feierten, war nicht ein Naturfest, welches draussen heidnisch, bei ihnen aber neutral war, sondern ein ausgesprochen nationales, jüdisches Fest von religiösem Charakter. Welche grosse Bedeutung dieses Fest sehr bald gewann, das den Juden in aller Welt den wunderbaren Triumph über den bösen Haman versinnbildlichte und das zu einer begeisterten Freudenfeier wurde, beweisen auch die Worte des Talmuds: „Alle Feste werden vergehen, aber Purim wird ewig bestehen." Durch die Jahrhunderte blieb der Sinn dieses Festes dem Bewusstsein des Volkes so tief verwurzelt, weil durch die Jahrhunderte es immer von neuem den Hamans begegnete, dem Hass und der Bosheit. Und weil es — wie im Fortwirken jenes alten Wunders — den Hamans aller Zeiten trotzte. Heute feiert man in Orten, wo ausschliesslich Juden in grossen Gruppen zusammenwohnen, so besonders in Palästina, mit dem einziehenden Frühling dieses Fest der Freude noch nach den alten fröhlichen Bräuchen. Da bewegen sich bunte Purimzüge, ausgelassenem Karnevalstreiben gleich, mit Sang und Tanz und Maskentrubel durch die Strassen. Und alle ziehen mit. Männer, Frauen und Kinder, erfüllt vom Jubel über die Erhaltung des Volkes durch alle Verfolgungen hindurch, vom Jubel über das Wunder, das ewig ist wie der Frühling. Von Börne bis Rathenau. Ein Essay von Dr. Arthur Sakheim Linksradikales Judentum spiegeln, Mahner .und Erwecker sind die vier berühmtesten deutschen Juden des neunzehnten Jahrhunderts: Heine, Börne, Marx, Lassalle. Aufklärer und zugleich noch viel mehr; der eine und andere eine verwegene Prophetennatur. _Seltsame, unruhige Synthese: Prophet und Aufklärer! Diese vier, so verschieden voneinander, sind wesentlich auf ein Verdrängen des Alten, ein Aufheben der nationalen Unterschiede, auf verjüngtes Chaos bedacht. Ihr gemeinsames Kennzeichen ist die entscheidende Betonung des Weltkulturellen, des von nationalen Bindungen und Beziehungen Unabhängigen. Sie sind um so und so viele Farbtöne tagheller als die ähnlich empfindenden Nichtjuden. Den Purpurwellen einer neuen Welt, frischen, stolz geschwellten Ideen entschlossener hingegeben. Jeder in seiner Art — der Flamme Trabant. So Börne, der in sein publizistisches Schaffen eine Fülle scharfen jüdischen Geistes gepreßt hat. Gesteh ich's, — ich wurde bis vor kurzem das bange Gefühl nicht los, daß dieser sympathische Biedermeier-Revolutionär und vielbewunderte Kritiker, dem beiläufig der Schlüssel zum Herzen des Judentums gefehlt hat, schon recht sehr veraltet sei. Börne hatte weite Horizonte und ein leicht entzündliches Temperament. Einen trotzigen Mannesmut, der sich selten zu Konzessionen, niemals zu untertäniger Philisterei herabliess. Er sehnte sich nach der Zeit, da alle Völker, alle Zonen ein einzig grosser Bund umschlingen würde. Sein Jerusalem heisst Paris, sein Vaterland war die Freiheit. Ludwig Marcuse („D a s Leben Ludwig Börnes"; Paul List Verlag, Leipzig 1929) hat mir den Börne näher gebracht. Marcuse, auch er ein Kritiker von Börnes Stamme. Mit Börne verbindet ihn die Abneigung gegen Trugidole, das Blut und der Geist. Beide haben sie die eifrige Feder, beide verfechten und rektifizieren Prinzipien des Allgemeinwohls, neigen zu detaillierten Reformprogrammen, aktuellen Werten zu, nicht ausgetutetem Singsang und altem Nibelungengold: — der Berliner von heute und der Frankfurter von ehegestern. Beide treten für das Solide und Organische im Reformwerk ein, für Wirkung und Glückauf in die Breite, sind Dialektiker, ohne jemals rabbinische Weisheit geschluckt zu haben, Ankläger und angriffslustige Negierer, überzeugt: Was zünden muss, wird zünden! — Mit Marcuse schätze ich an Börne (s. mein Buch „D as jüdische Element in der Weltliteratur", Verlag Hazoref, Hamburg 1924; ferner meinen Artikel „Juden in der deutschen Literatur" im „Jüdischen Lexikon") das glühende Temperament, den aktivistischen Publizisten, den Kämpfer wider abgelebte Torheit der Finsterlinge, der das Tuten satt bekam und endlich Taten wollte. Mit Marcuse gelangt man zu einer substantiellen Erkenntnis Börnes, des leidenschaftlichen Fanatikers. Seltsam indessen, wie sehr der Zivilisationsfirnis westeuropäischer Bildung bei Börne prädominiert, wie schwach sich die ungestürzte Vitalität des Ghetto an ihm bewährt Börne ist mit geduckten Schultern ganz Trieb des Fortschritts und Alarm. Von einer Verleugnung des Judentums kann, trotz der Taufe, keine Rede sein; eher schon von einer Verpönung. Börne ist Kosmopolit im frühen Vormärzmorgeu des Kosmopolitismus. Aber er glaubt eher an Lamennais als an den Universalismus der biblischen Propheten. An revolutionäre Gleichheit und Brüderlichkeit, aber im Sinne einer bürgerlichen, nicht einer sozialen Revolution. Börne war ein unergründlich assimilierter jüdischer Kopf. An Heine — der durch und durch Jude war, ernsthaft stolz ein jüdischer Lyriker zu heissen, wie David, Salomo, Gabirol, Halevi und der Römer Immanuel, an Heine den göttlich Animalischen, den Zyniker, den Chaotischen, den Zärtling, den Unsterblichen — reicht Börne nicht im entferntesten heran. Aber Marcuses Buch lehrt, dass man Börne, den Kreuzfahrer gegen dieOTReaktion (das Wort „Kreuzfahrer" kann hier nicht missverstanden werden), zuunrecht vergessen hat. Dieses Buch ist das Werk eines lebendigen, nachdenklichen und beweglichen Wortführers, Freischärlers und Zeitschriftstellers. Rudolf Schay veröffentlicht eine Essaysammlung „Juden in der deutschen Politik" (im Welt- Verlag, Berlin 1929). Schay handelt von Marx und Lassalle, die fanden, dass der Menschheit Herz zu patriarcha- ■.- v lisch, zu träge und gedankenlos schlage. Marx und Lassalle