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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-02-01 · 6 (2.1930) · p. Seite 220

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
6 (2.1930)
Date
1930-02-01
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
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In einem wesentlichen Punkte unterscheidet sich nun die altjüdische Medizin, für die das eben gesagte auch in mancher Beziehung zutrifft, von der Heilkunde der meisten anderen Völker: das alt jüdische Volk verfügt über kein eigenes ärztliches System und kein ärztliches Schrifttum. Während die ärztlichen Papyri der Aegypter uns über ihre medizinischen Vorstellungen weitgehend orientieren, während uns die brahmanische Medizin der alten Inder in d,en Schriften ihrer Aerzte Atreya und Süsruta im Zusammenhang vorliegt, sind einzige Quelle der jüdischen Medizin, die in Bibel und Talmud verstreuten Bemerkungen über ärztliche' Dinge, die auch nur so weit berührt werden, als es für das Gesetz in Betracht kommt. Zwar werden im Talmud medizinische Dinge ausführlich besprochen, aber niemals steht die medizinische, sondern die juristische bezw. religiöse Seite der Frage im Vordergrund. Von medizinischer Systematik kann daher nicht die Rede sein, es sind immer mehr zufällige Bemerkungen, die sieh über medizinische Themen finden. So gibt es keine alt-jüdische Medizin in dem Sinne, wie wir von indischer oder griechischer Medizin sprechen, um so wehiger als sich unter den Talmudisten nur ganz vereinzelt berufsmäßige Aerzte finden. Die in den talmudischen Schriften niedergelegte Tradition umfaßt bekanntlich einen Zeitraum von vielen Jahrhunderten, und es ist daher verständlich, daß sich nebeneinander Aussprüche und Ansichten finden, die verschiedensten Kulturperioden angehören, und es ist bei der engen Berührung des Judentums mit den Nachbarvölkern auch klar, daß wir bei ihm manche von anderen Völkern entlehnte Vorstellungen über das Wesen der Krankheit antreffen. Im ganzen waren die Ansichten des Talmud über die Krankheitsursachen noch relativ einfach, und auch hinsichtlich mancher physiologischer Erkenntnisse ist man nicht über das von anderen Völkern Gelehrte hinausgekommen, so{ wird z. B. das Herz nicht als Organ des Blutumlaufs, sondern als Sitz des Verstandes angesehen. Aber es muß ausdrücklich hervorgehoben werden, daß neben manchen uns heute wunderlich anmutenden Anschauungen sich vielfach im Talmud medizinische Kenntnisse finden, die auf recht hoher Stufe stehen. Wer sich für diese Dinge im Einzelnen interessiert, sei auf das grundlegende Werk des verstorbenen Berliner Arztes Julius P r e u ß verwiesen, der die biblisch-talmudische Medizin im Zusammenhang dargestellt hat. Sind auch die eigentlich medizinischen Gedanken der alten Juden nicht besonders fruchtbar und richtunggebend für spätere Zeiten geworden, so gilt dies aber nicht von der Hygiene des jüdischen Volkes. Wenn auch der hygienische Gedanke beim Erlaß der religiösen Vorschriften sicher nicht ausschließlich maßgebend war, so ist doch die hygienische Bedeutung der lleinheitsvorschriften sowie der Speisegesetze eine ganz gewaltige, und sie sind in mannigfacher Weise über das jüdische Volk hinaus maßgebend geworden. Der ätiologische Gedanke der Kontaktübertragbarkeit von Krankheiten und der Gedanke der Vermeidbarkeit der Uebertragung durch Ausschluß der Kranken aus dem Volke, wurde, wie P a g e 1 sagt, von den Juden konzipiert und in vorbildlicher Weise in die Tat umgesetzt. Die Bestimmungen über die Behandlung Aussätziger im 3. Buch Moses bilden sicher die Grundlage der seit dem 6. Jahrhundert von Frankreich ausgehenden Reglementierung der Leprakranken. Man darf wohl sagen, daß der hygienische Teil des jüdischen Priesterkodex hinsichtlich seiner universellen Bedeutung dem ethischen nicht nachsteht. Ein eigentliches medizinisch-jüdisches Schrifttum entsteht erst mehrere Jahrhunderte nach Abschluß d&s Talmud. Aber ganz vorwiegend ist die weitere Entwicklung der jüdischmedizinischen Literatur mit dem Aufblühen und der Verbreitung der arabischen Kultur verbunden, die seit dem 8. Jahrhundert eine gewaltige Ausdehnung erfuhr. Den Arabern, die selbst keine neuen fruchtbaren medizinischen Ideen produzierten, gebührt das große Verdienst, die Errungenschaften der griechischrömischen Medizin sich angeeignet und das Abendland mit ihnen vertraut gemacht zu haben. Darin wurden?ie in hervorragender Weise von jüdischen Aerzten unterstützt. Neben den beiden größten Leuchten arabischer Medizin Rhazes und Avicenna warer. von der Mitte des 11. Jahrhunderts jüdisch-arabische Aerzte die Hauptrepräsentanten der arabischen Medizin. Aus ihrer großen Zahl seien nur zwei hervorgehoben. Der eine ist lsaac Israeli, der um das Jahr 1000 lebte und als Arzt im Dienst Obeid-AUahs, des Begründers der fatimidischen Dynastie stand. Er war u. a. Verfasser einer Fieberlehre, einer Diätetik sowie einer Harndiagnostik, Berühmt ist sein Buch über ärztliche Ethik. Von den vielen und nützlichen Lehren, die diese Schrift enthält, seien einige hervorgehoben, deren Richtigkeit auch heute niemand bestreiten kann. So sägter: ..Der Arzt bewirkt nicht die Heilung, sondern bahnt nur den Weg, bis die Natur wirkt, die eigentliche Wirkerin"; ferner: „Verlasse dich niemals bei deinen Kuren auf Wundermittel, da sie meist in Torheit und Aberglaube bestehen", oder schließlich: „Der Arzt, welcher die Beseitigung einer Krankheit mit Sicherheit voraussagt, lädt schwere Schuld auf sich, da er an die Stelle des Möglichen ein Notwendiges setzt'". Durch die Schriften Israelis, die später ins Lateinische übersetzt wurden, war das Abendland zuerst mit der arabischen Medizin bekannt gemacht, und noch 600 Jahre später erschkn in Leiden eine Gesamtausgabe der Schriften dieses jüdischen Arztes. Ludwig Edinger (1855-1918) Die größte Persönlichkeit der jüdisch-arabischen Medizin ist aber Mose ben Maimon, Maimonides genannt. Er wurde 1135 in Cordova geboren und starb 1204 als Leibarzt eines Khedivs in Kairo. Ebenso bedeutend wie als Schriftgelehrter und Philosoph war er auch als Mediziner. Von seinen zahlreichen medi- " zinischen Schriften seien hier nur erwähnt sein Buch über die Gifte und die Heilung der Vergifteten, sowie seine ärztlichen Aphorismen, die „Pirke Mauscheh". Ueberau tritt sein Bestreben hervor, seine geistige Selbständigkeit zu wahren und sich nur an das zu halten, was er wissenschaftlich begreifen konnte. Er war daher ein nüchterner Beobachter und ein vorsichtiger und zugleich origineller Therapeut. Wenn wir in späteren mittelalterlichen Schriften immer wieder auf lsaac Judäus und Maimonides stoßen, so geht daraus hervor, wie sehr die Autorität dieser jüdischen Aerzte die nachfolgenden Generationen jahrhundertelang beeinflußte. Hervorragende medizinische Schriftsteller, die mit den genannten an Bedeutung vergleichbar wären, finden wir später nicht mehr wieder. Trotzdem ist bis zur Zeit der Renaissance der wissenschaftliche Einfluß jüdischer Aerzte nicht gering, weil sie infolge ihrer Sprachkenntnisse die medizinischen Werke, insbesondere der Araber übersetzten und dadurch zur Förderung und Verbreitung medizinischer Kenntnisse außerordentlich viel beitrugen. Einer der letzten mittelalterlichen medizinischen Theoretiker von allgemeiner Geltungist. Abraham Sacchutb, in der Medizingeschichte unter dem Namen Zacutus Lusitanus bekannt, wie sein Beiname sagt, Portugiese von Geburt. Er lebte erst in den Niederlanden, später in Portugal und starb im Jahre 1642. Sein Hauptwerk ist die historia medicorum principum, ein im wesentlichen encyclopädistisches 12bändiges Werk. Wenn wir später, besonders zur Zeit der großen Entdekkungen auf dem Gebiet der Anatomie und Physiologie im 16. und 17, Jahrhundert erhebliche originale Leistungen jüdischer

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