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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-02-01 · 6 (2.1930) · p. Seite 219

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
6 (2.1930)
Date
1930-02-01
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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219 verbliebenen Kräften und Mitteln an die Lösung unserer vielfältigen Aufgaben herantreten. In diesem Sinne verstehe ich das Misdmawort unseres Textes. Die Verwurzelung in der Thora behütet den Menschen vor jeglichem Unheil, das die Wechselfälle des Lebens nach sich ziehen könnten. Von der Jugendzeit des pflichttreuen jüdischen Menschen gilt das Prophetenwort: „Die des Ewigen harren, erneuen die Kraft." Sie erneuen die Kraft nach jeder Enttäuschung und jedem schmerzlichen Verluste. Ist ihnen auch vieles genommen worden, so wirken sie. doch weiter in engerem Kreise und mit beschränkteren Mitteln, aber mit reicher Seele und ungeschwächter Zuversicht.. Schliesslich kommt es nicht auf die Summe der Leistungen an, sondern auf das Verhältnis zwischen Leistung und Kraft. Und selbst noch im Greisenalter bewahren die Menschen, die im Heiligtum Gottes die Wurzeln ihres Seins haben, ihre Frische und Erneuerungsfähigkeit. „Noch blühen sie im Greisenalter, bleiben saftvoll und frisch." Dies zeigt uns auch das Leben unseres ersten Stammvaters, von dem geschrieben steht: „Abraham war alt, gekommen in die Jahre, und Gott hatte Abraham in allem gesegnet." in. „Gott hatte Abraham in allem gesegnet." A b ra h a m war ein Gottbegnadeter. Ihm war es gegeben, der Pfadfinder der Gotteserkenntnis und der edelsten menschlichen Tugenden zu werden. Er war ein Gottbegnadeter. Er hatte den Mut, ein Einziger zu sein und seine eigene Erkenntnis und seine eigene Lebensart einer ganzen Welt gegenüber zu vertreten. Die Isolierung hat ihm nicht geschadet. Seine heidnische Umgebung, wir haben es heute gelesen, nannte ihn einen Fürsten Gottes. Dieser gottbegnadeten Persönlichkeit konnte niemand den Tribut der Ehrfurcht vorenthalten. Gott hatte ihn in allem gesegnet. Aber wieviel Stürme waren über sein Haupt dahingegangen? Wieviel schwere Prüfungen hatte er zu bestehen! Die Weisen wenden auf ihn den Psalmvers an: „Nicht fürchtet er sich vor böser Kunde, fest ist sein Herz, vertrauend auf den Ewigen." Er fürchtete sich nicht vor böser Kunde, weil Gott ihm das Zeugnis ausstellen konnte: „Nun weiss ich, dass du gottesfürchtig bist." In seinem von Gottesfurcht erfüllten Herzen konnte keine andere Furcht Raum finden. Nicht Schicksalsfurcht und nicht Menschenfurcht. Und fest war sein Herz, weil von ihm gesagt werden konnte: „Du hast sein Herz treu befunden vor dir." (Beresch. r. 43, 1.) So reich aber auch sein Leben an schweren Prüfungen war, — als er alt geworden, — dai stand es ihm klar vor den Augen, dass alle Prüfungen zu seinem Besten waren. Sie förderten seine innere Ausreifung, seine sittliche Erstarkung und Entfaltung. „Abraham war alt, gekommen in die Jahre, und Gott hatte Abraham i n allem gesegnet." Auch die Prüfungen seines Lebens hatten sich zum Segen ausgewirkt. So lasst uns denn, meine Brüder und Schwestern, stark und fest sein in unserem Glauben an Gott und seine gnadenreiche Waltung. Und lasst uns stark und fest sein in der Erfüllung der uns gewordenen jüdischen Pflichten. Dann werden wir stark und fest sein in allen Gefahren und Anfechtungen. Und wir werden uns bewähren in der Enge und Bedrängnis, Es wird sich auch an uns erfüllen das Wort des Psafmdichters „Nicht fürchtet er sich vor böser Kunde, fest ist sein Herz, vertrauend auf den Ewige n." Jüdische Wohlfahrtspflege Frankfurt a. M* Abteilung I: Allgemeine Fürsorge Untersttitzungen, Mietbeihilfen Krankenhausfürsorge, Erholungsfürsorge Langestr. 30 Postscheckkonto 54893 Tel. Hansa 9548 Ueber den Einfluß des Judentums auf die Entwicklung der theoretischen und praktischen Medizin Von Prof. Dr. S. Isaac. Die Geschichte der Medizin ist ein Teil der allgemeinen Kulturgeschichte. Denn ebenso wie Religion, Literatur und Kunat ist auch die Art und Weise, wie ein Volk ärztliche Kunst und Wissenschaft pflegt, Ausdruck seiner geistigen Eigenart und kulturellen Höhe. Dies gilt besonders von den Völkern des Altertums und ihrer Heilkunde. So lange es menschliche Wesen auf der Erde gibt, existiert eine Heilwissenschaft, wenn diese auch zunächst nur in instinktiven, zweckmäßigen Handlungen bestand. Aber von dieser primitivsten Form der Heilkunde unterscheidet sich die Medizin der ältesten Kulturvölker, etwa der Babylonier und Assyrer oder der Aegypter dadurch, daß sie das Paul Ehrlich (1854-1915) von den frühesten Perioden herstammende empirische medizinische Wissen erstmals in ein theoretisches System zusammengefaßt haben; der Drang nach Erkenntnis führte auch zum Nachdenken über das Wesen der Krankheit und weiterhin zur Aufstellung von Krankheitstheorien. Letztere sind deshalb von allgemeinem kulturhistorischen Interesse, weil sie in enger Beziehung zur Weltanschauung der einzelnen Völker stehen. Entsprechend ihrer Vorstellung von der Herrschaft der Sterne, in denen sich die Götter offenbaren und ihrer Anschauung von der Bedeutung der Zahl, die alles Geschehen an bestimmte Zahlenverhältnisse gebunden hielt, finden wir z. B. in der Medizin der alten mesopotamischen Völker starke astrologische Einschläge und eine hohe Bewertung der ZahL Diese kommt in der Unterscheidung günstiger oder ungünstiger Tage für die Vornahme ärztlicher Eingriffe zum Ausdruck oder in der wichtigen Rolle, welche die Zahl der Arzneistoffe bei Verordnung von Arzneien spielt. So hat die medizinische Wissenschaft eines jeden Volkes im Altertum ihr eigenes Gepräge; das gilt auch für die Völker, die wie Griechen und Römer am Ausgang des Altertums stehen, wenn auch bei ihnen bereits naturwissenschaftliches Denken religiöse und weltanschauliche Einflüsse so stark zurückgedrängt hat, daß die griechisch-römische Medizin, von dem römischen Arzte Galenus (etwa 150 p. Chr.) in ein System zusammengefaßt, das ganze Mittelalter hindurch herrschend bleiben konnte.

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