Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 7 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
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ineindemitglieder in früheren Zeiten dem Rabbiner zu sdiicken pflegten. An verschämte Arme, auch an nichtjüdische, schickte man allerlei Gaben anonym. Wenn mau aus dem Vergleich mit ähnlichen Fällen einen Schluss ziehen darf, ist bei den Juden die Sitte, sich gegenseitig zu Purim zu beschenken, aus dem Bestreben hervorgegangen, durch Verallgemeinerung der Geschenke von den beschenkten Armen den Stadiel zu nehmen. In den jüdischen Kreisen Westeuropas ist diese prächtige Sitte fast ganz verschwunden. Dasselbe Schicksal widerfuhr (oder widerfährt) der andren vornehmen Purimsitte, nach der jeder Hausherr zum Purimmahl („Seudat Purim"), welches nach Mincha, knapp vor dem Dunkelwerden, begann und sich häufig bis tief in die Nacht hinzog, auf den Tisch eine grosse Schüssel mit Geldmünzen hinstellte und daraus jedem Bittsteller ohne Ausnahme eine Gabe reichte. Vornehmlich in diesen Handlungen der Wohltätigkeit äusserte sich die gehobene, fröhliche, sogar ausgelassene Stimmung, die am Purim herrschte. Für das Purimmahl waren besondere Gerichte und Bäckereien traditionell. So die mit Mohn oder Mus gefüllten Hamann-Taschen und das „Naunt", in Honig geprägelte Nüsse oder feine Teigfleckchen. Für das abendliche Purimmahl wurde ein grosses, geflochtenes Weissbrot gebacken, die Form dem sabbathlichen ähnlich, aber von ungleich grösseren Dimensionen. Der Teig wurde mit Eiern uud Safran geknetet. Der Braten wurde säuerlich zubereitet. Als Kompott ass man Feigen mit Rosinen in Wein gekocht. Aber schon beim Mittagessen durften die Kräpfchen mit Hackfleisch in der Suppe nicht fehlen, die allemal aufgetischt werden, wenn man „s c h 1 ä g t". Man „schlägt" dreimal im Jahre, aber es ist nicht gefährlich. Wenn Juden schlagen, fliesst in der Regel kein Blut: sie „schlagen" am E r e w Jom-Kippur „Kapparot", am Hoschaana Rabba Weidenzweiglein, am Purim den längst gehenkten Harn an. Von den besseren Speisen, besonders Fischen und Bäckereien sandte man zu Purim auch an die Gutsherrschaft, an christliche Honoratioren und sogar an den Ortsgeistlichen. (Diese Sendungen waren wohl ehemals pflichtgemäss und gehörten zu der Judensehutzsteuer). Beim Purimmahl sprach man auch dem Weine mehr zu als sonst. In alten Zeiten galt für Purim eine Trinkpflicht, die eine respektable Trinkfestigkeit voraussetzte, jedoch in den folgenden Zeiten bedeutend herunterging. Im Talmud wird noch das scherzhafte Gebot eingeprägt, am Purim sei es Pflicht, sich einen so mächtigen Rausch anzutrinken, dass man zwischen „Hoch Mordechai" und „Nieder mit Haman" nicht unterscheiden könne. Deswegen hat Purim den Ruf, der jüdische Karneval zu sein. Dazu trug vornehmlich der Umstand bei, dass die Unterhaltungen geräuschvollere Formen annahmen als sonst, dass man dem Humor und dem Spass freien Lauf Hess. Die Rabbiner und Gemeindeältesten drückten ein Auge zu, wenn das Volk in überströmender Lustigkeit ein wenig über die Stränge schlug. Wer an diesem Tage im fröhlichen Tumult den Nächsten beschädigte oder um einen Gegenstand des Genusses brachte, konnte deswegen nicht gerichtlich belangt werden. Es war seit uralten Zeiten üblich, sich an diesem Tage zu maskieren, wobei sogar, gegen das ausdrückliche biblische Verbot, Männer Fräuenkleider anlegen durften. Es gab auch einen besonderen Kiddusch für Purim, bestehend aus einer Anzahl von Versen aus verschiedenen Gebetstücken, die auf humoristische Weise ineinander geflochten wurden. Purimspieler oder -Sänger in Masken, „Verstellte", zogen aus den Städten über die Dörfer und sangen den dort verstreut wohnenden Juden Lieder vor. Allmählich entstand daraus das Purim-Spiel. Schon im 16. und 17. Jahrhundert verfasste man zu Venedig und Amsterdam in spanischer Sprache Dramen, die den Purim-Stoff behandelten. Doch das eigentliche Purim-Spiel in jüdisch-deutscher Sprache, nämlich dramatische Aufführungen für Purim, entstand erst im Anfang des 18. Jahrhunderts. Das erste war wohl das Adiasdiwerosdi-Spiel,. das 170S in Frankfurt am Main erschien. Bald zog man andere biblische Stoffe,, wie das Schicksal Josephs, in den Bereich der Darstellung. In den grossen jüdisdien Zentren, Prag, Amsterdam, Frankfurt a. M. wurde dieses Spiel von Jesdiiba-Jüngern, also mit Zustimmung der Rabbiner aufgeführt. Diese Darbietungen zogen in Frankfurt auch christliches Publikum an, daher wurden sie alsbald verboten. Dass es in der Welt auch ein niditjüdisches Purim, nämlich den Karneval gab, bekamen namentlich die Juden Roms im 15. Jahrhundert leibhaftig zu spüren. Früher schon waren sie angehalten worden, zu den Kosten der Volksbelustigung am Karneval in bedeutendem Masse beizusteuern. Im 15. Jahrhundert jedoch waren sie gezwungen, persönlich dabei mitzuwirken. Es wurden am Montag, dem ersten Karnevals-Tag, die Belustigungen durch Wettrennen zu Fuss eröffnet, und die Juden waren gezwungen, aus ihrer Mitte wenigstens adit Mann zu stellen, welche mit entblösstem Oberkörper audi bei ärgstem Regenguss dem Zug voranzulaufen hatten, die 1100 Fuss lange Rennbahn hindurch, mitten unter dem Geläditer und dem spöttischen Gebrüll des höhnisdien und sdiadenfrohen Pöbels. Einige Stunden später hatten die „Fattori", nämlich die Rabbiner und Oberhäupter der jüdischen Gemeinde, der Karnevals-Prozession der Senatoren von einem Ende des Korso bis zum anderen zu Fuss voranzuschreiten, wobei sie die etwas weniger rohen, aber nidit minder gesdimackvollen Zurufe und höhnisdien Sdireie der Menge über sich ergehen lassen mussten. Bis zum Regierungsantritt Pius IX. waren die Juden Roms gezwungen, alljährlidi mit diesen demütigenden und qualvollen Zeremonien ihr Wohnrecht in der ewigen Stadt zu bezahlen. Trotzdem nahmen gerade in Italien die Lustbarkeiten des Purim eine Form an, die eine auffällige Aehnlidikeit mit dem Karneval aufwies, mit dem es häufig zusammenfiel. Die Kinder stellten sich in Reihen auf und bewarfen sich gegenseitig mit Nüssen. Die Erwachsenen ritten zu Pferde durch die Strassen, mit Tannenzweiglein in den Händen, und belustigten sidi singend und Trompeten blasend rund um eine Haman darstellende Puppe, die auf eine Plattform gesetzt und schliesslich unter Singen und Jauchzen verbrannt wurde. Sdion aus der Zeit der Geonim (6. bis 8. Jahrhundert) berichtet eine, allerdings viel spätere Quelle, dass in Babylon die Kinder einige Tage vor Purim auf dem Dadi des Hauses eine Puppe, die Haman darstellte, an einem Galgen aufknüpften und in der Purim-Nadit, nach dem Mahl, sie auf einem grossen Scheiterhaufen jaudizend und Lieder singend verbrannten; die Erwachsenen sprangen dann über das Feuer weg. Das Purim-Springen („Mischwartha de Puria") über einen Sdieiterhaufen hinweg erwähnt einmal auch der babylonische Amora Rava im ersten Drittel des 4. Jahrhunderts. Der arabische Historiker Alberuni beriditet um das Jahr 1000, dass in manchen Gegenden die Juden am Purim über Hamans Tod frohlockten und eine ihn darstellende Figur anfertigten, die sie verprügelten und dann verbrannten. Ein anderer arabischer Historiker Makrisi, der um die Mitte des 15. Jahrhunderts starb, erzählt, dass die Juden zu Purim ein Bild von Haman herstellten, mit dem sie zuerst allerlei Possen trieben und das sie ins Feuer warfen. Im 18. Jahrhundert pflegten die Juden in Frankfurt a. M. am Purim Pyramiden aus kleinen Wachskerzen auf dem Vorlesetisch des Almemors zu entzünden, ebenso aus Wachs geformte kleine Figuren, die Haman und seine Frau darstellten. Dieser Brauch ist schon aus dem 5. Jahrhundert bezeugt, und zwar durch ein aus Konstantinopel datiertes Dekret des Kaisers Theodosius, welches den Juden verbot, an ihrem Feste ein Bild des Haman zu verbrennen, weil der Kaiser den unsinnigen Verdacht hegte, dass dieser Brauch an die Kreuzigung Christi erinnern sollte. Dass Purim gewöhnlich in die Karnevals- oder Fasdiingszeit fällt, ist kein blosser Zufall. Der Karneval des christ-